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Italien

«Pharaonischer Unsinn» – neu belebt

9. Juli 2026 , Rom
Heiner Hug
Brücken-Projekt
Die geplante Brücke über die Strasse von Messina

Das Projekt einer Brücke, die Sizilien mit dem italienischen Festland verbindet, war kürzlich vom italienischen Rechnungshof gestoppt worden. Jetzt erhält das Vorhaben neuen Auftrieb – dank Donald Trump.

Der Bau der 3,7 Kilometer langen Brücke über die Meerenge von Messina war von Matteo Salvini, dem Chef der rechtspopulistischen Lega, mit Vehemenz gefördert worden. Er, dessen politischer Stern langsam verglüht, will sich mit dem Bauwerk ein Denkmal setzen. Giorgia Meloni , die Ministerpräsidentin, schloss sich nach längerem Hin und Her dem Projekt an.

Die 3,7 Kilometer lange Brücke würde nach Berechnungen von Salvini 13,5 Milliarden Euro kosten. Doch unabhängige Planer und Geologen rechneten damit, dass das Vorhaben mit allen Infrastruktur- und Anschlussbauten bis zu 30 Milliarden Euro kosten würde.

Das Erdbeben von Messina

Zudem: Mehrere Geologen bezeichnen das Projekt als Irrsinn. Sie weisen darauf hin, dass das Gebiet, in dem die Brücke gebaut werden soll, höchst erdbebengefährdet ist. Am 28. Dezember 1908 ereignete sich hier eine der schwersten Naturkatastrophen des 20. Jahrhunderts. Das 40-sekündige Beben, das sich morgens um 05.20 Uhr ereignete, hatte eine Stärke von 7,2 auf der Momenten-Magnituden-Skala und zerstörte die Städte Messina, Reggio Calabria und Palmi fast vollständig. Dem Erdstoss folgte ein Tsunami. Die Zahl der Toten schwankt je nach Quelle zwischen 70’000 und 110’000.

Zwar stossen hier tektonische Platten aneinander, doch Salvini und die Seinen sind überzeugt, das Problem in den Griff zu bekommen. Geplant sind zwei je 399 Meter hohe und 55’000 Tonnen schwere Metalltürme. Sie sollen am Ufer in Kalabrien und an jenem in Sizilien stehen. Das Fundament der Pfeiler soll aus Stahlbeton gegossen werden. In Sizilien soll es einen Durchmesser von 55 Metern und in Kalabrien einen solchen von 48 Metern haben. Die beiden achteckigen Türme sollen einen Querschnitt von 20 mal 12 Metern aufweisen.

«Entwicklungsbeschleuniger» 

Zwischen den beiden Türmen sollen vier Seile gespannt werden. Sie haben laut Projekt einen Durchmesser von 1,26 Metern und ein Gewicht von 170’000 Tonnen. An diesen Seilen soll der 3,6 Kilometer lange «Ponte del Stretto di Messina» (wie die Brücke offiziell heisst) aufgehängt werden. Es wäre die Brücke mit der grössten Einzelspannweite der Welt.

Die Befürworter der Brücke erwähnen, dass das Bauwerk einen positiven Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung der unterentwickelten Regionen Kalabrien und Sizilien habe. Salvini sagte, die Brücke sei ein «Entwicklungsbeschleuniger» und würde 120’000 Arbeitsplätze schaffen. Es sei «das grösste öffentliche Bauvorhaben, das derzeit im Westen geplant ist». Italien ist nach Griechenland das höchstverschuldete Land der EU. Soll man da für eine Brücke 30 Milliarden Euro aufwenden?

«Die grösste Verschwendung öffentlicher Gelder»

Die Gegner sprechen von Geldverschwendung. Der linksgrüne Abgeordnete Angelo Bonelli sagt, das Projekt sei «die grösste Verschwendung öffentlicher Gelder, die Italien jemals gesehen hat». Und: Die Regionen Kalabrien und Sizilien sind nach wie vor mafiadurchseucht. Es ist anzunehmen, dass die sizilianische Cosa Nostra und die kalabrische ’Ndrangheta massiv an den Ausschreibungen und dem Bau mitverdienen würden.

