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Ukraine-Krieg

Putin-Propagandist interviewt Putin-Propagandisten

11. Juli 2026
Reinhard Meier
Reinhard Meier
Putin, Peskow
His masters voice und Interview-Partner des "Weltwoche"-Chefs: Dmitri Peskow (Foto>:Keystone/EPA/SERGEY BOBYLEV/KREMLIN)

Der «Weltwoche»-Chef und Putin-Propagandist Köppel hat in Moskau eine Reihe von professionellen Putin-Propagandisten interviewt, unter ihnen den Kreml-Sprecher Peskow. Dabei liess er sich wortreich seine eigene Grundthese bestätigen: Der wahre Kriegstreiber im unseligen Ukraine-Krieg ist nicht der Angreifer Putin, sondern die Kiewer Führung und die sie unterstützenden Europäer. 

Den Ton und die Tendenz für die Video-Interviews, die Köppel auf seiner neuen Pilgerreise nach Moskau führte, setzt die Chefredaktorin des russischen Propaganda-Senders RT, Margarita Simonjan. Ihre Botschaft lautet: «Europäer, hört endlich auf mit diesem Krieg». Der Interviewer stellte diese mit allen Wassern gewaschene publizistische Manipulatorin im Dienste Putins salbungsvoll als «richtige Journalistin, keine Propagandistin» vor. An die Adresse der Europäer richtet Simonjan auch den herzerweichenden Aufruf: «Hört auf, unsere Bevölkerung zu quälen!». Was sie damit unmissverständlich meint: Es sind die Europäer, die die Verantwortung für die jüngsten ukrainischen Gegenangriffe auf Infrastrukturen und die Benzinversorgung im russischen Hinterland tragen, weil sie die Ukraine in ihrem Abwehrkampf gegen den russischen Aggressor mit Waffen und finanzieller Hilfe unterstützen. 

Kommt der Weltkrieg doch nicht?

Kein Wort während dieses Gesprächs davon, dass die russischen Streitkräfte seit viereinhalb Jahren das Nachbarland attackieren und nahezu pausenlos ukrainische Wohngebiete in Städten und Dörfern bombardieren. Kein Wort, weder von Köppel noch von seiner abgebrühten russischen Interview-Partnerin, dass gemäss Uno-Charta ein angegriffenes Land selbstverständlich das Recht hat, sich angemessen zu verteidigen und dabei von anderen Staaten kollektiv unterstützt werden kann. Kein Wort in diesem Propaganda-Stück auch dazu, dass die Ukraine bei ihren Luftangriffen im russischen Hinterland hauptsächlich selbst entwickelte Drohnen und Marschflugkörper einsetzt, was ihr inzwischen von vielen Seiten Respekt, Bewunderung und entsprechende Nachfragen einbringt. 

Putins Sprecher Dmitri Peskow schlug zwar im Gespräch mit dem schwadronierenden Welterklärer und Friedensapostel aus Zürich einen weniger grobschlächtigen Ton an als seine Kreml-Kollegin Simonjan. Doch im Kern seiner Botschaft hieb er in dieselbe Kerbe, auf der Köppel schon seit langem herumreitet: Die Europäer müssen aufhören, die angegriffene Ukraine zu unterstützen, sonst ist ein Ende dieses Krieges nicht abzusehen. In einem Punkt immerhin distanziert sich der eloquente Putin-Sprecher von Köppels hysterischer Rhetorik. Dieser hatte zuvor in seinen täglichen Dampfplaudereien allen Ernstes und ohne relativierende Einschränkung posaunt: «Der Weltkrieg kommt!». Peskow antwortet darauf kühl, Russland sei ein «zu grosses und verantwortungsbewusstes Land, um einen Weltkrieg auszulösen». Das gelte auch für die USA. 

«Die Nato hat Russland den Krieg erklärt»

Ungeachtet dieser rhetorischen Beruhigungspille behauptet der Putin-Sprecher ohne den Hauch eines Beleges oder näheren Begründung, die Nato habe bei ihrem jüngsten Gipfeltreffen in Ankara «Russland den Krieg erklärt». Köppel greift diese plumpe propagandistische Ente dankbar auf, weil sie bestens in sein Weltkriegs-Gezeter passt und tischt sie in seinem nächsten Tagesgeplauder mit unheilschwangerer Miene wieder auf – ohne sich die geringste Mühe zu geben, auf welche Fakten sich denn die angebliche Kriegserklärung der Nato an Russland stützen könnte. 

Peskow holt im Gespräch auch die von den Ukrainern längst widerlegte Legende aus dem Propagandaschrank, Kiew und Moskau hätten sich bei Verhandlungen in Istanbul schon im Frühjahr 2022 auf eine Kompromisslösung zur Beendigung des Krieges geeinigt. Doch der damalige britische Premier Boris Johnson habe im Namen des Westens die Selenskyj-Regierung ultimativ aufgefordert, dieses Abkommen nicht zu unterschreiben. Köppel akzeptiert auch diese Fake-Behauptung ohne Gegenrede oder kritische Nachfrage. Das gilt auch für Peskows treuherzige Aussage, Moskau bleibe «offen für den Dialog» mit den Europäern und man erwarte dass Präsident Macron «irgendwann tatsächlich zum Telefon greift, anstatt zum tausendsten Mal zu sagen, er werde Putin demnächst anrufen». 

