Schon im Jahr 1910, viel früher als in den meisten anderen europäischen Ländern, wurde in Portugal die Monarchie gestürzt. An ihre Stelle trat eine «Erste Republik», die nach nur knapp 16 Jahren der Wirren am 28. Mai 1926, vor genau 100 Jahren, durch einen Militärputsch endete. Es folgte ein Regime, das als Westeuropas längste Diktatur des 20. Jahrhunderts in die Geschichte eingehen sollte.
Im heutigen Portugal hatten vor über 2000 Jahren schon die Römer ihre Probleme. Am Rande von Iberien lebe ein Volk, das sich weder regiere noch regieren lasse, soll entweder ein römischer General oder sogar Julius Cäsar in Bezug auf die Lusitaner gefunden haben. Mit einer guten Portion an Selbstironie erinnern portugiesische Kommentatoren beim Blick auf ihr oft von sinnlosem Polit-Gerangel gezeichnetes Land bis heute mitunter gern an diese Beobachtung. Äusserst wirre Verhältnisse herrschten etwa in den fast 16 Jahren der «Ersten Republik», die am 5. Oktober 1910 vom Balkon des Lissabonner Rathauses proklamiert wurde und durch einen Militärputsch am 28. Mai 1926 ihr Ende fand. Vor nunmehr genau 100 Jahren begann eine Diktatur, die 48 Jahre währen sollte.
16 Jahre, 45 Regierungen
Unzählige Strassen und Plätze in Portugal sind heute nach dem 5. Oktober benannt, dem Tag, an dem 1910 die konstitutionelle Monarchie gestürzt wurde. Es ist ein gesetzlicher Feiertag, stets mit politischer Agenda, da die Staatspräsidenten mahnende oder motivierende Ansprachen halten. Gern berufen sich Politiker, die sich mehr Transparenz im Land wünschen, auf eine «republikanische Ethik», auch wenn sie mit deren Umsetzung oft ihre Probleme haben. Schon die Erste Republik liess viele Hoffnungen und Erwartungen in dem armen Land, wo zwei Drittel der Bevölkerung nicht lesen und schreiben konnten, unerfüllt. Für den denkbar schwierigen Start dieser Republik, eine der ersten in Europa, spricht schon die Zahl von acht Staatspräsidenten und 45 Regierungen, die sich bis 2026 abwechselten.
Warum stürzte die fast 900 Jahre alte Monarchie? Ausschlaggebend waren nicht nur innenpolitische Gründe. Eigentlich verstanden und verstehen sich Portugal und England bzw. das Vereinigte Königreich bis heute als älteste Verbündete der Welt, geht ihre Allianz doch auf das 14. Jahrhundert zurück. Aber das heisst nicht, dass immer eitel Sonnenschein herrschte. Zur Konfrontation kam es im späten 19. Jahrhundert, als die europäischen Kolonialmächte ihre Reviere in Afrika absteckten. Portugals Ambition, Angola und Moçambique durch Teile der heutigen Republiken Sambia und Simbabwe zu verbinden, war unvereinbar mit dem britischen Plan für einen Korridor vom Kap der Guten Hoffnung bis Kairo.
Schockwellen in Afrika und Staatsbankrott
So kam es 1890 zum «Englischen Ultimatum» mit der Aufforderung an Portugal, das umstrittene Gebiet zu räumen, dies unter Androhung von diplomatischen Konsequenzen und Krieg. Portugal gab nach – was im Land als Erniedrigung und Schmach empfunden wurde. Hinzu kam 1891 ein Staatsbankrott, teils weil das Land seine für den rasanten Ausbau der Infrastruktur aufgenommen Schulden nicht bezahlten konnte. Am 31. Januar 1891 scheiterte in Porto eine erste republikanische Revolte.
