Von 1939 bis 2025 lebte und malte Jacqueline der Jong. Sie bewegte sich im Zentrum revolutionärer moderner Kunst des 20. Jahrhunderts und ist doch kaum bekannt. Das Kunstmuseum St. Gallen stellt die Malerin in einer ersten Schweizer Retrospektive vor.
Jacqueline de Jong wurde in den Niederlanden geboren und musste, als Jüdin, schon in zartem Kindesalter vor den Nazis fliehen. Sie gelangte in die Schweiz, besuchte hier die Schulen und kehrte mit ihren Eltern, die sich für Gegenwartskunst interessierten und Kunstsammler waren, 1947 nach Holland zurück. 17 Jahre alt, fährt sie nach Paris und London und will Schauspielerin werden, doch sie besteht die Aufnahmeprüfungen nicht. Sie studiert Kunstgeschichte, beginnt zu malen und wird, 20 Jahre alt, in dem von Willem Sandberg geleiteten Stedelijk Museum Amsterdam Mitarbeiterin für angewandte Kunst. Im kultivierten Elternhaus begegnet sie den Cobra-Künstlern Karel Appel und Asger Jorn, mit dem Letzteren lebte sie während zehn Jahren zusammen. Bis in die beginnenden 1970er Jahre lebte und arbeitete sie in Paris, von wo sie 1971 nach Amsterdam zurückkehrte.
Die Retrospektive im Kunstmuseum St. Gallen wurde kuratiert von Melanie Bühler, die als Kuratorin für zeitgenössische Kunst am Stedelijk Museum in Amsterdam arbeitet und zuvor im Frans Hals Museum in Haarlem und bis 2025 im St. Galler Kunstmuseum tätig war. 2017 lernte sie die im Juni 2024 verstorbene Künstlerin Jacqueline de Jong in Haarlem über ihre kuratorische Arbeit kennen; im Katalog zur St. Galler Ausstellung widmet sie ihrer Freundin einen von warmer Nähe geprägten Epilog zu ihrem einleitenden Essay.
Das St. Galler Museum verfügt wegen dieser engen Beziehung zu Jacqueline de Jong über beste Voraussetzungen, das Werk der hierzulande kaum bekannten Künstlerin zu präsentieren und einen Beitrag zur Aufarbeitung der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts zu leisten. Melanie Bühler findet zu einem klaren Konzept, um das heterogene Werk Jacqueline de Jongs zu zeigen: Sie gliedert die im Verlauf von rund sechs Jahrzehnten entstandenen Werke, die mehrheitlich aus den Beständen der Jacqueline de Jong Foundation Amsterdam stammen, in fünf Kapitel: Anfänge, Pop, Chaos, Alltag und Politik.
Ungehorsam?
Melanie Bühler gibt der Schau den Titel «Ungehorsam». Sie sagt nicht, gegenüber wem oder was die Künstlerin «ungehorsam» wäre, und worin dieser «Ungehorsam» besteht. Doch wird bald offensichtlich, dass das ganze Werk de Jongs als ein einziges Aufbegehren gegen Regeln und Konventionen gelesen werden kann: Jacqueline de Jong ist in ihrem Werk als Frau eine Revolutionärin innerhalb einer grossmehrheitlich maskulin geprägten revolutionären Kunstszene der 1960er und 1970er Jahre. Sie stand nicht nur den Cobra-Malern wie Asger Jorn und Karel Appel nahe, sondern auch der sehr weit links angesiedelten, 1957 gegründeten Kunstbewegung der «Situationisten», deren unzimperliche Leitfigur Guy Debord war, und deren Publikationen de Jong verlegerisch betreute.
Die Bewegung, deren politische Vorstellungen unmittelbar in die Ideen des Pariser Mai 68 einflossen, gab 1972 ihre Selbstauflösung bekannt. Jacqueline de Jong, die auch Plakate des Studentenprotests entwarf, blieb ihren dem Fluxus und ähnlichen kulturpolitisch verwandten Idealen – wie Verbindung in Kunst und Alltag oder wie Entgrenzung des Kultur- und des Raumbegriffs im Sinne von Yves Kleins Werk, Ablehnung jeder Hierarchie usw. – weitgehend treu. «Ungehorsam», wie genau und gegen wen und was, spielte im Kontext dieses «künstlerischen Umherschweifens» (ein Begriff der «Situationisten») keine entscheidende Rolle: Hauptsache, man war dagegen.
