Zwei Frauen präsentieren eine Vielfalt zeitgenössischen Schaffens mit Performance, Installation, Skulptur, kinetischer Kunst, Film und Video sowie Zeichnung. Was sie trotz verschiedenen Positionen verbindet, ist ihre Art, Dingen auf den Grund zu gehen.
Trägerin des Zurich Art Prize 2026 ist die 1972 in Sizilien geborene und heute in Deutschland lebende Rosa Barba. Die weltweit in Top-Museen gezeigte Künstlerin ist auch Professorin für Kunst am Departement Architektur der ETH Zürich. Hauptbestandteil des jährlich vergebenen Zurich Art Prize ist die Ausrichtung einer Ausstellung im Haus Konstruktiv. Die Laureatin stellt diese unter den Titel «Thick Harmonies» – eine enigmatische Überschrift, der man vielleicht mit der Slang-Übertragung «Fette Harmonien» auf die Spur kommt.
Rosa Barba bespielt drei grosse Räume mit einem Environment aus grossen und kleinen Screens, einem Mix von Sounds, zahlreichen ratternden Projektoren für 16- und 35mm-Film, ferner mit Skulpturalem, Lichtinstallationen und kinetischen Objekten. Die Künstlerin hat eine Vorliebe für alte Filmtechnik – was allerdings nicht den Lapsus verhindert, in einer Werkbeschreibung den englischen Begriff «optical sound» als «optischer Sound» zu übersetzen statt in das gängige deutsche Fachwort «Lichtton».
Auf hintergründige Weise ist die gute alte Filmtechnik für «Thick Harmonies» eine Leitmetapher. Die Kinematografie, dieses Inbild der modernen Zivilisation, dient hier als Schlüssel zum Verständnis von Kunst und Kultur. Und zwar ist es die technische Basis des bewegten Bildes, die hier metaphorisch gelesen wird.
Die Kinematografie, dieses Inbild der modernen Zivilisation, dient hier als Schlüssel zum Verständnis von Kunst und Kultur.
Filmbilder entstehen ja dadurch, dass der Filmstreifen sowohl bei der Aufnahme in der Kamera wie auch bei der Wiedergabe im Projektor ruckweise von Bild zu Bild transportiert wird. Belichtung und Projektion des Bildmaterials erfordern paradoxerweise ein stillgestelltes Medium, damit die Illusion des bewegten Bildes zustande kommt. Doch erst durch eine kurze Schwarzblende, welche den Filmstreifen beim Belichten während des Weiterrückens abdeckt, entstehen überhaupt klare Bilder. Auch für deren Projektion bedarf es dieser Schwarzphase beim Transport des Zelluloids.
Es war der Kinomagier Ingmar Bergman, der einst auf diesen Aspekt der Filmtechnik hingewiesen hatte mit der Sentenz, entscheidend für das Zustandekommen des kinematografischen Bewegtbildes sei nicht allein das Licht, sondern mindestens ebenso sehr die kurze Schwarzpause zwischen den Bildern. Für Bergman war diese technische Gegebenheit ein Fingerzeig: Nur wo das Dunkle einbezogen ist, kann Filmkunst zustande kommen.
Indem Rosa Barba durch einen beweglich aufgehängten 16-mm-Filmprojektor einen leeren Endlosfilmstreifen laufen lässt, gibt sie einen Hinweis auf dieses technische Phänomen: In dem kleinen weissen Bild, das der Projektor auf eine nahe Wand wirft, ist das Flimmern der 24 Bilder pro Sekunde deutlich wahrnehmbar (neuere 35-mm-Kinoprojektoren unterdrücken das Flimmern durch Verdreifachung der Bildfrequenz mittels zusätzlicher Schwarzphasen). Das Rattern des Filmtransports und das Flackern des Bildes waren die Begleitmusik der medialen Verzauberung einer früh ins Kino vernarrten modernen Zivilisation.
Das Rattern des Filmtransports und das Flackern des Bildes waren die Begleitmusik der Verzauberung im Kino.
