Wegen Bevölkerungswachstum und der Forderung nach Verdichtung muss vermehrt in die Höhe gebaut werden. Doch es gibt auch zunehmend Widerstand. Ein Beispiel ist das geradezu absurde Ringen um die beiden geplanten Türme auf dem Hardturm-Areal in Zürich.
Bis ins 19. Jahrhundert beschränkte sich das Streben nach Höhe auf Kirch- und Geschlechtertürme. Erst durch die Entwicklung im Stahlskelettbau und durch die Erfindung des Aufzuges begann in Chicago und wenig später in New York der Siegeszug der Wolkenkratzer, wobei neben der Maximierung der Nutzfläche gewiss auch die Inszenierung von Dominanz für die Attraktivität dieses neuen Bautypus eine Rolle spielte.
Die Schweiz hingegen blieb vorerst ein Land der lauschigen Siedlungen und Kleinstädte mit Wohnhäusern, welche kaum über fünf Stockwerke hinauswuchsen. Vorschläge, zumindest an neuralgischen Punkten sogenannte Punkthäuser zu erlauben, wurden schon in den 1930ern vorgetragen, beispielsweise von Armin Meili in seinem urbanistischen, 1931 veröffentlichten Plan für Luzern.
Vertikale Entwicklung ab 1950
Erst in den 1950ern wagte man, die Stockwerkzahl zu erhöhen, so 1951 bei den drei dreizehngeschossigen Entenweid-Hochhäusern von Hans Mähly und Arnold Gfeller in Basel oder ein Jahr später bei den zwei zwölfgeschossigen Hochhäusern von Albert H. Steiner am Letzigraben in Zürich. Im Vergleich zu den amerikanischen Riesen fielen diese Realisierungen bescheiden aus, ja, man kann sich sogar fragen, ob ihnen der Begriff Hochhaus überhaupt zugeordnet werden kann. Aber das bleibt eine semantische Frage, die nicht exakt beantwortet werden kann. Es hat im Wesentlichen mit Relationen zu tun. Inmitten von Einfamilienhäusern kann schon ein sechsgeschossiger Block als Wolkenkratzer durchgehen, während ein solcher in Manhattan als Winzling dastehen würde.
In den 1960ern und 1970ern schichtete man infolge einer ersten starken Bevölkerungszunahme an einigen Orten mehr Stockwerke aufeinander als bis anhin, wobei es mancherorts gar nicht so leicht ist, den Bautypus zu benennen. Sind die vier zwischen 1971 und 1991 von Hans Marti projektierten Blöcke der Telli-Siedlung in Aarau von Le Corbusier beeinflusste Wohnscheiben oder in die Breite ausgewachsene Türme? Wie ist das 1971 vollendete Monstrum Le Lignon nahe Genf, ein über tausend Meter langer Koloss, zu bezeichnen? Es sind Zwitter.
Eindeutiger wird es etwa beim 1968 eröffneten Schönbühl-Hochhaus in Luzern, das von keinem Geringeren als Alvar Aalto projektiert wurde, oder bei den vier 1978 hochgezogenen Hardau-Türmen in Zürich, von denen der höchste mit 95 Metern lange Zeit das höchste Wohnhaus in der Schweiz war. Die durch Nine-Eleven ausgelöste Krise, die das Ende der Wolkenkratzer anzukündigen schien, dauerte nur kurz, selbst in New York, wo ausgerechnet neben Ground zero das höchste Gebäude der USA entstand. In der Schweiz wurde die magische Grenze von hundert Metern erst 2003 mit dem Messeturm in Basel überschritten, wo es dann kein Halten mehr gab. Der höchste, der Roche-Turm 2, hält seit 2022 mit 205 Metern den Schweizer Rekord.
