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Medien

Israels unübersehbare moralische Instanz

2. August 2026
Ignaz Staub
Ignaz Staub
Haaretz, Israel
Eine Frontsete der linksliberalen israelischen Zeitung "Haaretz". Neben der hebräischen Ausgabe erscheint auch eine englische Ausgabe, die international stark beachtet wird. (Foto: Keystone/AP/Schalit

Die 1919 gegründete Tageszeitung «Haaretz» hält Israel einen Spiegel vor, der jüngst ein hässliches Bild des Landes zurückwirft. Entsprechend unpopulär bis verhasst ist «Haaretz» in Regierungskreisen, die das Blatt aus Tel Aviv mit unterschiedlichen Mitteln schikanieren. Das jüngste Beispiel: die erzwungene Entfernung einer Inseratenkampagne für kritischen Journalismus.

«Haaretz» lancierte vergangene Woche ihre Kampagne im Vorfeld der Parlamentswahlen vom 27. Oktober auf Plakaten in Tel Aviv und Zentral-Israel sowie in Sozialen Medien. Kern der Botschaft war die Aussage, dass «freier, professioneller und glaubwürdiger Journalismus nicht selbstverständlich ist: er ist eine essenzielle Bedingung für Demokratie.» Teaser der Kampagne war die Aussage: «Es ist möglich», was auf einen möglichen Regierungswechsel anspielte. Der Teaser führte zu den Hauptbotschaften der Kampagne. 

Doch in der Folge traf bei Israels drittgrösster Tageszeitung der Brief eines Anwalts ein, der die Likud-Partei von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu vertritt. Das Schreiben drohte mit rechtlichen Schritten, falls die Kampagne nicht gestoppt werde. Der Anwalt argumentierte, die Identität des Werbers und der Inhalt der Werbung beinhalte insofern eine Form von Wahlkampf, als es das Hauptziel der Kampagne sei, die Wählerschaft bezüglich ihrer Entscheidung zu beeinflussen und bei ihr im vorliegenden Fall die Hoffnung zu wecken, dass die abtretende Koalition («die, wie jedermann weiss, das Subjekt der zwangshaften Berichterstattung ihrer Zeitung ist») bei den kommenden Wahlen ersetzt werden könne. Der involvierte Anwalt, Ilan Bombach, ist auch Netanjahus Anwalt im Likud und gehört der Zentralen Wahlkommission der Partei an.

Der Wert unabhängiger Berichterstattung

Die Anwälte von «Haaretz» entgegneten, die Kampagne rufe nicht dazu auf, für oder gegen eine bestimmte Partei zu stimmen und versuche auch nicht, die Öffentlichkeit zu überzeugen, eine bestimmte Liste zu wählen. Folglich stelle sie keine Wahlwerbung dar, wie das israelische Gesetz sie definiert: «Der Fehler, den ihr Klient in der Kampagne entdeckt, hat nicht mit deren Inhalt, sondern mit der Identität der Zeitung zu tun, welche die Kampagne fährt, und auch mit deren redaktionellen Stellungnahmen.»

«Die Kampagne zielt darauf ab, das Verhältnis zwischen Haaretz und ihrer Leserschaft zu stärken und die Wichtigkeit eines glaubwürdigen, Fakten-basierten Produkts und entsprechender Dienstleitungen zu zeigen», teilte die «Haaretz»-Gruppe mit: «Vor allem den Wert einer unabhängigen, professionellen und unverwechselbaren Berichterstattung als auch eines investigativen, kritischen und unabhängigen Journalismus in Zeiten von Informationsübersättigung, Slogans und Desinformation.»

«Eine Kampagne der Delegitimierung»

Trotzdem beschloss die Zeitung mit Bedauern, ihre Plakatkampagne zu beenden, sie aber digital und online fortzusetzen. Das Ganze, hielt «Haaretz» fest, sei die direkte Fortsetzung eines andauernden Feldzugs der israelischen Regierung gegen die freie Presse, «eine Kampagne der Delegitimierung, der Aufhetzung, des Drucks sowie wiederholter Versuche, kritische Medien zu behindern und zum Schweigen zu bringen.»

In den vergangenen Wochen, teilte das Blatt weiter mit, seien die Redaktionsräume von «Haaretz» und von Channel 12 attackiert worden und ein Brief mit Todesdrohungen beim Eingang zur Redaktion des Fernsehkanals deponiert worden: «Diese Gewalt entsteht nicht in einem Vakuum. Sie ist die Folge eines öffentlichen Klimas, unter dem die Regierung die Medien wiederholt als Feinde etikettiert hat. Der Versuch, Journalismus mit Hilfe rechtlicher Schritte zum Schweigen zu bringen, ist zusammen mit der ständigen Aufhetzung gegenüber Medienschaffenden Teil desselben gefährlichen Trends.» 

