Raimund Rodewald, ehemaliger Geschäftsleiter der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz, macht sich in seinem Buch Sorgen um die grassierende Sorglosigkeit, die den steten und stillen Kollaps der Ökosysteme begleitet. Das Erscheinungsdatum könnte kaum passender sein: Ein Sommer liegt hinter uns, der uns den Klimawandel sozusagen bis in die Intimsphäre spürbar gemacht hat.
Im Buchtitel ein Prinzip anzumelden, braucht einigen Mut. Denn man platziert sich sogleich in einer Liga von Grossdenkern wie Ernst Bloch oder Hans Jonas, mit deren «Prinzip Hoffnung» respektive «Prinzip Verantwortung». Rodewald kocht auf kleinerer Flamme. Es geht ihm – wie der Untertitel verrät - um fürsorgliches Handeln gegenüber Natur, Mensch und Mitwelt.
Landschaft ist der Zentralbegriff, genauer: Erfahrung von Landschaft, sorgende Erfahrung. Dabei rückt eine Aufmerksamkeitsart in den Fokus, die notorisch unbestimmt ist: ästhetische Aufmerksamkeit. Ästhetik und Landschaft hängen eng zusammen. Landschaft ist eine Erfindung der Künstler, ein Blick auf ein Stück Natur aus «interesselosem Wohlgefallen», wie Kant es formulierte.
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Rodewald genügt das nicht mehr. Er reklamiert durchaus ein Interesse, eben jenes des Sorgens und Schonens: der Care, wie es im Englischen heisst. Mehr noch: Er fordert Care als unmittelbare Konsequenz der Schönheit. Wir sollten uns um die Landschaft sorgen, weil sie schön ist. Damit meint Rodewald selbstverständlich nicht die verhübschte, zurechtgestylte, in unzähligen Bildern reproduzierbare Landschaft, sondern eine Schönheit, die gewissermassen ihren «inneren» Wert verbürgt.
Der Anspruch ist kühn, weist er doch über den traditionellen Landschaftsschutz hinaus. Dieser bewegt sich in der Regel im Horizont der Intaktheit ökologischer Systeme, der Biodiversität und der Erhaltung von Ortsbildern. Nicht dass Rodewald - der ja immerhin auf über dreissig Jahre Erfahrung im Landschaftsschutz zurückblickt - diesen Horizont völlig verlassen wollte. Aber der Reiz seines Anspruchs liegt unverkennbar in der philosophischen Unterfütterung des Schutzanliegens.
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Das ist nicht neu. Ökologische Ethik und Ästhetik beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit dem «Guten» und dem «Schönen» in der Natur. Neu ist weniger die Fragestellung als die Konsequenz, die Rodewald aus ihr zieht: Sorge um die Landschaft beginnt nicht erst dort, wo wir sie schützen, sondern schon dort, wo wir lernen, sie überhaupt wahrzunehmen.
Im Gegensatz zur Natur, die da ist, braucht Landschaft ein Recht, da zu sein. Sie muss uns erst als etwas Eigenständiges begegnen, damit wir ihr Eigenleben achten können. In der Verknüpfung von Ästhetik und Ethik zeigt sich der paradoxe Charakter des Sorgens um das Schöne, des Engagements für die Eigenart einer Landschaft.
Schönheit liegt, entgegen dem Sprichwort, nicht bloss im Auge des Betrachters. Sie gründet in etwas Objektivem, von uns Unabhängigem «da draussen». Zugleich bedarf es unserer subjektiven Fähigkeiten und Empfänglichkeiten, um dieses Eigenständige überhaupt als schön wahrzunehmen. «Kann eine Landschaft schön sein, wenn niemand sie bemerkt, wenn rundherum Sorg- und Achtlosigkeit vorherrscht?», fragt Rodewald. Das Paradox hat schon fast den Charakter eines Koans: Es lässt sich nicht begrifflich auflösen, sondern will erfahren und praktisch beantwortet werden - eben in der Haltung der Sorge.
