Der amerikanische Präsident will mit einem mit Ägypten, Katar und der Türkei verhandelten Friedensplan die Hamas schrittweise entwaffnen und im Gegenzug Israels Rückzug aus Gaza erreichen. Alle Einzelheiten sind ungeklärt, die Erfolgsaussichten vage.
Am Abend des 30. Juli 2026 verkündete US-Präsident Donald Trump auf seiner Plattform Truth Social, was er selbst als historischen Durchbruch bezeichnete: eine Vereinbarung des von ihm geleiteten «Board of Peace» (Friedensrat) über die vollständige Entwaffnung der Hamas und anderer bewaffneter Gruppen im Gazastreifen. Trump sprach von einem monumentalen Schritt hin zu dauerhaftem Frieden und Sicherheit und ordnete die Vereinbarung als wichtigen Meilenstein bei der Umsetzung seines 20-Punkte-Friedensplans ein. Er dankte den Vermittlerstaaten Ägypten, Katar und der Türkei sowie seinem eigenen Verhandlungsteam.
Nach Trumps Darstellung soll der Prozess in sorgfältig gestaffelten Phasen ablaufen: Mit fortschreitender Entwaffnung sollen sich israelische Truppen zurückziehen, während eine internationale Stabilisierungstruppe gemeinsam mit einer neu aufzubauenden palästinensischen Polizei die Sicherheit vor Ort gewährleistet. Gaza solle künftig nicht mehr als Ausgangsbasis für Terrorangriffe dienen können.
Der eigentliche Wortlaut der Vereinbarung ist bislang nicht offiziell veröffentlicht. Die vorliegenden Informationen stützen sich im Wesentlichen auf Trumps eigene Verlautbarung sowie auf eine von Al Jazeera eingesehene Kopie des Dokuments – ein Umstand, der viele Details vorerst spekulativ erscheinen lässt.
Mehrstufige Rahmenvereinbarung
Auch wenn der volle Text fehlt, zeichnen die kolportierten Eckpunkte ein relativ klares Bild eines mehrstufigen Prozesses:
Eine detaillierte Entwaffnungs-Roadmap soll innerhalb von 14 Tagen ausgearbeitet werden, mit der Möglichkeit einer Verlängerung, sofern ein internationales Verifizierungsgremium und alle Parteien zustimmen. Zentral ist ein neu zu schaffendes «Nationales Komitee» (National Committee), das gemeinsam mit einer internationalen Stabilisierungstruppe (ISF) die Kontrolle in Gaza übernehmen soll.
Waffen sollen nicht im klassischen Sinne an eine Siegermacht übergeben, sondern von diesem Nationalen Komitee inventarisiert und gelagert werden unter Beobachtung einer internationalen Verifizierungskommission und unter Einbindung der palästinensischen Fraktionen. Ausdrücklich ausgeschlossen ist eine Übergabe der Waffen an Israel oder eine nicht-palästinensische Stelle. Zunächst sollen Polizeiwaffen erfasst werden, danach schwere Waffen sowie Karten von Tunneln und Produktionsstätten, später persönliche Waffen. Der israelische Truppenabzug soll im Gleichschritt mit diesem Fortschritt erfolgen.
Diese Konstruktion erklärt, warum Beobachter von einer Rahmenvereinbarung sprechen: Sie legt Ziel, Reihenfolge und Institutionen fest, lässt aber die entscheidenden Details – etwa Verifikationsmechanismen und Sanktionen bei Vertragsbruch – noch offen.
Offen für widersprüchliche Lesarten
Bemerkenswert ist, dass Israel und Hamas dieselbe Formulierung offenbar unterschiedlich deuten. Die Hamas stellt das Abkommen als eine im Kern innerpalästinensische Angelegenheit dar: Man trete sein Gewaltmonopol nicht gegenüber Israel, sondern gegenüber palästinensischen Institutionen ab, um die palästinensische Souveränität über Gaza wiederherzustellen. Der Begriff «Inventarisierung und Lagerung» wird dabei bewusst von einer klassischen Entwaffnung gegenüber einer siegreichen Gegenpartei abgegrenzt.