In der digitalen Bilderwelt von heute ist die Verzauberung mittlerweile der Überwältigung gewichen. Mit ihrer filmtechnischen Nostalgie zelebriert Rosa Barba eine Rückwendung zur Magie der Bilder. Zwar ist bei ihrer Arbeit «Inside the Outset: Evoking a Space of Passage» das ursprüngliche Filmmaterial auf Video transferiert, doch bei «Change», der «fettesten» Projektion in «Thick Harmonies», kommt ein Ungetüm von 35-mm-Kinoprojektor zum Einsatz.
In diesen beiden Filmloops, die in «Thick Harmonies» die Hauptrollen spielen, geht es um nichts Bestimmtes, nichts Einzelnes, sondern um die Essenz von Kino. Nimmt man sich Zeit für die visuellen Ströme von «Inside the Outset» und «Change», so rückt man an die Stelle von Menschen, die zum ersten Mal einen Film sehen, man lässt sich verzaubern vom puren Erlebnis des Schauens, taucht ein in den technisch fabrizierten Bildertraum. Und man kann ahnen, dass Kino genuin mehr ist als blosse Faszination, sondern in seinem Kern ein magischer Überschuss der technischen Zivilisation, der apparativ generiert ist.
Man rückt an die Stelle von Menschen, die zum ersten Mal einen Film sehen.
Kann man das auch weitertreiben? Rosa Barba versucht es mit Paaren gegeneinander gerichteter Projektoren, die quasi ohne Publikum auskommen. Das eine Mal werfen sie überlappende Felder von Komplementärfarben auf einen transparenten Screen, die sich – wie zu erwarten – zu Weiss addieren. Dann wieder sind die Apparate durch eine gemeinsame Transmission ihrer Endlosfilme aneinandergekoppelt. – Nein, man kann das nicht weitertreiben, denn eine Filmprojektion ohne Publikum ist tot, und ein Experiment, dessen Ergebnis zweifelsfrei vorhersagbar ist, weckt wenig Interesse.
Ganz anders das kinetische Bild «Off my Mind». Auch hier werden Filmstreifen bewegt. Horizontal und vertikal laufen sie dicht nebeneinander über einen Leuchtkasten. Auf den einzelnen Filmbildern stehen schwarze Grossbuchstaben. Sie bilden englische Wörter, Satzfragmente, Sentenzen. Horizontales und vertikales Wandern erzeugen den Eindruck eines in Aufruhr geratenen Kreuzworträtsels. Das irritierte Auge entscheidet, waagrecht oder senkrecht zu lesen; dann wieder setzt es sich an einem Wort fest und versucht der Zeile zu folgen, bis wieder eine neue Konstellation Sinn verspricht und die Aufmerksamkeit auf eine andere Fährte lockt.
«Off my Mind» ist der Titel eines Popsongs, der das Ende einer Liebe beklagt – eine Referenz, die um ein paar Ecken herum zu Deutungen anregen könnte. Die wandernden Buchstaben stehen für die Auflösung festgefügter Bedeutungen, für die Dekonstruktion von Gewissheiten, für die Reduktion auf das Ausgangsmaterial von Sprache. Doch durch die überkreuz laufende Bewegung tauchen Wörter aus dem Chaos auf, verbinden sich mit anderen Vokabeln zu Elementen von Aussagen. Sinn flackert auf.
Die wandernden Buchstaben stehen für die Dekonstruktion von Gewissheiten, für die Reduktion auf das Ausgangsmaterial von Sprache.
Das Spiel mit Buchstaben und Wörtern erinnert an konkrete Poesie, an lyrische Texte überhaupt, die sich ja dadurch von Prosa und Umgangssprache unterscheiden, dass sie die Sprache auf ihren Kern zurückführen und jedem Wort sein spezifisches Eigengewicht zumessen. «Off my Mind» ist eine Poesiemaschine. Sie lässt unversehens Wörter wie Lichtblicke und Satzgebilde wie Einfälle auftauchen. Mit diesem kinetischen Objekt hat Rosa Barba ein überraschendes Äquivalent zur apparativen Magie des Kinos geschaffen. Macht die Letztere das Sehen zur Entdeckung, so macht die Poesiemaschine das Lesen zur elementaren Erfahrung.
