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Bildung

Sprache als Medium der Demokratie

7. März 2026
Carl Bossard
Tagesschau

Immer mehr Texte bis zu Klassikern der Literatur werden in «leichter Sprache» angeboten. Etwa bei Behördeninformationen ist das zu begrüssen: möglichst keine Hürden des Verstehens. Doch was geht verloren, wenn Sprache generell nur noch leicht sein soll?

Ein kleines Experiment. So beginnt Gottfried Kellers Novelle «Kleider machen Leute»:

«An einem unfreundlichen Novembertage wanderte ein armes Schneiderlein auf der Landstrasse nach Goldach, einer kleinen reichen Stadt, die nur wenige Stunden von Seldwyla entfernt ist. Der Schneider trug in seiner Tasche nichts als einen Fingerhut, welchen er, in Ermangelung irgendeiner Münze, unablässig zwischen den Fingern drehte, wenn er der Kälte wegen die Hände in die Hosen steckte (…)»

Und nun derselbe Anfang – in sogenannt «leichter Sprache»:

Ein armer Schneider geht eine Strasse entlang.
Es ist ein kalter Novembertag.
Er will nach Goldach gehen.
Goldach ist eine kleine Stadt.
Dort leben viele reiche Leute.
Der Schneider hat fast nichts bei sich.
Er hat nur einen kleinen Fingerhut.
Er dreht ihn in der Hand.
Seine Finger tun weh.
Es ist sehr kalt.
Sein Meister hat kein Geld mehr gehabt.
Deshalb hat der Schneider auch keinen Lohn bekommen.

Literatur ohne Zwischentöne 

Der Unterschied springt sofort ins Auge. Die Handlung bleibt erkennbar, doch vieles von dem, was Gottfried Kellers Sprache lebendig macht – ihr Rhythmus, ihre Ironie, ihre feinen Zwischentöne –, ist verschwunden. Aus Literatur wird Information.

Genau hier beginnt die eigentliche Frage: Was gewinnen und was verlieren wir, wenn Sprache radikal vereinfacht wird? Das Experiment zeigt mehr als eine stilistische Veränderung. Es weist auf eine Tendenz hin: Texte sollen möglichst einfach sein.

Genau diese Entwicklung hat auch den Luzerner Verleger André Graf dazu bewogen, Klassiker der Weltliteratur in «Leichte Sprache» umzuschreiben. (1) Rund zweihundert Titel sind erschienen. Die Nachfrage ist vorhanden.

Der Zuspruch zeigt, wie ernst die Ausgangslage ist: In der Schweiz können rund 800’000 Erwachsene nicht richtig schreiben und haben Mühe, längere Texte zu verstehen. Auch viele Schulabgänger tun sich mit dem Lesen schwer. Das Problem ist real. Die Frage ist nur: Wie reagieren wir darauf?

Schule als Fremdenführerin

Der deutsche Pädagoge Thomas Ziehe fordert von der Schule, sie müsse Kinder und Jugendliche aus ihren Eigenwelten herausführen und sie über kulturelle Gegenwelten zum Denken anregen. (2) Unterricht dürfe nicht nur bestätigen, was sie bereits kennen. Schule müsse auch gegenhalten.

Lehrerinnen und Lehrer sind deshalb gewissermassen Fremdenführer: Sie führen junge Menschen in unbekannte Landschaften – in Geschichte, Mathematik, Literatur, Kunst. Dort begegnen sie zunächst Fremdem und dem Gefühl, etwas nicht sofort zu verstehen. Genau dort beginnt Bildung.

Bildung entsteht selten nur aus spontaner Neigung. Sie entsteht, wenn jemand erklärt, einordnet – und verlangt, dass man sich anstrengt. Verstehendes Lesen gehört zu diesen Fähigkeiten. Man lernt es durch Übung: Texte erschliessen, paraphrasieren, zusammenfassen, diskutieren.

Die Versuchung der Vereinfachung

Die Bewegung der «Leichten Sprache» will Texte vereinfachen: kurze Hauptsätze, keine Nebensätze, keine Metaphern, keine komplizierten Wörter. Die Vergangenheitsform, also das Imperfekt oder Präteritum, existiert nicht. Sprache wird auf Information reduziert. Dahinter steht auch eine kulturelle Versuchung unserer Zeit: Alles soll möglichst leicht zugänglich sein. Anstrengung gilt rasch als Zumutung – sowohl für den Leser als auch für denjenigen, der sie einfordern müsste.