Vor dem Hintergrund wachsender Spannungen schienen die Tage der Monarchie gezählt. Ab 1907 führte der konservative João Franco als ihr letzter Ministerpräsident eine diktatorische Regierung. Anfang 1908 fielen König Carlos und Thronerbe Luís Filipe einem Attentat zum Opfer. Carlos’ jüngerer Sohn, der mit nur 18 Jahren als Manuel II. den Thron bestieg, war auf seine Rolle nicht vorbereitet. Als die Monarchie durch eine Revolte in Lissabon 1910 endete, floh er ins englische Exil.
Einig in der Ablehnung, aber nicht über den künftigen Weg
Die Republikaner waren sich einig in der Ablehnung der Monarchie, nicht jedoch über einen Ausweg aus der Krise mit so vielen Facetten, in der das Land steckte. So folgten weitere Jahre der Spannungen, der Streiks, der Staatsstreiche und der Bombenanschläge, wobei in der Politik nicht nur Parteien mitmischten, sondern auch geschlossene Organisationen wie Freimaurerlogen. Zudem schlug das Regime in seinen ersten Jahren einen stark antiklerikalen Kurs ein. Noch 1910 erlaubte es die Ehescheidung, und die Verfassung von 1911 trennte Kirche und Staat. Von einem führenden Republikaner, Afonso Costa, hiess es, dass er die Überwindung des Katholizismus für eine Frage von zwei oder drei Generationen gehalten habe. Er bestritt, dies gesagt zu haben, aber dass solche Anschuldigungen kursierten, spricht für das Ambiente.
Im Jahr 1917 machte plötzlich die Nachricht von Marienerscheinungen im heutigen Wallfahrtsort Fátima die Rede. Am 13. aller Monate von Mai bis Oktober soll die Jungfrau drei Hirtenkindern erschienen sein, gleich am 13. Mai mit einer Botschaft des Friedens – dies zu einer Zeit, da Portugal im Ersten Weltkrieg auf Seite der Alliierten verstrickt war und das Schlimmste an der Front noch bevorstand.
Deutsche Schiffe beschlagnahmt
Portugal suchte den Schutz der Briten, gerade mit Blick auf zwei Kolonien in Afrika, die an deutsche Besitzungen grenzten – Moçambique im Norden an Tanganika (das sich 1964 mit Sansibar zu Tansania vereinte), Angola im Süden an Namibia. Portugal entsandte Truppen, um seine Kolonien vor deutschen Übergriffen zu schützen.
Ein Eintritt in den Krieg in Europa war anfangs nicht geplant – und diesen konnten die Briten auch nicht wirklich wünschen, galt Portugals Armee doch als schlecht ausgerüstet und ausgebildet. Auf britischen Druck hin beschlagnahmte Portugal 1916 aber 72 deutsche und österreich-ungarische Schiffe, die in portugiesischen Häfen lagen – und handelte sich am 1. März 1916 eine deutsche Kriegserklärung ein.
Ein Vorgeschmack auf den Faschismus
Portugal schickte letztlich doch Truppen nach Westeuropa, teils auf der Suche nach Anerkennung für die junge Republik. Unterdessen errichtete Major Sidónio Pais im Dezember 1917 eine Militärdiktatur. Sie gab nach Einschätzung von Historikern fünf Jahre vor der Machtübernahme durch Mussolini in Italien im Jahr 1922 einen ersten Vorgeschmack auf ein faschistisches Regime in Europa, war Pais’ Führungsstil doch populistisch und autoritär.
Waren die Staatspräsidenten bis dahin indirekt, von beiden Kammern des Parlaments, gewählt worden, so liess er sich direkt zum Staatsoberhaupt wählen. Wahlberechtigt waren plötzlich alle Männer und nicht mehr nur, wie bei Parlamentswahlen, lesekundige Familienoberhäupter. Sidónio Pais fiel Ende 1918 einem Attentat zum Opfer – als Portugal an einem der schlimmsten Traumata seiner Geschichte knackte.
