Die Schweiz ist nicht in einem einzigen Gründungsakt entstanden. Vielmehr wuchs über Jahrhunderte aus Bündnissen ein politisches Bundesgeflecht – ein Gefüge aus Recht, Vertrauen und gegenseitiger Verpflichtung, das bis heute trägt.
Vor zwei Jahren, auf der Heimfahrt aus den Bergen, machte ich Halt auf einer Autobahnraststätte. Die Verkäuferin legte jedem Kunden ein Stück Schweizer Schokolade zur Rechnung und wünschte einen schönen Bundesfeiertag. Ich fragte sie: «Weshalb diese freundliche Überraschung?» Sie lächelte.
«Weil die Schweiz heute Geburtstag hat.»
Dieser Satz ist mir geblieben. Nicht wegen der Schokolade. Und nicht nur wegen der Herzlichkeit. Sondern weil ihn eine junge Frau sagte, die kaum den Eindruck machte, als wolle sie historische Mythen pflegen. Für sie war es selbstverständlich: Die Schweiz hat am 1. August Geburtstag. Aber hat sie das wirklich?
Kein König rief sie ins Leben. Keine Schlacht begründete sie. Kein grosser Feldherr gab ihr Gestalt. Die Schweiz entstand anders. Langsam. Aus Versprechen. Aus gegenseitigem Vertrauen. Aus Bündnissen, die Menschen schlossen, weil sie gemeinsam stärker waren als allein.
Gerade darin liegt ihre Besonderheit. Die Schweiz gehört zu den wenigen politischen Gemeinwesen Europas, deren Entstehung sich nicht auf einen einzelnen Gründungsakt zurückführen lässt. Sie ist nicht gemacht worden. Sie ist gewachsen.
Bündnisse entstehen
Wer den Bundesbrief von 1291 liest, könnte vielleicht meinen, hier beginne die Schweiz. Tatsächlich beginnt hier etwas anderes. Ein Bündnis, wie es im spätmittelalterlichen Reich viele gab. Im 13. und 14. Jahrhundert befand sich das Reich im Wandel. Alte Herrschaftsordnungen lockerten sich, neue Territorialstaaten entstanden. Überall suchten Städte, Talschaften und Adlige ihre Rechte und ihren Frieden durch Bündnisse zu sichern. Solche Bündnisse gehörten zum politischen Alltag des spätmittelalterlichen Reiches. Die meisten erfüllten ihren Zweck – und verschwanden wieder.
Die eidgenössischen Bünde gingen einen anderen Weg. Nicht weil sie einzigartig gewesen wären, sondern weil sie sich immer wieder erneuern konnten. Neue Partner traten hinzu, Konflikte wurden überstanden, und die Fähigkeit zum gemeinsamen Handeln blieb erhalten. Gerade dadurch wuchs aus ersten Bündnissen eine dauerhafte politische Ordnung.
Ein Geflecht wächst
Aus einzelnen Bündnissen entwickelte sich allmählich etwas Neues. Aus einem einzelnen Faden wurde ein Netz. Aus dem Netz entstand ein politisches Gefüge. Aus dem Gefüge wuchs eine Eidgenossenschaft. Die Waldstätte allein hätten nur begrenzte politische Wirkung entfalten können. Der entscheidende Schritt erfolgte 1332.
Mit Luzern trat in diesem Jahr erstmals eine Reichsstadt dem Bund der drei Waldstätte bei. Jetzt verbanden sich zwei politische Welten. Die bäuerlichen Länder am Vierwaldstättersee. Und die aufstrebende Stadt des Alpenvorlandes. Damit gewann das Bündnis wirtschaftliche Kraft, politische Ausstrahlung und Zugang zu den grossen Verkehrswegen.
Zürich folgte 1351. Glarus und Zug 1352. Bern 1353. Erst jetzt wurde aus einem alpinen Schutzbündnis eine politische Kraft im Mittelland.
Jeder neue Bund war kein Ersatz des alten. Er war ein neuer Faden.
Zwischen Uri, Schwyz und Nidwalden.
Zwischen Luzern und den Waldstätten.
Zwischen Bern und Zürich.
Zwischen Stadt und Land.
Zwischen Bürgern und Landleuten, «Burger und Lantlut», wie es in den Akten heisst.
So entstand kein Staat im modernen Sinn. Es entstand ein Geflecht.
Ein Geflecht wird belastet
Der Zürcher Historiker Hans Conrad Peyer, einer der bedeutendsten Kenner der Alten Eidgenossenschaft, hat für diese gewachsene politische Ordnung den ebenso schlichten wie treffenden Ausdruck «Bundesgeflecht» geprägt. (1) Er trifft den Charakter der Alten Eidgenossenschaft genauer als die spätere staatsrechtliche Einordnung als Staatenbund. Ein Geflecht kennt keinen Mittelpunkt. Es lebt von seinen Verbindungen. Jeder neue Bund knüpfte sich an die bestehenden an, ohne die älteren Bündnisse zu ersetzen. Alte Fäden blieben erhalten, neue kamen hinzu. So entstand kein Bauwerk nach einem fertigen Plan, sondern ein politisches Gewebe, das mit jeder Generation dichter wurde.
Vielleicht erklärt gerade dieses Bild die erstaunliche Dauer der Eidgenossenschaft. Ein Gebäude kann einstürzen, wenn sein tragender Pfeiler bricht. Ein Geflecht dagegen verteilt seine Kräfte auf viele Verbindungen. Es bleibt beweglich, kann sich verändern und gewinnt gerade dadurch an Festigkeit.