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Zwei Frauen stellt Haus Konstruktiv derzeit vor. Die andere der beiden ist die 1968 geborene Schweizer Künstlerin Katja Schenker, die mit Performances, Zeichnungen, Skulpturen und Installationen ein vielseitiges, stets auf den Körper bezogenes Werk schafft. Sie wird mit zwei vordergründig recht verschiedenen Typen von Arbeiten vorgestellt, die aber einen engen Zusammenhang aufweisen.
Das eine ist eine Kombination von Zeichnungsserie, Rauminstallation und Performance unter dem Titel «Caryatids Go for a Swim». Karyatiden sind die antiken Säulen-Frauen. Die berühmtesten von ihnen tragen zu sechst das Dach der Vorhalle des Erechtheions auf der Akropolis. Die ziemlich dominanten Säulen im Ausstellungsraum des Löwenbräukunst-Areals haben Katja Schenker dazu inspiriert, die Karyatiden zum Schwimmen zu schicken, was sie in einer eigens entwickelten Performance in Szene setzt.
Die für die Ausstellungsdauer bleibenden Arbeiten in diesem Raum sind meist grossformatige Zeichnungen der Serien «Volcano Street», «Jubilee Street» und «Red Is Not the Only Colour», die 2022 und 2025 begonnen und für die Ausstellung erweitert wurden. Auf den grossen Blättern befinden sich Körperabdrücke der Künstlerin in Rouge Vermillon (Zinnoberrot) oder Rouge Cadmium – Farbtöne zwischen Ziegel- und Blutrot –, die in Handzeichnungen mit Ölsticks oder Ölpastellkreide übergehen. Die Bilder entstehen in einem performativen Akt aus intensiver Vorbereitung und Konzentration heraus in einem Zug.
Schenkers Zeichnungen sind energiegeladene Zeugnisse ihrer Körperaktionen. Abdrücke, Wischspuren und gestische Linien machen das Geschehen sichtbar, aus dem die Blätter entstanden sind. Diese sind doppelt lesbar: einerseits als Dokumentierung einer einmaligen Aktion, andererseits als auf Dauer gestellte Artefakte und mithin als «Zeichnungen».
Beide Lesarten sind von grosser Faszinationskraft. Einerseits stimulieren sie die Betrachtenden dazu, die Performance zu imaginieren, die hier dokumentiert ist. Die Betrachtung der Zeichnungen wird dadurch zu einem in noch höheren Mass aktiven Vorgang, als dies bei der Auseinandersetzung mit Kunstwerken ohnehin der Fall ist. Nicht nur die Wahrnehmung des Bildes selbst ist Gegenstand von Interaktion zwischen Betrachter und Objekt, sondern auch die als Vorstellung aufscheinende Entstehung des Artefakts.
Nicht nur das Bild selbst ist Gegenstand der Betrachtung, sondern auch die Entstehung des Artefakts.
Andererseits sind Schenkers Arbeiten auch als Zeichnungen ganz einfach gute und spannende Kunst. Sie halten ein Gleichgewicht von heftiger Dynamik und stabiler Komposition. Abdruck und Linie stehen in einem Verhältnis des beschränkt Kontrollierbaren zur willentlichen Gestik. Der so erzeugte lebhafte Kontrast wird zusammengehalten durch Monochromie und den umgreifenden Schwung des kräftigen und eleganten Kreidestrichs.
Katja Schenker zeigt sich im Haus Konstruktiv als eminente Performance-Künstlerin. Ein Höhepunkt der jetzigen Doppelausstellung ist im kleinen Videoraum des Hauses zu erleben, wo eine Reihe von Performance-Arbeiten Schenkers als exzellent gestaltete Video-Dokumente gezeigt werden. Neben dem in der gegenwärtigen Ausstellung entstandenen Video der Performance «Caryatides Go for a Swim» ist dort neben anderen das Werk «Dress» zu sehen.