Trauma in den Schützengräben
In Flandern, in der Schlacht von La Lys, hatte ein schlecht vorbereitetes Heer, das helfen sollte, einen deutschen Durchbruch zu französischen und belgischen Seehäfen zu verhindern, am 9. April 1916, verheerende Verluste erlitten. In der Literatur genannte Zahlen – 1’341 Tote, 4‘626 Verletzte, hinzu kommen Verschwundene und Gefangene – könnten laut jüngeren Quellen stark überhöht sein. Und doch galt dies als Portugals schlimmstes Trauma seit der Schlacht im nordmarokkanischen Ksar el Kebir (unweit landeinwärts von der Hafenstadt Larache), wo 1578 der junge kinderlose König Sebastião den Tod fand. Zwei Jahre später fiel Portugal in Personalunion unter spanische Herrschaft, die 60 Jahre währen sollte.
Im Friedensvertrag von Versailles ging Portugal 1919 leer aus. In den folgenden Jahren kehrten weder politisch noch wirtschaftlich geordnete Verhältnisse ein. 1925 kam es durch Machenschaften eines gewieften Betrügers gar zum Kollaps des Finanzsystems. Und letztlich, meinten Analytiker, als Portugal 2010 den 100. Jahrestag der Republik feierte, konnte diese, trotz edler Prinzipien, ihr Volk nie wirklich gewinnen.
Ein Coup mit Langzeiteffekt
Am 26. Mai 1926 putschte sich wieder das Militär an die Macht. Von der nordportugiesischen Erzbischofsstadt Braga aus führte General Gomes da Costa (nicht zu verwechseln mit General Costa Gomes, Staatspräsident von September 1974 bis Juni 1976, eine zentrale Figur des demokratischen Neubeginns) einen Coup, der die «Erste Republik» beendete.
Gomes da Costa wollte eigentlich Ordnung schaffen, die Korruption beenden und zur republikanischen und parlamentarischen Ordnung zurückkehren. Wegen angeschlagener Staatsfinanzen kam alles aber anders.
Als prägende Figur der 1926 etablierten Diktatur profilierte sich ein Zivilist, nämlich António Oliveira Salazar. Als Finanzminister mit praktisch unbegrenzten Vollmachten brachte er mit drastischen Kürzungen die Staatsfinanzen ins Lot, ehe er 1932 das Amt des Regierungschefs übernahm. Unter ihm trat 1933 eine neue Verfassung in Kraft. Sie begründete den diktatorischen und ständischen «Estado Novo» (Neuer Staat). Salazar führte eine klerikal-faschistoid geprägte Diktatur und blieb 36 Jahre lang im Amt, bis er 1968 einen Schlaganfall erlitt.
Unter ihm begannen die verheerenden Kolonialkriege in Afrika (1961 in Angola, 1963 in Guinea-Bissau, 1964 in Moçambique), die sehr viel mehr Todesopfer forderten als die Schlacht von La Lys. Salazar waren die Reste von Portugals 500-jährigem Kolonialreich wichtiger als das Wohlergehen des Volkes in seinem als «Armenhaus Europas» apostrophierten Land, von wo die Menschen scharenweise als Emigranten flüchteten.
Der Neubeginn von 1974
Die Diktatur währte länger als die Diktaturen von Mussolini in Italien und Franco in Spanien, und erst mit der Nelkenrevolution vom 25. April 1974 kehrten wieder demokratische Verhältnisse ein.
An der Frage, ob Portugal inzwischen das ideale System mit transparenten Verhältnissen und wirklich kompetenter Führung hat, scheiden sich die Geister. Auch heute grassieren Vetternwirtschaft und Korruption. Knackt das Land nur an dem, was «die da oben» machen – oder auch an dem, was die Masse in dem Land mit einer schwachen Bürgergesellschaft sie machen lässt?
Gerade in jüngerer Zeit mehrten sich die Versuche, die lange Diktatur zu verharmlosen. Um Portugal in Ordnung zu bringen, wären drei Salazare nötig, fand vor einigen Monaten der Gründer der rechtsextremen Partei Chega, André Ventura. Für die Portugiesen ist es ein schwacher Trost, dass nicht nur Portugal seine Probleme mit solchen Kräften hat.