Beispiel Region Luzern
Es genügt ein Blick auf die derzeitige Bautätigkeit in Luzern und Umgebung, um die geradezu radikale Veränderungen des städtischen Weichbildes zu konstatieren. Anders als in Zürich, wo die Realisierung des in der städtischen Abstimmung gutgeheissenen Grossprojekts «Ensemble» für ein Stadion mit zwei Wohntürmen (Bild oben) seit fünf Jahren durch Rekurse blockiert ist, wurden der Planung der beiden Hochhäuser von Daniele Marques und Iwan Bühler neben dem neuen Stadium auf der Allmend keine grossen Steine in den Weg gelegt. Zwar musste die ursprünglich vorgesehene Höhe von 134 und 109 Metern auf 88 m und 77 Meter reduziert werden, aber gleichwohl präsentieren sie sich seit 2012 mit der filigranen Messingverkleidung als elegante weithin sichtbare Vertikalen, gleichsam ein Stadttor im Süden von Luzern.
Bald vollendet wird nicht weit davon entfernt der 113 Meter hohe Wohnturm Pilatustower als markantestes Bauwerk in der sehr beengend wirkenden neuen Überbauung Mattenhof zwischen Kriens und Horw. Eine ebenfalls beachtliche Höhe von 53 Metern wird nach 2026 das markanteste Gebäude der Überbauung Eichhof-West in Kriens erreichen.
Batteriehaltung, Isolation, Anonymität
Mit dem Bautypus Hochhaus sind zwei wesentliche Herausforderungen verbunden, eine ästhetische und eine soziale. Legt man identische Stockwerke sichtbar aufeinander, erhält man am Schluss ein ödes Gebilde, das oft als maximal lebensfeindlich wahrgenommen wird. Erschreckend sind beispielsweise die Hochhäuser in Hongkong, in denen die Menschen quasi in Batteriehaltung zusammengepfercht sind. Es überrascht denn kaum, dass hier der verheerende Grossbrand vom 26. November 2025 unzählige Opfer zur Folge hatte. Keiner konnte die beklemmende Enge fotografisch besser zum Ausdruck bringen als Michael Wolf mit seinem 2006 erschienenen bedrückenden Bildband «Hongkong».
Welche Alternativen bieten sich an? Man kann eine Glashaut, einen Curtain Wall, aufziehen, die alles kaschiert, wie dies von Mies van der Rohe exerziert wurde. Das Hochhaus erscheint als funkelnder Kristall, aber es gibt keinen Austausch von Innen und Aussen. Frank Gehry setzte die Fassaden des Turmes 8 Spruce Street in Manhatten durch dynamische vertikale Bänder in Bewegung. Unweit davon liessen Herzog & deMeuron die Stockwerke des Turmes 56 Leonard Street unterschiedlich auskragen und vermieden dadurch Sterilität. Beim berühmten Bosco Verticale in Mailand wachsen aus den Stockwerken unterschiedliche Pflanzen und Bäume. Erst in letzter Zeit wagte man, für Wohntürme grosszügig Holz einzusetzen, etwa beim Zwhatt-Hochhaus in Regensdorf.
All dies kann jedoch ein grundsätzliches Übel von Hochhäusern nicht vermeiden. Bewohner und Bewohnerinnen sind im wörtlichen Sinne abgehoben und isoliert. Ein soziales Zusammentreffen wie auch immer wird durch die Anonymität, die mit dem Bautypus in besonderem Masse verbunden ist, nicht gefördert. Die von Le Corbusier in seinen Unités reservierten Ladenstrassen funktionierten nicht. Für Familien ist es noch ungemütlicher, weil es Kindern grundsätzlich untersagt ist, den Aufzug ohne Begleitung von Erwachsenen zu benutzen.
Man kann es drehen, wie man will: Hochhäuser richten sich in erster Linie an Einzelpersonen oder kinderlose Ehepaare. Durchmischung ist nur möglich, wenn Punkthäuser mit niedrigeren Gebäuden kombiniert werden, und dies gelingt nur, wenn die Behörden die Möglichkeit erhalten, die Planung bei grösseren zu überbauenden Arealen zu beeinflussen.