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Kommentar 21

Schreibverbot

19. Februar 2020
Christoph Kuhn
Ein Roman in den USA macht Skandal – wegen der falschen ethnischen Zugehörigkeit der Autorin.

Intoleranz, eine Unkultur des Beschimpfens, des Ausgrenzens und Verhinderns unliebsamer Gegenstände soll nun auch Eingang in die Literatur finden – das ist ja dringend nötig! In nordamerikanischen Universitäten hat eine kleingeistige und engstirnige Identitätspolitik vor ein paar Jahren Fahrt aufgenommen: Jeder muss sich, wenn es um künstlerische Produktion geht, auf seine ethnische, geschlechtliche, sexuelle, sprachliche Identität beschränken und es sich versagen, über nicht selbst Erlebtes oder Erfahrenes zu fantasieren.

In den vergangenen Wochen hat diese Art von Verhinderungspolitik in den USA einen Roman und eine Romanautorin erfasst, den Literaturbetrieb erschüttert und in den Medien hohe Wellen geschlagen. Es geht um den Roman «American dirt» von Jeanine Cummins, ein Drama im Milieu mexikanischer Immigranten. Der Roman mit Bestselleranspruch wurde in grosser Auflage gedruckt, erhielt Vorschusslorbeeren von Autorenkollegen und anderen Promis. Dann meldeten sich amerikanische und mexikanische Identitäts-Ideologen, zerzausten den Roman und sprachen der weissen US-Bürgerin Cummins das Recht ab, über das Thema Immigration aus der von ihr gewählten Perspektive einer mexikanischen Betroffenen zu schreiben. Der Verlag knickte ein, annulierte eine vorgesehene Lesetournee seiner Autorin und die prominenten Lobspender entschuldigten sich reumütig.

Nun mag es ja sein, dass der Roman schlecht ist – so what? Niemand ist gezwungen, ihn zu lesen. Schlechte Romane gibt es wie Sand am Meer. Um sie als solche auszumachen, existieren noch Reste einer einst ehrenhaften Disziplin, genannt unabhängige Literaturkritik, heute zumeist als subtile Form der Verlagspropaganda funktionierend.

Zur Freiheit in der Kunst, auch in der Literatur, gehört, dass alle selbstverständlich über alles fantasieren und schreiben dürfen. Egal, was oder wer sie sind oder wo sie herkommen. Die Autorenperson, heute anscheinend das wichtigste Element des Kunstprodukts, ist eigentlich nicht so wichtig. Entscheidend bleibt doch, ob die Urheber eines Textes der von ihnen gewählten Thematik gerecht werden. Darüber lässt sich streiten, mit dem Verstand, mit Argumenten. Das Schöne dabei: man braucht sich nicht einig zu werden.

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