Das Muzeum Susch der polnischen Milliardärin Grażyna Kulczyk zeigt das Lebenswerk von Mariuccia Secol (*1929 in Varese), einer mindestens hierzulande kaum bekannten Vertreterin der italienischen Avantgarde der Nachkriegszeit.
Im Muzeum Susch hängt ein Objekt aus rotem zerrissenem Stoff mit dem Titel «Femicid». Mariuccia Secol hat es 1986 geschaffen. Das rote Stück weiblicher Kleidung bezeugt erfolgte Gewalt gegenüber einer Frau. Das tun auch andere Kunstwerke in dieser Ausstellung mit dem Titel «Unraveling», zum Beispiel «Ohne Titel – Aus der Serie Zerstückelung» (1965), «Suicide» aus der gleichen Serie oder «Der Schrei» (1971), ein Objekt aus mit silberner Kunststofffolie überzogenem Schaumstoff, kombiniert mit hilfesuchenden, in roten Gummihandschuhen steckenden Händen.
Das Muzeum Susch stellt Mariuccia Secol, geboren im Jahr 1929 und aufgewachsen bei Varese, als Künstlerin und (feministische) Aktivistin vor, die sich im Zuge der Protestbewegungen der 1960er Jahre mit anderen Frauen zusammentat, um sich für feministische Anliegen einzusetzen.
Ebenso arbeitete sie in jener Zeit in einer psychiatrischen Klinik in einem Malatelier im Sinne der Reformpsychiatrie des italienischen Psychiaters Franco Basaglia und schloss sich später – zum Beispiel in der Migrationskrise – breiter gefassten politischen Protesten an.
Ihre Kunstwerke – dazu gehören auch aus Textilien gefertigte Collagen und Objekte sowie bemalte Tonskulpturen – sind im Kontext einer feministisch geprägten Kunst zu sehen, die oft nach drastischen Darstellungsmitteln sucht und seit den frühen surrealistischen Bewegungen in mehreren Wellen über Europa flutete und an Dramatik stets zunahm. Das politische, auch genderpolitische Engagement Secols und ihre persönliche Betroffenheit und Ehrlichkeit seien nicht in Zweifel gezogen. Allerdings führt dieses Engagement zu teils platten, eindimensionalen Formulierungen, die an Differenziertheit und Vielschichtigkeit weit hinter dem Schaffen anderer oder früherer Künstlerinnen, die sich vergleichbarer Thematik widmen, zurückbleiben. Als Beispiele unter sehr vielen möglichen seien Meret Oppenheim, Louise Bourgeois, Eva Hesse, Ana Mendieta oder Judy Chicago erwähnt.
Das Muzeum Susch und seine Gründerin
Feministisch geprägte Kunst steht im Fokus des Muzeums in Susch. Dessen Gründerin und Eigentümerin, Grażyna Kulczyk (geboren 1950), ist eine polnische Unternehmerin. Sie studierte Öffentliches Recht in Posen. Während des Studiums lernte sie ihren späteren Ehemann, den ehemaligen Präsidenten der Deutsch-Polnischen Industrie- und Handelskammer Jan Kulczyk (1950–2015), kennen, einen der reichsten Polen, von dem sie sich 2005 scheiden liess. Als Unternehmerin konnte Grażyna Kulczyk vor allem mit Beteiligungen an internationalen Konzernen mit Niederlassungen in Polen ein eigenes Vermögen aufbauen. Dieses investierte sie vor allem in zahlreiche Bauprojekte innerhalb ihrer Heimatstadt Posen. Seit einigen Jahren betätigt sie sich zudem als Kunstmäzenin. Sie besitzt eine der grössten privaten Kunstsammlungen Polens und finanziert zahlreiche Kultur- und Infrastrukturprojekte. Dabei verfolgt sie stets den Leitgedanken, Kunst mit unternehmerischen oder weiteren Aspekten zu verknüpfen.
Ihr grösstes Projekt stellt der Bau und Betrieb des Handelszentrums Stary Browar in Posen dar. Es handelt sich um den Umbau einer alten Brauerei in ein Einkaufs-, Unterhaltungs- und in einen Ausstellungskomplex. Angeknüpft werden soll an das Handelszentrum ein neues Museum für zeitgenössische Kunst. Grażyna Kulczyk hat einen Wohnsitz im Schweizer Bergdorf Tschlin im Unterengadin. In Susch, ebenfalls im Unterengadin, liess sie das Muzeum Susch für zeitgenössische Kunst sowie ein Künstlerhaus errichten. Das 2019 eröffnete Muzeum vereinigt Räume für Wechselausstellungen (etwa zwei pro Jahr), für permanente Installationen, für Symposien und Diskussionen und für Künstler- und Autorinnen-Residenzen. Zum attraktiven Angebot gehört auch ein gepflegtes Bistrot. Gemäss eigener Homepage besteht der Gründungsauftrag des Muzeums Susch darin, «Künstlerinnen der internationalen Avantgarde, die übersehen, verkannt oder missverstanden wurden, hervorzuheben, ihnen eine Bühne zu bieten und die gleiche institutionelle Anerkennung wie ihren männlichen Zeitgenossen zu verschaffen».
