1945 Jahren kam Michael Urich aus dem KZ in die Schweiz, im Rahmen eines vom Roten Kreuz organisierten Erholungsaufenthaltes für jüdische Kinder. Nun wollte er Engelberg noch einmal sehen. 81 Jahre später hat ihn die Obwaldner Gemeinde eingeladen.
«Morgen scheint die Sonne – nicht fragen, was gestern war». Mit diesem Leitspruch hat der jetzt 91-jährige Michael Urich das Konzentrationslager Buchenwald überlebt.
Im September 1945, vor 81 Jahren, kam Urich als befreites jüdisches Kind aus dem Konzentrationslager Buchenwald in ein Heim nach Engelberg. Er war damals zwölf Jahre alt. Jetzt hat er sich in Engelberg gemeldet. Er wollte den Ort nochmals besuchen. Die Einwohnergemeinde und das Talmuseum haben ihn eingeladen. Am Dienstag sprach er im Engelsaal in Engelberg über sein Leben. Der 91-Jährige wollte sein Referat unbedingt stehend halten. Im vollen Saal sassen 110 Leute, viele Interessierte mussten abgewiesen werden.
Die jüdischen Eltern hatten den jungen Polen zuerst bei einer christlichen Familie versteckt. Später wurde er zusammen mit seiner Gastfamilie nach Buchenwald deportiert. Seinen Vater und seine Mutter haben die Nazis ermordet.
Vom Alltag in dieser Zeit erzählt er nur dies: «Ich habe fünf Jahre lang nichts gelernt.» Im Versteck und im KZ konnte er keinen Schulunterricht besuchen. Deshalb war er dankbar für die Heimschule in Engelberg. Als Zwölfjähriger lernte er in kurzer Zeit Deutsch und mit einundneunzig kann er noch immer in deutscher Sprache über sein Schicksal sprechen. Manchmal versteht er eine Frage nicht. Dann hilft ihm Valeria. Sie hat die Reise organisiert und ihn begleitet.
Urich erinnert sich an die gute Luft in Engelberg und an die Kleider, die er von den Einheimischen geschenkt bekam. Er dankt der Engelberger Bevölkerung für beide Aufenthalte, damals und heute. Als Kind hatte er keinen Kontakt zu Einheimischen.
Er wollte in der Heimschule lernen, nachholen, war er im Konzentrationslager verpasst hat. Die jüdischen Kinder waren In zwei Hotels untergebracht. Im «Central» die Buben und im «Alpina» die Mädchen. Sie wurden vom Roten Kreuz und jüdischen Organisationen betreut.
Im Herbst 1946 wollte die Tourismus-Lobby die Flüchtlinge wieder loswerden. Sie glaubte, die fremden Kinder könnte dem aufstrebenden Tourismus schaden. Ende 1946 wurden die Heime geschlossen. Michael Urich hatte sich bereits früher abgesetzt. «Ich bin allein auf der Welt», sagt er. Er zog nach Palästina. In Israel studierte er Philosophie und Talmud und gründete eine Familie mit drei Kindern. »Ich habe ein Leben lang Matratzen verkauft», sagt er über seine berufliche Laufbahn.
Im Jahr 1945 nahm die Schweiz 370 Jugendliche aus Konzentrationslagern für einen Erholungsaufenthalt auf. In der Zentralschweiz kamen sie auf den Zugerberg und nach Engelberg. Die Leiterin des Talmuseums in Engelberg, Florence Anliker, hat ihre Masterarbeit an der Universität Basel dem Thema «Holocaust-Überlebende und deren videografische Zeitzeugnisse im Archiv für Zeitgeschichte» gewidmet. Sie hat aktiv nach ehemaligen Buchenwald-Kindern gesucht. Aber keine gefunden. Dann meldete sich Michael Urich aus eigener Initiative.