Der Dress, um den es da geht, ist eine Art vereinfachte Toga, die vor und hinter dem Körper bis zu den Knöcheln herabhängt. Doch dieses Kleid ist aus Beton, in den ein solides Kunststoffgitter eingegossen ist. Katja Schenker trägt den Beton-Dress und fängt alsbald an, dessen Starre zu brechen – was augenscheinlich nur mit grossem Kraftaufwand möglich ist. Mit immer neuen Bewegungen und Posen macht sie allmählich den Panzer zum Kleid. Staub und Brocken am Boden beweisen, dass das Starre zunehmend nachgibt, die Betonschicht wird löchrig und hält nur durch das flexible Gitter noch zusammen. Schliesslich ist die Toga entpanzert und folgt den Bewegungen des Körpers.
Katja Schenker macht allmählich den Panzer zum Kleid, sie entpanzert die Beton-Toga.
In der Performance «Vesuv» ist an einem etwas mehr als kopfgrossen Alabaster-Brocken eine etwa vier Meter lange Leine befestigt, an der Katja Schenker den Stein im Kreis um sich schleudert.
Das Gewicht des Steins und die Grösse des Kreises, den er beschreibt, machen auch hier die Kunstaktion zur Schwerarbeit. Nur ungefähr bleibt der Stein auf seiner Spur, sodass die Partikel, die er durch Reibung mit dem Boden verliert, sich in einem Streubereich um die gedachte Kreislinie verteilen. Doch je länger der Brocken an der Leine geschwungen wird, desto stärker treten die weissen Abriebspuren am Boden hervor und werden zur deutlich wahrnehmbaren Kreisform.
Die beiden Beispiele von Katja Schenkers Performances zeigen, wie sie arbeitet: Kraft und Geschicklichkeit des Körpereinsatzes verbinden sich mit einer spielerischen Anordnung, und mit der Dauer der Aktion tritt allmählich deren Pointe hervor. Das eine Mal liegt sie darin, die Unmenschlichkeit des starren Betonpanzers zu brechen und das Starre zu überwinden, so dass es sich dem Körper anpassen kann. Das andere Mal zeichnet das Schleudern des Alabasterbrockens die geometrische Figur des Kreises, der so als eine Form erkennbar wird, in der sich das Zusammenwirken von Kräften abbildet.
Der Körpereinsatz verbindet sich mit einer spielerischen Anordnung, und mit der Dauer der Aktion tritt allmählich deren Pointe hervor.
Indem Haus Konstruktiv die Arbeiten von Rosa Barba und Katja Schenker als Doppelausstellung – und damit eigentlich als einen Kunstanlass – zeigt, bringt das Museum zwei unterschiedliche Positionen miteinander ins Gespräch. Rosa Barba mit ihrem experimentellen, quasi wissenschaftlichen Zugang deutet die moderne Zivilisation als soziale Lebensform, die ihren Bedarf an Magie und Verzauberung mit technischen Mitteln deckt und dazu Apparate entwickelt, welche die erforderlichen Illusionen und Inspirationen erzeugen. Katja Schenker konzentriert sich auf ihre individuelle, körperliche Existenz und nimmt aus geschärfter Selbstwahrnehmung heraus diese Welt in den Blick, um zu verstehen, wie diese tickt und wie weit man sie überlisten kann. Beide Positionen spiegeln eine Haltung, die den allgegenwärtigen Widrigkeiten nicht ausweicht und gleichwohl von Optimismus geprägt ist.
Museum Haus Konstruktiv
Zurich Art Prize 2026: Rosa Barba, Thick Harmonies
kuratiert von Sabine Schaschl und Evelyne Bucher
bis 30. August 2026
Katja Schenker, Caryatids Go for a Swim
kuratiert von Sabine Schaschl und Muriel Pérez
bis 6. September 2026