Direkt zum Inhalt
  • Politik
  • Kultur
  • Wirtschaft
  • Gesellschaft
  • Medien
  • Über uns
close
Italien

«Ich habe alle aufgenommen: Mörder, Korrupte, Ausgestossene»

1. August 2026
Heiner Hug
Don Antoinio Mazzi
(Foto: PD)

Er war ein Rebell und nahm kein Blatt vor den Mund. «Der Vatikan soll verschwinden», sagte er. Giorgia Meloni mochte er nicht. Und Berlusconi schon gar nicht. «Wäre er hier zum Sozialdienst erschienen, hätte ich ihn die Toiletten putzen lassen.»

Don Antonio Mazzi, eine Art «italienischer Pfarrer Sieber», kannten in Italien fast alle. Am liebsten sei er «unter den Schlimmsten»: den Drogenabhängigen, der schwer Erziehbaren, den Kriminellen, den «schwierigen Jungs». Mit fast übermenschlicher Beharrlichkeit kämpften er und die von ihm gegründete Stiftung gegen jede Form von Jugendnot und sozialer Ausgrenzung.

1929 wurde er in der Provinz Verona geboren. Mit 13 Monaten verlor er seinen Vater. Die Mutter schickte ihn ins Priesterseminar von Verona. Danach studierte er Philosophie in Ferrara, wo er 1956 zum Priester geweiht wurde. Er bezeichnete sich selbst als «rebellischen Jungen». 1951 ereignete sich im Polesine-Gebiet in der Region Venetien eine der schwersten italienischen Naturkatastrophen im 20. Jahrhundert. Nach wochenlangem Dauerregen brachen im November die Dämme des Po. 100’000 Menschen starben, 180'000 wurden obdachlos.

Don Mazzi wurde in das Katastrophengebiet geschickt, um den Bedürftigen zu helfen. Seither tat er das: 40 Jahre lang. Diese Woche ist er im Alter von 96 Jahren gestorben. Bis zum Schluss kämpfte er. 

Bischöfe nach Afrika

Er konnte sich in Szene setzen. Man nannte ihn den «Fernsehpfarrer». «Für mich war das Fernsehen der Ort des Wortes.» Und: «Nur mit dem Fernsehen kann man die Welt verändern». In den Neunzigerjahren trat er regelmässig in der sonntäglichen Talkshow «Domenica In» des Fernsehsenders Rai Uno auf. Mehreren Bischöfen gefiel die Omnipräsenz Don Mazzis gar nicht. Die Antwort fiel beissend aus: «Meiner Meinung nach sollten die Bischöfe lieber nach Afrika in die Mission gehen und mehr Zeit mit den Armen verbringen.»

Er war eloquent, rhetorisch brillant, sprach die Sprache des Volkes. «Ein wenig narzisstisch war er tatsächlich», heisst es jetzt in Nachrufen. «Er mochte sich selbst und wusste, dass er auf andere wirkte».

Mit Wohnmobilen holte er die Drogensüchtigen von der Strasse und aus dem Parco Lambo, dem Mailänder «Platzspitz». «Ich ging über Teppiche aus Spritzen und half Jugendlichen, die unter Drogeneinfluss standen – manchmal schwebten sie bereits in Lebensgefahr.» Immer wieder auch suchte er das Gespräch mit Gangstern und Straftätern. «Ich will den Monstern die Hand reichen», sagte er einmal. 

Don Antonio Mazzi
Don Antonio Mazzi (PD)

Zufluchtsort für Hunderte von Mädchen und Jungen

1984 stellte die Stadt Mailand der Mazzi-Gemeinschaft den Bauernhof Cascina Molino Torrette zur Verfügung. Er befindet sich im Parco Lambro und beherbergt den nationalen Sitz der Stiftung Exodus von Don Antonio Mazzi. Hier werden junge Menschen zwischen 18 und 30 Jahren in schwierigen Lebenssituationen aufgenommen. Mazzi hal ihnen bei der sozialen und beruflichen Wiedereingliederung. 

Von diesem Zeitpunkt an blieb dieser Ort bis zu seinem letzten Atemzug Don Mazzis Zuhause – und zugleich ein sicherer Zufluchtsort für Hunderte von Mädchen und Jungen, die von der Gesellschaft bereits aufgegeben worden waren. Sein Kampf gegen die Drogenabhängigkeit wurde vom Mailänder Kardinal Carlo Maria Martini unterstützt. Gemeinsam mit Don Gino Rigoldi und Don Virginio Colmegna gehörte Don Mazzi zu den drei Priestern, die für ihr aussergewöhnliches soziales Engagement zu prägenden Persönlichkeiten Mailands wurden.

Don Mazzi war weder links noch rechts. Er hasste politische Schablonen. Seine grösste Sünde sei gewesen, «niemals der Vernunft, sondern immer nur seinem Instinkt» gefolgt zu sein.

Gaza schockierte ihn

Dennoch äusserte er sich immer wieder politisch. Den Jugendlichen rief er zu: «Macht Revolution, kämpft gegen die Ungerechtigkeit.» Zu Giorgia Meloni sagte er diplomatisch: «Sie weckt nicht mein Interesse.» Auch der Beppe Sala, der grüne Bürgermeister von Mailand, war nicht sein Freund: «Ich hoffe, er verlässt die Politik und macht etwas anderes.» Und Papst Leo XIV. empfahl er, nach Palästina zu reisen. Die Ereignisse im Gazastreifen schockierten ihn. 

In den letzten Wochen verschlechterte sich sein Gesundheitszustand, mehrmals wurde er ins Spital eingeliefert. Und plötzlich wollte er nur noch eins: nicht allein sterben. So versammelte er am letzten Freitag «seine» Jugendlichen und seine Mitarbeiter, «seine Familie», um sich. Er sah noch etwas fern, las noch einige Briefe. Sein Lebensweg war stets von dem Ziel bestimmt, schreibt der Mailänder Corriere della sera, «jungen Menschen nahe zu sein, sie aufzunehmen, sie nicht zu verurteilen, sondern ihnen zu helfen, sich selbst wiederzufinden».

Die Trauerfeier findet am Montag um 15 Uhr in der Basilika Sant’Ambrogio in Mailand statt.

Letzte Artikel

Das Bundesgeflecht wächst

Carl Bossard 1. August 2026

Von Ratten und Chatbots

Eduard Kaeser 31. Juli 2026

Trumps «monumentaler Schritt» zum Frieden

Reinhard Schulze 31. Juli 2026

Das Spiel mit dem Feuer

Reinhard Schulze 30. Juli 2026

Schreckgespenst Gerontokratie

Beat Bühlmann 30. Juli 2026

Regierungspräsident Zali tritt (endlich) zurück

Beat Allenbach 29. Juli 2026

Newsletter abonnieren

Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter!

Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter!

Zurück zur Startseite
Leserbrief schreiben
Journal 21 Logo

Journal 21
Journalistischer Mehrwert

  • Kontakt
  • Datenschutz
  • Impressum
  • Newsletter
To top

© Journal21, 2021. Alle Rechte vorbehalten. Erstellt mit PRIMER - powered by Drupal.