«Eine zionistische Zeitung»

Zu den Journalistinnen und Journalisten von «Haaretz», die Premier Netanjahu am stärksten irritieren, dürfte Gideon Levy gehören. Der 73-jährige Kolumnist hat Israels Regierung und Armee wiederholt an moralischen Prinzipien und Menschenrechte erinnert, die sie seiner Meinung nach missachten. Unter dem Titel «Ohne Haaretz» würden Israelis nicht wissen, dass es eine Besetzung gibt», hat er sich Anfang Juli gegen den Vorwurf einer rechtsextremen Wochenzeitung gewehrt, es sei die ideologische Mission von «Haaretz», den jüdischen Staat zu demontieren, und deshalb einer der wirkungsvollsten Treiber des Antisemitismus in der Welt. 

Levys Entgegnung: «Die Behauptung ist abgenutzt und hohl. (…) Für mich und andere wie mich ist Haaretz nicht nur aufgrund der düsteren Situation der Medien des Landes unersetzlich. Israel ohne diese Zeitung wäre ein anderes Land – nicht nur schlechter in seinen eigenen Augen, sondern auch in den Augen der Welt, an Orten, die nach wie vor Redefreiheit, Mut und journalistische Standards hochhalten, die in Israel fast völlig vergessen gegangen sind.» Nur wer die Rolle der Presse missverstehe, könne einer Zeitung solche Vorwürfe machen: «Haaretz versteht sich als zionistische Zeitung. Sie hat wie kein zweites Medium für ein gerechtes und demokratisches Israel gekämpft.»

«Ein Aparteid-Staat»

Es gelte, argumentiert Gideon Levy, sich zu entscheiden für was demokratisch und was jüdisch sei, denn in einem binationalen Staat gebe es einen inhärenten Widerspruch zwischen beiden: «Haaretz glaubt nach wie vor an eine gegenseitige Existenz beider Teile. (…) Das bedeutet nicht, Israel im Ausland schlecht zu machen, da die Welt einen Völkermord und einen Apartheid-Staat sieht, einen Staat, den die meisten seiner Medien inbrünstig unterstützen. Die Welt gelangt zum (korrekten) Schluss, dass es nicht nur die rechtsextreme Regierung ist, welche die Apartheid gutheisst, sondern dass es auch die Medien sind.»

Ohne «Haaretz», schliesst der Kolumnist, würde Israel nicht wissen, dass es eine Besetzung gibt: «Ohne Haaretz würde Israel nicht wissen, dass es einen die Justiz betreffenden Putschversuch gab, der darauf abzielte, die Demokratie für Jüdinnen und Juden zu zerstören. Ohne Haaretz wäre das Leben hier ein Honigschlecken und die Siedlungen ein Paradies. Die israelische Armee wäre die moralischste der Welt. Es gäbe keine unschuldigen Palästinenserinnen und Palästinenser, es gäbe keine palästinensischen Menschen.»

Hass als Folge

Auch eine frühere Kolumne Gideon Levis ging im April mit Israel scharf ins Gericht. Deren Titel: «Nicht jeder jüdische Kritiker Israels ist ein selbsthassender ‘Diaspora-Jude’ – manchmal haben sie schlicht recht.» Es sei zweifelhaft, ob die meisten Israelis realisierten, wie umfassend weltweit die Kampagne der Ausgrenzung und der Diffamierung des Landes sei. Wenn irgendwo in der Welt zwei Fremde auftauchten, ein Iraner und ein Israeli, würde der zweite stärker geschmäht als der erste: «Viele Leute glauben derzeit, dass der Iran eine weniger grosse Gefahr für den Weltfrieden ist als Israel. Es ist nicht (nur) Antisemitismus, Dummkopf. Israel, durch sein Verhalten, macht sich selbst verhasst.»

Levis Folgerung: «Millionen vertriebener Menschen wandern wegen Israel im Nahen Osten umher; das Land es kann es nicht vermeiden, dafür verantwortlich gemacht zu werden. Den meisten Iranerinnen und Iranern werden die Verbrechen ihres Regimes nicht vorgeworfen – sie leisten dem Regime Widerstand. Im Vergleich dazu wird jeder jüdische Israeli zu Recht als Mitläufer des Regimes gesehen. Die absolute Mehrheit der Israelis unterstützt jeden Krieg und jeden barbarischen Angriff, ohne Opposition. Das Ergebnis: Hass.» 

«Eine unverhältnismässige Reaktion»

Auf wenig Zuspruch dürfte in Israel auch der Artikel gestossen haben, den Gideon Levys Kollegin Journalistin Ilana Hammerman vergangene Woche unter dem Titel «Die Schäden an Zivilisten minimieren? Der Völkermord dauert an» in «Haaret» geschrieben hat. Die 81-Jährige zitiert Augenzeugenberichte aus Gaza über die Tötung von Kindern und die stereotype Reaktion der israelischen Armee (IDF), welche die Behauptung, es gebe eine Politik oder ein Muster, Kinder absichtlich zu töten, entschieden zurückweist und verurteilt: «Die IDF bemühen sich, Schäden für ziviles Leben und zivile Infrastruktur zu vermindern und zu minimieren im Einklang mit dem Kriegsrecht, und sie treffen vor Angriffen Vorsichtsmassnahmen.»

