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Kulturgeschichte

Sogar im Suppenhuhn sitzt eine Seele

12. Juni 2020
Alex Bänninger
Bankivahuhn,die wildlebende Stammform des Haushuhns. Foto: Museum zu Allerheiligen
Bankivahuhn,die wildlebende Stammform des Haushuhns. Foto: Museum zu Allerheiligen
Alle Massentierhaltungsbetriebe sofort schliessen! Wer zögert oder dagegen ist, besuche die Hühner-Ausstellung in Schaffhausen.

Wo Hunger ist, wartet ein Huhn. Arm an Fett, reich an Proteinen, günstig, schnell zubereitet. Als Poulet oder Mistkratzerli, als ganze oder geschnetzelte Brust, als Schenkel oder Flügeli, als Ei. 120 Millionen Kilogramm Hühnerfleisch gehen jährlich durch die Schweizer Mägen. 15 Kilogramm pro Person.

Ehrenrettung

Damit landen Hähne und Hühner – hinter den Schweinen mit 21 Kilogramm – auf Platz 2 der Fleischkonsumstatistik, vor den Rindern mit 11 Kilogramm, weit vor den Ziegen mit 80 Gramm. Eine Milliarde Eier wird hierzulande Jahr für Jahr produziert. 125 pro Person. Das legende und geschlachtete Federvieh ist heiss begehrt, das krähende und gackernde lässt kalt. Hier setzt die Ausstellung „Hühner – Unterschätztes Federvieh‟ im Museum zu Allerheiligen Schaffhausen ein.

Amerikanisches Leghorn, eine aus Italien stammende Haushuhnrasse. (Foto: Rudi Proll)

Sie verhilft dem Huhn zu Ehren, beleuchtet dessen kulturgeschichtliche und biologische Hintergründe, vermittelt einen Überblick über die Vielfalt der Haus- und Wildhühner, erklärt die komplexe Rang- und Hackordnung, erhellt die Rolle in den Religionen, Sprachen und Wertsystemen und informiert über die ökonomischen Zusammenhänge.

Drei Hühnerhöfe vor dem Museumseingang stimmen ins Lob aufs Federvieh ein. Überraschend und eindrücklich ist der Ausstellungs-Auftakt. Der Berliner Künstler Andreas Greiner gestaltete im 3D-Druckverfahren das zehnfach vergrösserte Skelett eines heutigen Masthuhns. Es sieht aus wie ein Dinosaurier und verweist damit auf die Vorfahren des Huhns. Respekt erheischend, Neugier weckend.

Die Botschaft kommt an

Die optische Ouvertüre bleibt leider ein uneingelöstes Versprechen. Der didaktische Eifer herrscht vor. Die Ausstellung ist ein begehbares Lexikon. Die Augen langweilen sich. An Vitrinen, Touchscreens und Wandtexten vorbei füllt sich der Kopf mit Wissenswertem. Das Huhn hat einen uninspirierten Auftritt.

Gleichwohl kommt die zentrale Botschaft an. Die Hühner, die mit Familiensinn leben, die Hennen, die ihre Küken bemuttern, haben mehr verdient, als in den Lebensmittelläden nackt und gekühlt auf den achtlosen Wurf in die Pfanne oder auf den Grill zu warten. Den Tieren mit ihrem Artenspektrum, mit der stolz zur Schau getragenen Federpracht und ihrem die Menschen vergnügenden Verhalten gebührt übers Kulinarische hinaus Zuwendung.

Qualen beenden

Die alten Griechen und Römer befanden die Hühner für würdig, vor kriegerischen Angriffen zu warnen, die Zukunft zu deuten und als Göttergaben dargebracht zu werden. Die Protestanten wählten den Hahn als Zierde der Kirchturmspitze. Tiere mit dieser Wichtigkeit erwarben sich bis heute den Anspruch auf einen schonungsvollen Umgang. Sogar die Suppenhühner haben eine Seele.

Der Bundesrat machte mit dem Verbot, männliche Küken zu schreddern, einen späten, aber immerhin einen Anfang. Der nächste Schritt wäre, die Folterung der Hühner in Mastbetrieben, Legebatterien und durch Antibiotika-Attacken zu beenden. Artgerechte Haltung. Nach Art der Tiere und nicht der renditemaximierenden Tierquäler. Die Ausstellung sensibilisiert für dieses Postulat. Das ist ihre gesellschaftliche Leistung.


 

Museum zu Allerheiligen Schaffhausen, bis 5. April 2021 www.allerheiligen.ch

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