Dann, im letzten Dezember, stoppte der italienische Rechnungshof das Projekt. Es bestehe «keine Gewissheit», dass die Kosten, die dem Staat aufgebürdet würden, nicht stark steigen könnten. Der Rechnungshof verlangt, das Projekt um mindestens acht Jahre zu verschieben und dann eine neue Kalkulation aufzustellen. Im Klartext heisst das: Das Projekt ist fast tot. Die Opposition, von den Sozialdemokraten über die Cinque Stelle bis hin zur Alleanza Verdi e Sinistra (AVS), fordert nun geschlossen, die im Haushaltsplan vorgesehenen 13,5 Milliarden Euro für dringend notwendige Infrastrukturprojekte im noch immer teils stark unterentwickelten Süden des Landes freizugeben. «Es gibt dringendere Probleme als die Brücke von Messina», heisst es bei den Sozialdemokraten. Die Brückengegner bezeichnen das Projekt als «pharaonischen Unsinn».

Fünf Prozent für Verteidigung

Doch jetzt wittert Salvini wieder Morgenluft. Am Nato-Gipfel in Ankara polterte Trump erneut und warf den Europäern vor, zu wenig für ihre Verteidigung zu tun. Die USA müssten die Hauptlast tragen, während Europa davon profitiere. Trump verlangt, dass die europäischen Nato-Staaten bis 2035 fünf Prozent des Bruttoinlandprodukts (BIP) in die Verteidigung investieren. Davon sind die meisten europäischen Staaten weit entfernt.

Müssten die Europäer fünf Prozent des Bruttoinlandprodukts für das Militär aufwenden, hätte das schmerzhafte Konsequenzen für die ohnehin äusserst knapp berechneten Haushaltspläne der einzelnen Länder. Steuern müssten erhöht sowie Subventionen und Sozialprogramme gekürzt werden, was wiederum in der Bevölkerung Unruhen auslösen könnte. Viele Länder, die bereits mit politischen Turbulenzen und gravierenden Haushaltsproblemen zu kämpfen haben, werden Schwierigkeiten haben, ihre Sozialsysteme nennenswert zu kürzen oder ihre Ausgabenmodelle zu ändern, zitiert CNN Andrew Kenningham, Chefökonom für Europa bei «Capital Economics».

Der Brücken-Trick

Italien gibt zurzeit 2,1 Prozent seines Bruttoinlandprodukts für Verteidigung aus. Das gefällt Trump gar nicht. Jetzt versuchen es die Italiener mit einem Trick. Und jetzt kommt die geplante Brücke von Messina wieder ins Spiel.

Wie wäre es, wenn man die Messina-Brücke als Militärprojekt einstufen würde? Konkret hiess das: Italien würde dann plötzlich bis zu 30 Milliarden Euro mehr für die Verteidigung ausgeben. Dies würde – unter dem Strich – den italienischen Anteil der Verteidigungsausgaben am Bruttoinlandprodukt massiv steigern – auf zwischen drei und vier Prozent.

Fällt Trump darauf hinein?

Salvini hofft, mit diesem Kunstgriff sein Denkmal doch noch bauen zu können. Zwar könnten dann einige Panzer über die Meerenge von Messina fahren, doch ist die Brücke in Zeiten von Drohnenkrieg und Cyberattacken wirklich ein militärisches Objekt? Und: Fällt Trump auf den Trick herein?

Brücken sind im Kriegsfall äusserst gefährdet. Das musste auch Putin zur Kenntnis nehmen. Wegen Raketen- und Drohnenangriffen muss die Brücke von Kertsch, die Russland mit der Krim verbindet, immer wieder gesperrt werden. «Eine einzige Rakete würde genügen», sagen italienische Brückenkritiker, «und Salvinis pharaonischer Unsinn würde auf dem Meeresgrund liegen.»

(Der Artikel enthält Material aus Heiner Hugs Bericht vom Dezember 2025: Keine Brücke nach Sizilien)

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