Doch Sprache ist mehr als ein Transportmittel. In ihr wird gedacht und unterschieden. Rhythmus und Stil tragen Bedeutung. Wer Sprache zu stark vereinfacht, reduziert auch die Möglichkeiten des Denkens.

Der Berliner Germanist Kai Bremer zeigt dies am Beispiel von Lessings Ringparabel «Nathan der Weise». (3) In einer vereinfachten Schulausgabe verschwindet die Verssprache des Originals – und damit ein wesentlicher Teil des Werkes. Ästhetische Bildung kann nicht gelingen, wenn das Ästhetische aus dem Text entfernt wird.

Nicht jeder Schüler wird zum leidenschaftlichen Leser. Das war auch früher so. Schulisches Lesen dient nicht nur der Unterhaltung, sondern dem Erlernen einer Fähigkeit: komplexe Texte zu verstehen. Diese Fähigkeit entsteht durch Anstrengung.

Wer erlebt hat, wie sich ein schwieriger Text plötzlich erschliesst, kennt das Gefühl einer gedanklichen Schwelle. Es ist eine kleine intellektuelle Eroberung. Deshalb warnen Deutschlehrer davor, Klassiker nur in vereinfachten Fassungen zu lesen. Wer Hürden immer beseitigt, nimmt die Chance zum Wachsen. (4)

Argumentationen statt blossen Parolen

Das Thema betrifft auch die Demokratie. Wer schlecht liest, informiert sich weniger – und beteiligt sich seltener an Abstimmungen. Eine Studie der Universität Zürich von 2025 zeigt, dass fast die Hälfte der Bevölkerung in der Schweiz (46,4%) keine oder kaum politische Nachrichten nutzen. Sie zählen zu den sogenannten «News-Deprivierten». (5)

Demokratie lebt davon, dass Bürger Texte verstehen und Argumente prüfen können. Sprache ist dabei nicht bloss ein Transportmittel für Informationen. In ihr wird gedacht, abgewogen und unterschieden. Wer dazu sprachlich nicht in der Lage ist, wird anfälliger für Vereinfachungen und Parolen. Deshalb darf Schule bei der Sprache nicht auf Minimierung der Anstrengung setzen.

Leichte Sprache hat ihren Platz – etwa dort, wo Menschen grosse Schwierigkeiten mit der Schriftsprache haben. Niemand bestreitet das. Problematisch wird es, wenn sie zum allgemeinen Leitmodell wird.

Die Schule darf sich nicht darauf beschränken, Sprache zu vereinfachen. Ihre Aufgabe ist es, junge Menschen an anspruchsvollere Texte heranzuführen – geduldig, Schritt für Schritt, mit Übung und gemeinsamer Lektüre.

Zugänge zur Welt

Wer einen schwierigen Text versteht, lernt differenziert zu denken. Wer differenziert denkt, ist weniger anfällig für einfache Parolen. Der Philosoph Ludwig Wittgenstein hat es knapp formuliert: «Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.»

Vielleicht liegt hier der eigentliche Bildungsauftrag der Schule: die Welt der jungen Menschen zu erweitern, indem sie ihre Sprache erweitert – und ihnen zutraut, auch Schwieriges zu verstehen. Jede neue sprachliche Unterscheidung ist wie ein Fenster mehr zur Welt.

(1) Julia Stephan, DIN satt Dichtung, in: CH Media, 19.02.2026, S. 15 

(2) Thomas Ziehe (2005), Die Eigenwelten der Jugendlichen und die Anerkennungskrise der Schule, in: Detlev Horster, Jürgen Oelkers (Hrsg.), Pädagogik und Ethik. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, S. 277ff.

(3) Heike Schmoll, Lessing büsst das Versmass ein, in: FAZ, 06.02.2026. S. 10

(4) Der Germanist und ETH-Rektor Karl Schmid (1907-1974) spricht vom «Widerstand der Sache». Gemeint ist die Erfahrung, dass Lerngegenstände eine eigene Struktur besitzen. Gerade im Umgang mit dieser Struktur – nicht in ihrer Beseitigung – entsteht Bildung (In: Karl Schmid (1998), Gesammelte Werke. Bd. IV 1961-1965. Unbehagen im Kleinstaat. Thomas Sprecher, Judith Niederberger (Hrsg.). Zürich: Verlag NZZ, S. 109ff.; 366ff.)

(5) https://www.foeg.uzh.ch/de/news/2025/Jahrbuch-2025.html (abgerufen: 06.03.2026)

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