Israel dürfte demgegenüber eine Lesart bevorzugen, die die Entwaffnung als Kapitulation der Hamas versteht und auf deren faktische Auflösung vor Ort abzielt. Dass die Waffen laut Vereinbarung an ein palästinensisches Nationalkomitee und nicht an Israel übergeben werden sollen, dürfte für die israelische Seite schwer hinnehmbar sein.
Entwaffnung der Hamas nur bei Israels Rückzug – und umgekehrt
Israel hat sich offiziell bislang nicht zur Vereinbarung geäussert. Vorherige Äusserungen israelischer Vertreter deuteten jedoch auf erhebliche Skepsis hin: Ein Beamter erklärte, der Vorschlag erfülle die israelischen Forderungen nach vollständiger Entwaffnung, Entfernung der Waffen aus Gaza und vollständiger Demilitarisierung nicht ausreichend. Einen Rückzug von der sogenannten Yellow Line werde es erst geben, wenn Hamas entwaffnet und der Gazastreifen demilitarisiert sei. US-Vertreter räumten ein, Israel sei «sehr skeptisch», ob die Hamas tatsächlich abrüsten werde; Trump selbst signalisierte, im Falle eines israelischen Vertragsbruchs «sehr, sehr enttäuscht» zu sein.
Hamas hat die Vereinbarung bestätigt, sie aber klar an Bedingungen geknüpft. Ein hochrangiger Funktionär bestätigte gegenüber BBC und AFP die Zustimmung zur Entwaffnungs-Roadmap. Ghazi Hamad, Mitglied des Verhandlungsteams, betonte gegenüber Al Jazeera, man habe Zugeständnisse im Interesse der Bevölkerung von Gaza gemacht, um weiteres Töten und Vertreibung zu beenden; die Umsetzung hänge jedoch vollständig davon ab, dass Israel seinerseits seine Verpflichtungen erfülle, insbesondere den Rückzug und Fortschritte beim Wiederaufbau. Sollte Israel nicht mitziehen, werde Hamas ihrerseits «keinen Teil» der Vereinbarung umsetzen. Andere Gruppierungen wie der Islamische Jihad äusserten Vorbehalte oder sprachen von ungenauen Darstellungen des Abkommens.
Eine dauerhafte Teilung Gazas?
Parallel zu den Verhandlungen baut die israelische Armee seit Monaten einen massiven Erdwall quer durch den Gazastreifen, weitgehend entlang der sogenannten Yellow Line. Satellitenbildauswertungen, unter anderem durch Planet Labs und die Nachrichtenagentur AP, zeigen bereits mehr als 23 Kilometer fertiggestellte Wallanlagen – über die Hälfte des rund 40 Kilometer langen Gazastreifens.
Der Bau erfolgt nach Berichten weitgehend unauffällig und führt vielfach durch früher bewohnte, inzwischen zerstörte palästinensische Gebiete. In einzelnen Abschnitten reicht der Wall über die ursprünglich markierte Yellow Line hinaus – etwa in Khan Younis um rund 400 Meter, in Rafah um bis zu 1300 Meter weiter westlich. Entlang der Linie entstehen zudem zusätzliche Militärstützpunkte.
Die Yellow Line selbst geht auf den von den USA vermittelten Waffenstillstand vom Oktober 2025 zurück, Teil von Trumps ursprünglichem 20-Punkte-Plan. Israelische Truppen zogen sich damals auf diese Demarkationslinie zurück, kontrollieren seither aber weiterhin mehr als die Hälfte des Gazastreifens, nach manchen Angaben bis zu 70 Prozent. Ursprünglich als vorübergehende Regelung vor einem vollständigen Rückzug gedacht, wurde die Linie zunächst mit gelben Betonblöcken markiert, bevor der Bau der dauerhaften Erdwälle begann. Die israelische Armee bestätigte gegenüber AP den Bau einer physischen Barriere im Bereich der Yellow Line.
