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Sprach-Akrobatik

Selbstgespräche

3. August 2018
Stephan Wehowsky
Im Gehirn gibt es ein ständiges Murmeln. Irgendetwas redet dort immer.

Auch sonst tut sich viel. Da tauchen Farben auf, Melodien oder Bilderfolgen. Das kann sehr unterhaltsam sein, muss es aber nicht. So kann es einem passieren, dass man eine besonders blöde Schlagermelodie nur schwer wieder los wird.

Pfeift jemand eine Melodie vor sich hin, kann dies zwar als störend empfunden werden, aber man wird den Pfeifenden nicht als Fall für den Psychiater betrachten. Anders ist es, wenn jemand laut hörbar Selbstgespräche führt. Da weckt er den Verdacht, psychisch nicht ganz dicht zu sein.

Im Stillen aber darf man Gespräche mit sich selbst führen; und man tut es ständig. Aber wer spricht da eigentlich mit wem? Eine geläufige Redewendung lautet: „Ich frage mich.“ Oder: „Ich habe mich gefragt, und dann kam mir die rettende Idee.“ Keiner wird da auf erste Symptome einer Schizophrenie tippen. Im Innenraum des Geistes oder des Gehirns scheinen solche Prozesse legitim zu sein. Da tritt das Ich in verschiedenen Rollen auf.

Aber was sind das für Rollen? Man kann voller Bedauern feststellen: „Hätte ich doch auf meine innere Stimme gehört.“ Gibt es im Inneren eine Stimme der Vorsicht oder der bösen Vorahnung? Gibt es eine beschwichtigende Stimme oder gar eine draufgängerische? Sollte man sich sein Inneres wie einen Debattierklub vorstellen?

Diese Vorstellung ist sehr nützlich. Denn dann kann man innere Debatten nutzen, um in einer Sache zur Klarheit zu kommen. Zudem kennt jeder bessere Autor diesen Prozess. Er schreibt einen Satz, und sogleich erhebt sich ein inneres Gemurmel: Stimmt das so? Kann man es nicht besser sagen? Ist der Nagel wirklich auf den Kopf getroffen?

Das Selbstgespräch ist wertvoll und keineswegs anrüchig. Warum aber muss man unter allen Umständen vermeiden, laute Selbstgespräche zu führen? Die Vermutung liegt nahe, dass das an der Struktur der Sprache liegt: Jemand sagt jemandem etwas. Spreche ich laut, muss der Angesprochene physisch vorhanden sein. Richte ich mich hörbar an eine Instanz in meinem Inneren, klingt das für einen äusseren Zuhörer so, als meinte ich ihn. Das löst heftige Irritationen aus.

In abgemildeter Form erleben wir das täglich bei lauthals geführten Gesprächen an Mobiltelefonen. Weil wir annehmen, dass jemand am Empfängergerät tatsächlich zuhört, halten wir die Sprecher zwar für ungeniert, aber nicht für irre.

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