Ausstellungen und permanente Installationen
Die Wechselausstellungen waren bisher zum Beispiel Edita Schubert, Hannah Villiger, Emma Kunz, Heidi Bucher, Evelyne Axell und anderen internationalen Künstlerinnen gewidmet. Das Muzeum veranstaltete auch Gruppenausstellungen mit teils hochkarätiger Besetzung – zum Beispiel «After Carolee Schneemann» oder, als Eröffnungsausstellung im Jahr 2019, «Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen». Grażyna Kulczyk beauftragt jeweils auswärtige Kuratorinnen und Kuratoren mit der Gestaltung der Ausstellungen, zum Beispiel Hans Ulrich Obrist für die Präsentation des Werkes von Emma Kunz oder Madeleine Schuppli für die Ausstellung Hannah Villigers.
Unter den bisherigen temporären Präsentationen gab es manche echte Entdeckung. Viele Künstlerinnen sind jedoch in der Schweizer Öffentlichkeit, aber auch im internationalen Kontext oder Markt längst bekannt und etabliert. Sie sind kaum als Entdeckungen zu werten – zum Beispiel Hannah Villiger, Evelyne Axell oder Heidi Bucher. Auch Emma Kunz, die sich selber nicht als Künstlerin, sondern als Heilerin verstand, war zum Zeitpunkt der Ausstellung in Susch längst international bekannt. (Heiny Widmer widmete ihr im Kunsthaus Aarau 1973 eine erste Ausstellung, und seither war ihrem Werk regelmässig zu begegnen.) Unter den Künstlerinnen, von denen permanente Installationen zu sehen sind, ist ebenso international bekannter Prominenz zu begegnen wie zum Beispiel Monika Sosnowska, Helen Chadwick, Magdalena Abakanowicz, Tracy Emin oder Valie Export. Zu sehen gibt es auch Werke von Männern, so von Mirko Baselgia, Paweł Althamer oder Not Vital. Der weltweit tätige Bündner Bildhauer Vital mit Ateliers in Rio, China und in Sent fertige aus schneeweissem Carrara-Marmor einen Turm, der aber trotz seiner beachtlichen Dimension und seinem sicher erheblichen Kostenaufwand die schöne Siedlung Susch mit ihren hohen Kirch- und anderen Türmen nicht zu dominieren vermag. Mirko Baselgia, ebenfalls Bündner, ist bescheidener: Er schuf für eine grosse Eingangstür ein Relief aus Arvenholz, das feinfühlig die Entstehung von Bienenwaben nachempfindet.
Ein «Geschenk»
Grażyna Kulczyks Muzeum Susch ist ein perfekter Ausflugsort, zieht – auch dank der vorzüglichen, schönen und geradezu beispielhaften architektonischen Gestaltung durch Chasper Schmidlin und Lukas Voellmy – zahlreiche Kunstfreunde und Touristen an und trägt dazu bei, dass die Region Unterengadin zum Kunst-Hotspot ähnlich der Region St. Moritz werden mag. Der Hotelier eines Oberengadiner Fünfsterne-Hauses sprach gar von einem «Geschenk» Grażyna Kulczyks an die Tourismusregion Engadin und von einem neuen Highlight in ihrem kulturellen Angebot. Ob die programmatische Ausrichtung des Muzeums auf klar feministische Thematik allerdings ausreicht, um dem Haus auf Dauer ein eigenständiges Profil zu geben? Und ob der geschlechterpolitische Unterton sich nicht zu Ungunsten künstlerischer Qualität auswirkt? Es trifft natürlich zu, dass Museen und öffentliche Institutionen und auch die Kunstgeschichte Künstlerinnen gegenüber ihren männlichen Kollegen lange Zeit vernachlässigt haben und dass ein Nachholbedarf immer noch besteht. Das Thema, das manche Museen heute quer durch Europa bewirtschaften, könnte sich jedoch bald erschöpfen. Die Retrospektive Mariuccia Secols, die an Stringenz und Kompromisslosigkeit kaum an früher in Susch und auch anderswo gezeigte Positionen heranreicht, mag diese Vermutung bestätigen.
Muzeum Susch. Bis im November. Katalog im Verlag Hatje Cantz (in englischer Sprache)