Eine «Neue Wilde»?
Sieht man Jacqueline de Jongs heute und sucht nach ihrem kunsthistorischen Umfeld, so wird man, obwohl es kaum entsprechende biographische Verknüpfungen gibt, am ehesten bei den «Neuen Wilden» der 1980er Jahre oder bei Jörg Immendorffs «Café Deutschland»-Serie (entstanden zwischen 1977 und 1982) fündig. Die meisten dieser Künstlerinnen und Künstler waren ein Jahrzehnt jünger als de Jong, die als Malerin aber ebenfalls in diesen Jahren aktiv war, allerdings nicht im Umfeld dieser vor allem in Deutschland aktiven Gruppe, sondern eher im Zusammenhang mit den Cobra-Malern sowie in Holland oder Dänemark und Schweden.
De Jong, die anfänglich als Malerin der Gegenständlichkeit fernblieb, fand in dieser Zeit zu einer inhaltlich ausgerichteten Malerei – und zu einer expressiven, oft recht aggressiven und im Ausdruck «wilden», lauten und auf grelle Farbtöne fokussierten Formen- und Farbensprache. Ihr geht es, mit Ausnahmen, um heftige Gefühlsausbrüche, um Erotik, Gewalt und breit gefächerte Emotionen. Stilistisch ist ihr Werk, das sie während rund sechzig Jahren und bis knapp vor ihrem Tod vorantrieb, aber nicht auf einen Nenner zu bringen.
Es gibt Polit-Grafik (aus der Zeit der Pariser Mai-Unruhen 1968). Es gibt Anleihen bei amerikanischem Pop sowie Chaotisch-Ausbrechendes. Ungebremsten Emotionen gibt sie Raum. Mit wildem Pinselstrich zeigt sie zwischen Mensch- und Tierdarstellungen pendelnde Wesen, groteske Figuren mit Fratzen und fletschenden Zähnen, Zeichnungen in der Art von Comics. Sie schildert in wie Koffer tragbaren Diptychen mit ironischem Unterton Alltäglich-Banales oder Schrecklich-Alltägliches. Die Bandbreite ist gross und misst die ganze Dimension des Möglichen aus. Ihr Werk bedient nie den Wunsch nach eingängiger Schönheit, wohl aber die aktive Neugier einer auf Entdeckungen ausgerichteten neugierigen Zuschauerschaft.
Es gibt auch Ausnahmen in der Ausstellung: Nicht alles ist wild, aufbegehrend oder «ungehorsam». So wirkt die malerische Auseinandersetzung de Jong mit dem Billard-Spiel zum Beispiel trotz naheliegender erotisch konnotierter Metaphern vergleichsweise ruhig und sachlich-distanziert, wenn sie in diesen Malereien auch räumlich höchst komplexe Konzepte verfolgt. De Jong nähert sich den Motiven – Kugeln und vor allem Queues – mit einer Präzision an, die in anderen ihrer Malereien nicht vorstellbar ist. In den Skulpturen mit Kartoffeln, die sie eintrocknend schrumpeln lässt, um sie dann zu vergolden, oder die sie als «Baked Patatoes» installativ frei in den Raum hängt, gerät die betagte Künstlerin sogar in den Nähe einer Öko-Romantikerin.
Man wird de Jongs Ausstellung in St. Gallen kaum als Fest «malerischer Schönheit», was immer das genau ist, erleben, wohl aber als Ausdruck konsequent und trotzig und ohne Blick auf kommerziellen Erfolg gewählter künstlerischer Freiheit. Das Werk von Jacqueline de Jong hat als authentischer und, der Biographie der Künstlerin entsprechend, eigenwilliger Ausdruck eines Lebensgefühls in einer immer schwierigeren Welterfahrung Bestand. So ist dieses Werk als Ganzes – und nicht nur, weil sich die Malerin auch deutlich politisch festgelegten Themen wie dem Golfkrieg der USA gegen den Irak zuwandte – gerade heute von besonderer Aktualität.
Kunstmuseum St. Gallen. Bis 22. März