Aus palästinensischer Sicht und aus Sicht der Hamas gilt der Wall als Versuch, die faktische Teilung des Gebiets dauerhaft festzuschreiben, verbunden mit Vorwürfen, Israel verschiebe die Linie eigenmächtig nach Westen und verkleinere so den für Palästinenser nutzbaren Raum weiter. Israel begründet den Bau demgegenüber mit Sicherheitsinteressen: Schutz vor Angriffen und Verhinderung einer Rückkehr bewaffneter Gruppen in die von Israel kontrollierten Zonen. Berichte von AP, Al Jazeera, Haaretz und BBC sehen darin die Schaffung vollendeter Tatsachen, die einen vollständigen Rückzug erschweren und im Spannungsverhältnis zu den laufenden Entwaffnungs- und Rückzugsverhandlungen stehen.
Vorsichtiger Optimismus
Politische Beobachter weisen darauf hin, dass die aktuelle Vereinbarung weniger eine plötzliche Wende als vielmehr das vorläufige Ergebnis eines längeren, bereits seit November 2023 angestossenen politischen Prozesses um die Entwaffnung der Hamas darstellt. Neu ist vor allem die gestiegene Legitimität dieses Prozesses: Der durch die Vereinbarung indirekt von der Uno aufgewertete Friedensrat verhandelt die Gaza-Frage nun auf einer anderen institutionellen Ebene als frühere Vermittlungsversuche.
Als Faktor für einen vorsichtigen Optimismus gilt zudem die – mitten im Kairoer Verhandlungsprozess erfolgte – Wahl von al-Hayya zum neuen Hamas-Chef. Anders als sein Rivale Khalid Mash'al verfügt al-Hayya über eine eigene Hausmacht in Gaza, was der Organisation dabei helfen dürfte, politische und militärische Kontrolle über die Gaza-Hamas zu sichern und getroffene Zusagen tatsächlich durchzusetzen. Gleichzeitig gilt al-Hayya als Befürworter einer engen Anbindung an das iranische Regime, sodass sein zentrales Interesse eher im Erhalt der von der Hamas aufgebauten sozialen und politischen Strukturen als in einer echten strategischen Kehrtwende liegen dürfte.
Als grösste Hindernisse für eine erfolgreiche Umsetzung gelten die beiden zentralen, sich gegenseitig bedingenden Kernpunkte des Abkommens selbst: die tatsächliche Durchsetzung der Entwaffnung und die tatsächliche Durchsetzung des israelischen Rückzugs von der Yellow Line. Beide Seiten könnten versucht sein, den jeweils ersten Schritt von der anderen einzufordern – ein Mechanismus, der den ohnehin engen Zeitplan zusätzlich belasten dürfte.
Frieden erfordert politische Neuausrichtung aller
Ob aus der Vereinbarung tatsächlich ein belastbarer Frieden erwächst, hängt weniger von einer rein polizeilich-militärischen Umsetzung der Entwaffnung ab als von einer grundlegenderen politischen Neuausrichtung – auf beiden Seiten. Dazu würde auch gehören, dass der israelische Staat seinerseits Gewalt israelischer Siedler im Westjordanland eindämmt und diese entwaffnet, um so insgesamt das staatliche Gewaltmonopol und damit verlässliche Sicherheitsstrukturen wiederherzustellen.
Bis dahin bleibt die Vereinbarung, was sie ihrem Wesen nach ist: ein strukturierter, aber keineswegs abgeschlossener Prozess, dessen Erfolg massgeblich von der in den kommenden zwei Wochen zu erarbeitenden Roadmap sowie vom Verhalten beider Konfliktparteien in der praktischen Umsetzung abhängen wird.