Der Bundesstaat von 1848 hat dieses Geflecht nicht geschaffen. Er hat ihm eine moderne Verfassung gegeben und damit einer über Jahrhunderte gewachsenen föderalen Ordnung eine neue staatliche Form verliehen.
Nicht Einheit trotz Verschiedenheit, sondern Einheit durch Verschiedenheit. Die Verschiedenheit der Orte war nie ein Mangel, sondern der Ausgangspunkt des gemeinsamen politischen Lernens. Doch Verschiedenheit bedeutete nicht automatisch Eintracht. Auch die Eidgenossenschaft war voller Spannungen und Brüche. Städte und Länder rangen um Einfluss, konfessionelle Gegensätze führten zu schweren Konflikten, Untertanengebiete begehrten gegen ihre Herren auf. Die Eidgenossenschaft führte Kriege – auch untereinander. Der Alte Zürichkrieg mit Seeschlachten, die beiden Villmergerkriege und zuletzt der Sonderbundskrieg von 1847 erinnern daran, dass dieses Geflecht keineswegs selbstverständlich war. Es hielt nicht, weil die Fäden immer friedlich miteinander verbunden waren. Es hielt, weil nach Konflikten immer wieder neue Formen des Zusammenlebens gesucht und gefunden wurden.
Bünde erneuern
Dieses Geflecht musste immer wieder erneuert werden. Bündnisse lebten nicht vom Papier. Sie lebten vom gemeinsamen Eid. Ein Eid war damals keine Erinnerung an Vergangenes. Er war das Versprechen einer gemeinsamen Zukunft und machte aus einem Vertrag eine Verpflichtung zwischen Menschen. Deshalb wurden die Bundesbriefe regelmässig öffentlich beschworen. Nicht im Geheimen. Sondern auf Marktplätzen. Vor den Bürgern. Vor den Landleuten. Vor den Obrigkeiten. (2)
Die Luzerner Diebold-Schilling-Chronik zeigt eine solche Bundesbeschwörung auf dem Weinmarkt. Keine heroische Gründungsszene. Sondern gelebte politische Kultur.
Bis 1526 wurden die alten Bünde noch gemeinsam beschworen. Dann kam die Reformation. Sie zerbrach die religiöse Gemeinsamkeit der Eidgenossenschaft. Der gemeinsame Schwur geriet dadurch ins Zentrum des Konflikts: Neu- und Altgläubige fanden keine gemeinsame Formel mehr. (3) Was zerbrach, war die gemeinsame religiöse Grundlage. Was blieb, war das politische Versprechen. Kein Ort kündigte die alten Bündnisse. Das gemeinsame Ritual verstummte – das Bundesgeflecht aber hielt.
Ein Geflecht überlebt
Ende Januar 1798 griff man noch einmal auf das alte Ritual zurück. Noch einmal wurden die eidgenössischen Bünde beschworen – als liesse sich durch den Eid retten, was politisch schon zerfiel. Der Versuch blieb vergeblich. Wenige Wochen später marschierten französische Truppen ein. Die alte eidgenössische Ordnung zerbrach.
Ein Bundesgeflecht lebt nicht vom Gründungsakt. Es lebt vom Vertrauen. Vertrauen wächst. Langsam. Durch Erfahrung. Durch Verlässlichkeit. Durch immer wieder erneuerte Versprechen.
Genau das erzählt die Geschichte der Eidgenossenschaft. Nicht der Bundesbrief allein.
Nicht der Rütlischwur. Nicht ein einziger Gründungsakt. Sondern sieben Jahrhunderte gemeinsamen politischen Lernens. Und deshalb berührt mich rückblickend der Satz der jungen Verkäuferin noch immer. «Heute hat die Schweiz Geburtstag.» Historisch ist er ungenau. Politisch und kulturell aber enthält dieser Satz einen tiefen Kern.
Vielleicht feiern wir am 1. August gar nicht den Geburtstag eines Staates. Vielleicht feiern wir die Erinnerung an ein politisches Geflecht, das über Jahrhunderte immer wieder neu geknüpft wurde. Die Schweiz verdankt ihre Dauer weniger einem grossen Gründungsakt als der Kunst, Unterschiede auszuhalten, Brüche zu überwinden und das politische Geflecht immer wieder neu zu knüpfen.
Ein Geflecht besteht nicht, weil es einst geknüpft wurde. Es besteht, weil jede Generation seine Fäden aufnimmt und weiterknüpft.
(1) Peyer Hans Conrad (1978), Verfassungsgeschichte der alten Schweiz. Zürich: Schulthess Polygraphischer Verlag, S. 21ff.
(2) Noch im Dezember 1845 verpflichteten sich die sieben Orte des Sonderbundes, ihre Selbständigkeit gemäss Bundesvertrag von 1815 «sowie den alten Bünden» zu verteidigen. Der Hinweis zeigt, wie stark die alten Bündnisse auch unmittelbar vor 1848 noch im politischen Bewusstsein verankert waren.
(3) Vgl. dazu: Roland Gröbli, Der letzte Bundesschwur der alten Eidgenossen, in: https://blog.nationalmuseum.ch/2026/07/der-letzte-bundesschwur/ [abgerufen: 31.07.2026]