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Sprach-Akrobatik [84]

Sprach-Akrobatik [84]

24. Mai 2013
Journal21
Wer «unterkomplex» sagt, fällt ein Urteil vom hohen Ross.

Ein Modewort ist es nicht, vielleicht auch bloss noch nicht. Deshalb kann, wer es beiläufig anbringt, noch immer mit einem Hoppla-Effekt rechnen: Der Widerpart habe das Problem unterkomplex dargestellt, in der Diskussion unterkomplex argumentiert, eine unterkomplexe Lösung propagiert. Wer eine solche Etikette angepappt bekommt, steht als ahnungsloser Einfaltspinsel da.

Das Adjektiv oder Adverb «unterkomplex» stammt aus dem sozialwissenschaftlichen Jargon. Es kritisiert Mängel in Bezug auf Faktenreichtum, Kriterienvielfalt, Perspektivenwechsel, Differenzierungsgrad und reflektierte Methodik. Aussagen, die als unterkomplex qualifiziert sind, werden der angeblich hohen Komplexität eines Sachverhalts nicht gerecht und gelten somit als wissenschaftlich wertlos.

Mit dem Transfer des Wortes in den ambitionierten Smalltalk und ins Raunen der Medien ist «unterkomplex» selber unterkomplex geworden. Es dient nunmehr als diskursive Allzweckwaffe, um andere niederzuhalten und sich selbst einen souveränen Durchblick zu attestieren.

Ohne Konkretisierung, wo der behauptete Mangel an Komplexität steckt, bleibt die Zuschreibung «unterkomplex» völlig nichtssagend. Die Komplexität der Welt ist bekanntlich grenzenlos; es ist auch bei begrenzten Gegenständen nicht möglich, sie sprachlich vollständig abzubilden. Der diskussionstaktische Vorwurf, jemand äussere sich unterkomplex, ist daher vorerst einmal eine leere Floskel, so lange kein genauer Inhalt benannt ist. Die Position auf dem hohen Ross beglaubigt noch gar nichts. (Urs Meier)

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