Angebliche Gesprächsverweigerung gegenüber Moskau

Erstens hat Macron noch während des Krieges tatsächlich mit Putin telefoniert. Und zweitens hätte man an Peskow die naheliegende Frage stellen können, weshalb denn Putin nicht selbst zum Telefonhörer greift, um Macron oder Merz anzurufen, wenn man im Kreml angeblich so darauf erpicht ist, mit den Europäern zu reden. Ganz abgesehen davon, dass Putin erst vor kurzem während anderthalb Stunden mit US-Präsident Trump telefoniert hat. Die von Köppel ständig lamentierte Behauptung über die «Gesprächsverweigerung des Westens» mit Moskau ist demnach nichts anderes als eine weitere Faktenverdrehung. In dieses Kapitel gehören auch die bisher von Putin hochnäsig zurückgewiesenen Vorschläge des ukrainischen Präsidenten Selenskyj zu einer direkten Begegnung an einem neutralen Ort. 

Der «Weltwoche»-Chef hat es bezeichnenderweise auch bei dieser jüngsten Pilgerreise nach Moskau konsequent vermieden, irgendwelche Fragen zur repressiven Natur des Putin-Regimes zu stellen, das nahezu alle kritischen Stimmen zum Ukraine-Krieg längst zum Schweigen und ins Gefängnis gebracht oder in die Emigration vertrieben hat. Vielleicht sollte er sich bei seinem nächsten Russland-Tripp einmal um ein Interview mit Lew Gudkow, dem hochbetagten Leiter der soziologischen Levada-Forschungsstelle in Moskau bemühen. Dieser zählt zu den wenigen Persönlichkeiten, die sich gegenüber ausländischen Medienvertretern über die zunehmend kritisch oder resigniert werdende Stimmung im Land zum Ukraine-Krieg zu äussern wagen. Von Gudkow würde der atemlose Reporter aus der Schweiz, dem angeblich die Suche nach Wahrheit und Verständnis für die Interessen beider Konfliktparteien zutiefst am Herzen liegt, jedenfalls ein ganz anderes Narrativ hören, als von der Putin-Kamarilla im Kreml-Umkreis. 

Bomben-Drohungen des TV-Krakeelers Solowjow

Doch kaum zurück von seiner publizistischen Wallfahrt nach Moskau führt Köppel ein neues Video-Interview mit einem weiteren Propaganda-Trommler aus dem Putinschen Machtzentrum. Es handelt sich um den TV-Krakeeler Wladimir Solowjow, berüchtigt für seine jeden Sonntagabend im Staatssender Rossija 1 ausgestrahlte Talkshow, in der er jeweils in den aggressivsten Tönen über die Ukraine, ihre angebliche Nazi-Regierung und den dekadenten Westen herzieht. Der «Weltwoche»-Chef findet offenbar das schrille Gekeife dieses Putin-Trabanten derart attraktiv für seine Marktstrategie, dass er inzwischen eine wöchentliche Talk-Runde in englischer Sprache mit ihm bestreitet.

In der jüngsten Runde dieser Show-Inszenierung jedoch drohte Solowjow den Europäern (inklusive der Schweiz) rundheraus gnadenlose kriegerische Bombardierungen von Seiten Russlands an, falls sie die Ukraine weiterhin mit Geld und materiellen Lieferungen bei ihren Gegenangriffen im russischen Hinterland unterstützen sollten. Die naiven Europäer hätten offenbar vergessen, zu welchen Gegenschlägen das patriotische russische Volk fähig sei, wenn man ihm in die Quere komme.

Kernthese des Politvisionärs: «Die Europäer» sind schuld 

Gegen solche wilden Rundumschläge meldete sogar der eingefleischte Russland-Versteher Köppel Einspruch an. Er konterte Solowjow mit der Frage, ob Putin die Ukraine nicht sträflich unterschätzt habe, als er am 24. Februar 2022 den Befehl zum grossangelegten Überfall auf das Nachbarland gab. Natürlich will das der chauvinistische Putin-Trommler nicht wahrhaben und kurzfristige kommt es zu einem heftigeren Wortgefecht zwischen den beiden Show-Männern, was für die von ihnen angestrebte Klick-Maximierung in ihrer Gläubigen-Blase nur nützlich sein kann. Doch von seiner verdrehten Kernthese, dass «die Europäer» und die angegriffene Ukraine verantwortlich sind für die Ausweitung des Drohnenkrieges und die sich angeblich abzeichnende Gefahr eines neuen Weltkrieges weicht der apokalyptische Politvisionär Köppel kein Jota ab.

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