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Im Zentrum steht also das Erkennen der Sorgebedürftigkeit einer Landschaft. Rodewald setzt sie bewusst in Analogie zur Bedürftigkeit des Patienten in der Medizin. Und er bedient sich deshalb auch eines ärztlichen Begriffs: Anamnese. Man muss die «Patientin» Landschaft in ihrer Geschichte und gegenwärtigen Konstitution befragen: Was fehlt ihr, was braucht sie? Dieses Erkennen ist eine kognitive Leistung.
Rodewald stellt uns drei Arten des Befragens vor. Die erste ist die forschungsübliche Einordnung: objektive Charakterisierung einer Landschaft nach anerkannten Kriterien oder Typen. Sie kann durchaus Schutzzwecken dienen, indem sie wirtschaftlichen und politischen Entscheidungsträgern Grundlagen für die räumliche Entwicklung einer Region liefert. Man könnte sagen: Durch eine solche Typisierung erhält ein Stück Erde eine spezifische Qualität. Es wird zu einem charakteristischen Ort. Derart ausgesuchte Orte lassen sich kartieren. Sie erhalten dann das Etikett «schützenswert».
Aber diese besondere Qualität bleibt formal, wenn wir nicht ein Sensorium für sie haben. Damit ist das Ästhetische der Landschaftswahrnehmung angesprochen - ästhetisch im ursprünglichen Wortsinn aisthesis: sinnlich-leiblich empfänglich sein für die Eigenart eines Ortes. Wir sehen eine Landschaft nicht bloss, sondern hören, riechen, spüren sie, ihre Temperatur, ihre Feuchtigkeit, ihre Weite oder Enge. Ihre Atmosphäre nimmt uns ein. Sie kann geradezu als ein aktives Gegenüber auftreten. Ihre Erfahrung ist ein Widerfahrnis.
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Die wissenschaftliche Ökologie verfügt nur bedingt über eine Sprache für solche aisthetischen Erfahrungen.Auch das ist, wenn man so will, Symptom eines Verlustes. Und hier bietet sich Dichtung dem Dienst des Naturschutzes an. Poesie bedeutet vom Wortstamm her – poiein - «schaffen», «hervorbringen». Dichtung fügt der Landschaft nicht einfach etwas hinzu, das ihr fehlt. Sie bringt vielmehr zur Sprache, was an ihr wahrnehmbar, aber noch nicht sagbar ist.
Landschaft muss also erzählt werden, sie braucht - wie Rodewald es nennt - ein «poetisches Narrativ»: «Das Narrativ will in wenigen Sätzen die vielleicht verborgene oder verloren gegangene Kraft des Ortes und eine neue Entwicklungsidee vorstellbar, bereits erlebbar und zugänglich machen. Es erlaubt eine identifikatorische Einwurzelung und motiviert die Menschen zu einem gemeinschaftlichen neuen Zugang zu diesem Ort (sense of community)».
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Sorgedenken nimmt bei solcher Anamnese seinen Ausgang. Und insofern es Defizite in der Landschaftswahrnehmung sichtbar macht, erscheint es plausibel. Rodewalds Anspruch greift freilich tiefer. Pointiert gesagt, ist Landschaft für ihn nicht nur schön, sie ist mehr als schön. Man liest Wendungen wie «Die Kraft der Schönheit», «Schönheit löst Fürsorge aus» oder «Schönheit führt zu Care».
Der Schönheit wird also ein quasi-kausales Vermögen zugesprochen. Sie kann in uns etwas auslösen. Rodewald holt sich sogar Unterstützung aus der Neuropsychologie – aus Befunden, die belegen, dass das Schöne in uns emotionale und motorische Aktivitäten freisetzen kann, zum Beispiel Ehrfurcht oder auch Schrecken. Als Randbemerkung mag dies angehen. Aber die Neuropsychologie vermag nicht zu begründen, warum und wie aus neuronalem Geschehen Fürsorge erwächst. Die ethische Wirksamkeit des Ästhetischen liegt nicht im Gehirn.
