Vermutlich ist den aktuellen «Harten Jahren» zuzuschreiben, dass der Schutz vor der Gewalt kaum mehr selbstverständlich erscheint; «Notre salut» des französischen Cannes-Debütanten Emmanuel Marre erzählt jedenfalls eine in der Vergangenheit situierte Geschichte, der man zweieinhalb Stunden lang mit grossem Interesse folgen kann.
Das intimistisch inszenierte Drama, das während des 2. Weltkriegs spielt, taucht in den Alltag eines ambitiösen Beamten der Kollaborationskapitale Vichy ein, wobei dem Regisseur das kleine Wunder gelingt, der verstaubten Technokratie in den Ministeriumsablegern Leben einzuhauchen, und zugleich die von der Niederlage ausgelösten Spannungen spürbar zu machen.
Französischer Blick in die Vichy-Vergangenheit
Es ist die Stunde der Opportunisten und überzeugten Pétainisten, deren Verfehlungen umso eklatanter sind, als der Kriegsverlauf auf der Bildspur (fast) vollständig abwesend bleibt. Der Druck, der auf den Beamten der sogenannten «freien Zone» lastet, schlägt sich allenfalls in den Befehlen nieder, die sie zu willigen Vollstreckern werden lässt: zuerst müssen Lager für ausländische Arbeitskräfte gebaut werden, später wird Treibstoff angefordert, um die jüdische Bevölkerung nach Toulouse zu transportieren. Zugleich ist im Off die (lose auf der von Emmanuel Marres Urgrosseltern basierende) Privatkorrespondenz des Protagonisten zu hören, die zu verstehen gibt, dass der windige Kollaborateur das gesamte Privatvermögen seiner Frau in den Vorkriegsjahren veruntreut hat.
Es ist nicht nur dieser Riss im Riss, der der Figur ein interessantes Profil verleiht. Das körnige Bild und die streckenweise grell ausgeleuchteten Szenen holen das Script aus der Sepia-Ästhetik heraus, in der viele Historienfilme ihre Lebendigkeit verlieren. Der Sound-Track untermalt überdies zwei, drei Szenen mit 1980er-Jahre-Pop, als ob es darum ginge, sicherzustellen, dass der Film auch aus einer zeitgenössischen Perspektive wahrgenommen wird.
Swiaginzews Inszenierung russischer Aussen- und Innenwelten
«Minotaur» von Swiaginzew erinnert in mancher Weise an « Leviathan », seine letzte Inszenierung, und nicht allein wegen des Titels, der, wie der Vorgänger, einen mythologischen Nachklang hat. Auch hier wird die russische Politik samt ihrem Korruptionspotenzial vorgeführt, ebenfalls präsent sind die grossen Fensterfronten, die die Aussen- und die Innenwelten nahtlos ineinander verfliessen lassen. Erneut liegt die Bedrohung unter einer Oberfläche, deren Schönheit von der Kamera eingangs in elegische Bilder gefasst wird. Neu ist allenfalls, dass der Plot nun zwei Erzähllinien verfolgt — bis das Drehbuch sie in einer smarten Volte zusammenführen wird.
Da sind zunächst Gleb und Galina, deren Paarbeziehung schon länger in Schieflage geraten ist. Als Gleb erfährt, dass seine Frau ein Verhältnis mit einem Fotographen unterhält, folgt die unvermeidliche Gewaltexplosion — «Minotaur» ist (unter anderem) ein Remake von Claude Chabrols «La femme infidèle», der mit seinen Ambivalenzen zu den Höhepunkten des französischen Filmschaffens der 1960er Jahre zählt. Eine spezifische Färbung erhält der Film dank seiner Verankerung in der Gegenwart, beziehungsweise in der Zeit eines diffusen, aber allgegenwärtigen Kriegs, der umso effizienter ins Bewusstsein des Publikums dringt, als er tangential eingefangen wird: Mit Panzern beladene Lastzüge fahren durchs Bild, auf den grossen Plakatwänden sind Rekrutierungskampagnen angebracht (später werden die Plakate zur Ehrung der «ewigen Helden» aufrufen). Auf den Computerbildschirmen sind Explosionen zu sehen.
Die familiäre Implosion ist zunächst ebenfalls nur an den Symptomen erkennbar: an den fliehenden Blicken der Protagonisten und den ausweichenden Gesten. Im Gegensatz zur Hintergrundzeichnung, die das Machtgefüge in der russischen Provinz mit ätzender Schärfe umreisst, produziert die Fein-Schraffur, mit der die Erosion des sexuellen und emotionalen Lebens des Paares nachgezeichnet wird, eine Zwiespältigkeit, die den beiden Figuren eine überraschende Plastizität verleiht.
Im Exil seirt «Spezialoperation»
«Ich stecke in einem bodenlosen Morast fest», sagt Galina in einer der wenigen Dialogzeilen des Films, in der sie sich eine ungeschminkte Aussage erlaubt. Man könnte den Satz fast dem Regisseur zuschreiben, den die «Special Operation» ins Exil trieb und der seit nun vier Jahren in Frankreich lebt. Nach einer Covid-Erkrankung schwebte er überdies lange in Todesgefahr. Der darauffolgende, endlose Schwächezustand hielt ihn zusätzlich vom Berufsleben fern.
Ist es dieser Erfahrung zuzuschreiben, dass «Minotaur», nach neunjähriger Drehpause entstanden, jeglichen Ballasts entledigt scheint? Selten jedenfalls hat sich der Regisseur derart nüchtern seiner Thematik angenommen. Das Schlussbild zeigt eine Wolkenlandschaft, vom Sohn des Paares beim Anflug auf Kreta mit dem Handy aus dem Flugzeugfenster gefilmt —es ist das optimistischste Ende von Swiaginzews Werkkatalog.
«Soudain» - dem «Guten» zugewandt
Ein heiss erwarteter Beitrag schliesslich war «Soudain», die franko-japanische Produktion von Ryusuke Hamaguchi — der Film war mit fast zweihundert Filmminuten auch der längste. In einer konterintuitiven Abkehr vom Zeitgeist präsentiert Hamaguchi eine gänzlich dem «Guten» zugewandte (und verblüffend frontal inszenierte) Erzâhlung: Virginie Efira spielt Marie-Lou, die Direktorin eines Pariser Heims für Alzheimerpatienten, denen sie mit Hilfe einer respektvollen Pflegemethode den letzten Lebensabschnitt erleichtern will. Fahrt nimmt die Geschichte auf, als Marie-Lou eines Abends die krebskranke japanische Regisseurin Mari kennenlernt, deren Theaterproduktion auf einem Schlüsselsatz des italienischen Psychiaters Franco Basaglia basiert: «Wer, der bei guter Gesundheit ist, ist wirklich lebendig?»
Ein sich ins Endlose ziehender Spaziergang am Seineufer verwandelt die Begegnung der beiden Frauen in eine Freundschaft, die ihre innere Spannung bis ans Filmende behalten wird. Man könnte sämtliche Kitschfallen aufzählen, an denen die Kamera haarscharf vorbeischrammt — was nachträglich am meisten beeindruckt, ist Hamaguchis Fähigkeit, die Bilder und Dialoge so weit aufzufächern, dass sie eine eigentliche Tiefenwirkung entfalten.