Hammerman fragt, ob Schäden an Zivilisten und ziviler Infrastruktur in der Tat minimiert würden: «Von Beginn an war der Angriff auf Gaza ein systematischer Vernichtungskrieg; eine unverhältnismässige Reaktion auf die barbarische Attacke der Hamas vom 7. Oktober. Ein Kriegt, der vom ersten Tag an nicht zwischen Kämpfern und Zivilisten sowie zwischen militärischer Infrastruktur der Hamas und zivilen Infrastruktur in Gaza unterschieden hat. Fakt ist, dass aufgrund des schweren Beschusses und der Bombardierung dicht bevölkerter Wohngebiete, die keine Unterscheidung zuliessen, Zehntausende Frauen, Kinder und ältere Menschen getötet, verwundet und für immer invalid geworden sind und dass Spitäler, Schulen Strassen, Wasser- und Stromversorgung zerstört wurden, wie auch die Landwirtschaft.»

«Ein schwarzes Loch»

Und die Zerstörung, schreibt Ilana Hammerman, daure heute an, nicht nur durch Luft- und Drohnenattacken, sondern indem die grosse Mehrheit der palästinensischen Bevölkerung katastrophalen Lebensbedingungen ausgesetzt werde: «Über 80 Prozent der Bevölkerung Gazas sind aus ihren Nachbarschaften vertrieben und ihre Häser zerstört worden. Sie leben in überfüllten Zelten, die im Sommer glühend heiss sind und in welche im Winter das Regenwasser eindringt, mit Abwässern, die zwischen den Zelten fliessen und sich in Pfützen sammeln. Sie sind einer Plage von Mäusen, Ratten und Fliegern sowie ansteckenden Krankheiten ausgesetzt, die, ohne adäquate medizinische Hilfe, zu Todesurteilen werden, besonders für Kinder und ältere Menschen.»

Israels Krieg sei, schliesst die «Haaretz-Journalistin unverblümt, ein Völkermord: «Der Staat Israel hat im Gaza-Streifen einen Genozid verbrochen und tut es noch. Es gibt heute kein anderes Wort, das so zu beschreiben. Und trotzdem, in den Medien und im öffentlichen Diskurs unter Israels Juden sowie jetzt auch im Wahlkampf hat sich ein schwarzes Loch aufgetan, das dieses Verbrechen, diese schreckliche menschliche Tragödie, die uns noch während Generationen verfolgen wird, verschluckt hat, als wäre sie nie geschehen.» 

Ein illusorischer Begriff

Währenddessen erinnert die Online-Kampagne «#They Lied to You» aus Gaza die Aussenwelt daran, dass der Begriff «Waffenstillstand» angesichts der fortgesetzten Attacken Israels der Realität immer weniger gerecht wird. «Was für eine Waffenruhe ist es, wenn nach wie vor Kinder getötet, Häuser bombardiert, Zelte attackiert werden und Familien jeden Tag trauern?», postete Mahmoud Basal, der Sprecher des palästinensischen Zivilschutzes auf X: «Ein echter Waffenstillstand bedeutet, dass das Töten aufhört, die Bomben nicht mehr fallen, die Kinder ohne Angst schlafen und die Leute zu ihrem Alltag zurückfinden. Doch in Gaza gehen die Luftangriffe weiter und bezahlen Zivilisten immer noch Tag für Tag den Preis.»

Seit die Waffenruhe am 10. Oktober 2025 in Kraft getreten ist, hat die israelische Armee dem Gesundheitsministerium in Gaza zufolge 1'127 Palästinenserinnen und Palästinenser getötet sowie 3'643 Personen verwundet. Gleichzeitig haben Rettungskräfte die Leichen vom rund 800 Menschen aus Ruinen und Trümmern geborgen. Laut dem Medienbüro der Hamas hat Israel den Waffenstillstand in Gaza seither 3’689mal gebrochen. Eine vergleichbare Zahl gibt es im Fall der Hamas keine; jede Seite verwendet ihre eigene Zählweise und die israelische Armee nennt keine Zahlen. Doch allein am Samstag Ende Woche töteten die IDF bei mehreren Attacken mindestens sieben Menschen. Zerstört oder beschädigt wurden auch vier für die Versorgung der Umgebung wichtige Medikamentenlager des Al-Aqsa Märtyrerspitals in Deir al-Balah, die den Israelis zufolge Waffenverstecke beherbergten. 

Zwei Tage früher waren vergangene Woche bei mehreren israelischen Angriffen mindestens sechs Menschen, unter ihnen ein 18 Monate altes Baby und ein achtjähriges Kind, getötet sowie Dutzende Personen verletzt worden. Und Mitte Woche hatten die IDF die Al-Muttaqin Moschee in Gaza City vollständig zerstört, die als Waffenlager der Hamas gedient haben soll. Die Menschen in Gaza, schreibt der ägyptisch-palästinensische Journalist und Autor Yousef al-Damouky, hätten «die allerletzte Trennlinie zwischen Leben und Tod» erreicht. 

Quellen: Haaretz, The New York Times, Al Jazeera, Le Monde, Seymour Hersh 

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