© Estate of Arata Isozaki
Die im Zweiten Weltkrieg zerstörten japanischen Städte waren seine Herausforderung: Ruinenlandschaften machte er zu Orten der Zukunft. Der 2022 mit 91 Jahren verstorbene Pritzker-Preisträger Arata Isozaki zählt zu den Erneuerern der Architektur.
Der 2022 mit 91 Jahren verstorbene Arata Isozaki lässt sich kaum schlüssig in die architektonischen Strömungen des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts einordnen. Isozaki formulierte es so, dass die Wandlung zur Konstante wurde und dass paradoxerweise genau dies sein Stil sei. Damit bezieht er sich auf die zahlreichen Brüche in seinem Schaffen, beginnend mit der Nähe zum Metabolismus, einer von Altmeister Kenzo Tange geführten Bewegung, über die Vorliebe zu geometrischen Strukturen, die Hinwendung zur Postmoderne bis hin zu den späten Experimenten mit digitalen Techniken.
Nebst seinem Kerngeschäft in einem Atelier, das nicht mehr als 25 Mitarbeitende beschäftigte, betätigte er sich als Künstler, als Ausstellungsmacher, als Netzwerker und vor allem als Verfasser zahlreicher architekturtheoretischer Aufsätze. In seinem Büro sammelten sich über fünfzig Bände, in denen er unzählige Dokumente, Zeitungsausschnitte, Notate und vieles mehr ablegte.
Die neue Monografie – nun mit etwelcher Verzögerung erschienen – bezieht sich auf eine Ausstellung, die 2023 und 2024 in Shanghai und Shenzhen eingerichtet wurde. Das erklärt den Umstand, dass einige Texte Isozakis Beziehung zu China thematisieren. Er besuchte das Land erstmals 1978 und fand sofort Zugang zur chinesischen Kultur. Nachdem sich das – historisch bedingt – problematische Verhältnis zwischen China und Japan nach 1980 normalisiert hatte, beteiligte sich Isozaki ab 1994 an Wettbewerben und konnte nach 2000 eine reiche Ernte einfahren. 2005 eröffnete er sogar eine Zweigstelle in Shanghai, deren Leitung von Qian Hu übernommen wurde.
Urbanistische Antworten auf die Zerstörungen
Es ist nicht einfach, um nicht zu sagen unmöglich, all die Gedanken der 60jährigen Tätigkeit von Isozaki zusammenzufassen. Ein entscheidender Impuls für seine Auseinandersetzung mit urbanistischen Fragen war die Erfahrung der durch den Zweiten Weltkrieg zerstörten Städte, allen voran Nagasaki und Hiroshima. Die Ruinenlandschaft löste bei Isozaki ambivalente Gefühle aus. Die Vergangenheit wurde ausradiert und doch zeigten die Brachen an, dass hier die Zukunft gestaltet werden konnte. Ruinen bedeuten Schnittstellen zwischen dem Gestern und dem Morgen.
In Zusammenarbeit mit Kenzo Tange, dem wichtigsten Protagonisten der modernen Architektur in Japan und dem Planer der olympischen Stätten für Tokyo 1964, bot er 1960 Himmelsstädte als Zukunftsvision an. Diese Skizzen wurden in der Folge variiert bis hin zu den berühmt gewordenen Collagen, auf denen die auf Pfeilern ruhenden Wohn- und Arbeitseinheiten über griechischen Ruinen schweben. Zwischen den Blöcken wurden Verbindungswege gespannt; das ist einer der vielen Aspekte der metabolistischen Bewegung, die den biochemischen Begriff des Stoffwechsels auf die Planung der Zukunftsstädte übertrug.
Für Isozaki war das Gebaute nie etwas Starres, sondern eine Art Organismus, bestehend aus einer Hülle für die sich permanent verändernde Nutzung. Schon 1978 visualisierte er dieses Konzept mit einer Wanderausstellung unter dem Titel «Ma: Space-Time in Japan», wobei der japanische Begriff «Ma» in dieser Doppelbedeutung von Raum und Zeit zu verstehen ist.
30 Tonnen Schutt an der Architekturbiennale
Von rund 450 Projekten wählten die Herausgeber der neu bei Park Books erschienenen Monographie über Isozaki deren 47 aus und gliederten sie nach den wichtigen Stichworten seiner Architektur wie dem schon erwähnten Begriff «Ma», ferner «Ruinen», «Neue Form» und «Archipel», wobei es sich bei diesen Übersetzungen lediglich um Annäherungen an die japanischen Ausdrücke handelt, deren Komplexität fast nicht zu erfassen ist.
Im Block «Ruinen» stösst man auf die 1996 von Isozaki betreute japanische Präsentation an der sechsten Architekturbiennale in Venedig. In Erinnerung an das kurz davor geschehene Erdbeben in Kobe wurden im Pavillon 30 Tonnen Schutt aus der zerstörten Stadt ausgebreitet, deren Zustand mit Fotos dokumentiert war – eine Installation, die mir als damaligem Besucher unter die Haut ging.
Zunächst nur in Japan, später weltweit realisierte Isozaki zahlreiche öffentliche Gebäude, Kunstmuseen, Verwaltungsgebäude, Konzerthallen. Aus heutiger Warte betrachtet wirken diese Anlagen bezüglich Monumentalität bereits schon etwas bieder, sieht man vom 100 Meter hohen Art Tower in Ibaraki ab, der seit 1990 als zwecklose zierliche Vertikale das Zentrum markiert. Isozaki liess sich dabei von der endlosen Säule von Constantin Brancusi inspirieren.
Monumente in Europa
In Europa realisierte er zwei auffällige Monumente, in Mailand 2015 den 209 Meter hohen Allianzturm und in Barcelona das über einer Fläche von 136 mal 110 Meter errichtete Sportzentrum als Austragungsort der olympischen Spiele von 1992. Bei diesem Werk ist weniger die Architektur bemerkenswert, sondern die Art der Konstruktion. Die riesige Dachschale, die an einen aufquellenden Hefeteig erinnert, wurde mittels einer neuen Methode vom Boden emporgehoben.
Die Schweiz blieb aussen vor – mit einer ephemeren Ausnahme. Michael Haefliger, der bis 2025 waltende Intendant der Luzerner Festwochen, regte für die vom Tsunami von 2011 betroffenen Einwohner die Schaffung einer provisorischen Konzert- und Eventhalle an. Isozaki tat sich mit dem englischen Künstler Anish Kapoor zusammen und entwickelte eine amorphe, aufblasbare violette Hülle, die später an weiteren Orten verwendet wurde. Letztmals war sie 2025 anlässlich der Festwochen auf dem Areal des Verkehrshauses in Luzern aufgestellt.
Dadurch, dass die Publikation Ausstellungsprojekte, Entwürfe und utopische Skizzen gleichberechtigt neben den realisierten Werken aufführt, wird das Urteil über das Gesamtwerk von Isozaki dem Leser und der Leserin überlassen. Einige der wunderbaren Aquarelle am Schluss des Buches bestärken mich in der Überzeugung, dass es vor allem diese Malereien sind, die Arata Isozaki auszeichnen.
Xiangging Li/Aric Chen/Lei Qin (Hrsg.): Arata Isozaki. In Formation, Park Books Zürich 2026