Das ist auch nicht Rodewalds Anspruch. Er bewegt sich mit seinem «mehr-als-schön» bewusst in einem Grenzbereich zwischen Ästhetischem und Spirituellen: «Die Poetisierung dessen, was wir wahrnehmen, ist eine Form von Transzendenz, auch wenn wir dies heute nicht mehr zwingend mit metaphysischen, spirituellen und religiösen Kategorien umschreiben.» Schon die Romantik verband die Erfahrung des Naturschönen mit Vorstellungen des Sakralen, Reinen, Unangetasteten. Im Schönen erkannte sie eine Erfahrung des Transzendenten, eine Ahnung von Offenbarung. Man denke etwa an den Anfang von Eichendorffs Gedicht Mondnacht: «Es war, als hätt der Himmel/ Die Erde still geküsst,/Dass sie im Blütenschimmer/ Von ihm nun träumen müsst».
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Man ist stellenweise versucht, auch in Rodewald einen Nachfahren der Romantiker zu sehen. Denn für ihn erfolgt der Impuls des Schönen aus «transästhetischer» Erfahrung, also aus dem «Mehr-als-Schönen» der Natur. Das ist das Kühne an seinem ökologischen Ansatz: Er hat keine Berührungsangst vor Denkformen, die man doch eher ins Esoterische oder Naturmystische relegiert. Dabei beobachtet man gerade heute unter Menschen sogenannter «zivilisierter» Gesellschaften Anzeichen einer Sehnsucht nach neuer Naturbeziehung.
Das Englische kennt dafür einen Begriff: ecological grief - die Trauer um den Verlust von Natur und vertrauter Umwelt. Es gibt ein aufblühendes literarisches Genre namens Nature Writing, das verlorene und verschüttete Naturerfahrung wieder erschliessen will. Es gibt Autorinnen und Autoren, die sich sozusagen der Natur anzuverwandeln suchen, indem sie wie ein Dachs in der Erde wühlen oder wie eine Amsel über die Wiese tippeln. Und es gibt Bewegungen wie das Dark Mountain Project, das sich in seinem Manifest der «Entzivilisierung» verschreibt, und selbst im drohenden Kollaps noch eine verstörende Schönheit erkennt.
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Ich möchte aus Rodewald keinen Romantiker machen. Gegenüber solcher Suche nach neuen Naturbeziehungen erscheint er mir genug «geerdet», um nicht ins Überschwängliche abzudriften. Dem Impuls des Schönen kann man in ganz profanen Beschäftigungen folgen. Und genau dies scheint mir die Pointe des Prinzips Sorge zu sein.
Entscheidend ist nicht so sehr das Prinzipielle, sondern das Partikulare. Und darauf legt es Rodewald zum Schluss an: Anregungen zum Handeln im Kleinen, Lokalen, Alltäglichen – ein neues Verständnis des Allmendgedankens etwa oder die Strategie des minimalen Eingriffs zur Behebung von Umweltschäden, und nicht zuletzt: die Natur lässt sich gerade auch in unserer «natürlichsten» Fortbewegungsart entdecken, im Gehen. Der Soziologe Lucius Burckhardt hat aus der pedestrischen Erkundung sogar eine eigene Disziplin entwickelt: die Promenadologie. Ihr Leitsatz: Der Spaziergang schafft Schönheit.
Ich lese aus Rodewalds Ausführungen ein Plädoyer für das Nicht-Besondere heraus – für das, was uns ständig vor Augen liegt und doch nicht gesehen wird. Er fordert uns auf: Gebrauche deine Sinne auch als Wünschelrute. Dann erschliessen sie, im Glücksfall, verborgene Quellen im Unscheinbaren. Und das erinnert noch einmal an ein Gedicht von Eichendorff: «Schläft ein Lied in allen Dingen,/Die da träumen fort und fort,/Und die Welt hebt an zu singen,/Triffst du nur das Zauberwort.»
Raimund Rodewald: Das Prinzip Sorge. Schönheit als Impuls fürsorglichen Handelns gegenüber Natur, Mensch und Umwelt; oekom verlag München, 2026.