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«Currentzis»

Kein Konzert wie jedes andere

4. Juni 2026
Annette Freitag
Vilde Frang, Currentzis
Volle Konzentration bei Solistin und Dirigent: Vilde Frang und Theodor Currentzis (Foto: Quim Vilar)

Wie im Taumel verliess das Publikum an diesem prächtigen, lauen Sommerabend die Zürcher Tonhalle … ein Strahlen im Gesicht und im Ohr noch den Nachklang der letzten Töne der ersten Sinfonie von Gustav Mahler. Bei den weiteren Konzerten in Genf und Bern dürfte es kaum anders gewesen sein.

Teodor Currentzis war da und mit ihm sein Utopia-Orchester und auch die junge Geigerin Vilde Frang. Und bei Currentzis weiss man: es ist kein Konzert wie jedes andere…

«Dem Andenken eines Engels»

Bis auf den letzten Platz war die Tonhalle ausverkauft an diesem Abend. Wer an der Abendkasse noch auf ein Last-minute-Ticket gehofft hatte, musste unverrichteter Dinge wieder von dannen ziehen.

Auf dem Programm stand zunächst Alban Bergs Violinkonzert mit dem schönen Titel «Dem Andenken eines Engels». Die Vorgeschichte ist allerdings tragisch. Alban Berg hatte 1935 gerade einen Kompositionsauftrag des amerikanischen Geigers Louis Krasner und tat sich schwer damit. Eine «Viechsarbeit» sei es, klagte er während des Komponierens. 

Currentzis, Tonhalle Zürich
Ärmellos am lauen Sommerabend: Teodor Currentzis in der Zürcher Tonhalle (Foto: Quim Vilar)

Dann starb Manon Gropius, die Tochter von Alma Mahler und Walter Gropius im Alter von erst 18 Jahren an einer Polio-Infektion. Ganz Wien war schockiert. Berührt von diesem tragischen Tod, brachte Alban Berg eine Komposition sehr schnell zu Papier – es wurde ein Requiem für die junge Manon. Noch bevor er das Stück, das er inzwischen «Dem Andenken eines Engels» genannt hatte, uraufführen und damit selbst zum ersten Mal hören konnte, starb Alban Berg im gleichen Jahr 1935 an einer Blutvergiftung. Somit wurde dieses Stück auch zum Requiem für ihn selbst.

Es ist ein anspruchsvolles Werk, das verschiedenste Elemente anklingen lässt und auch für die Solistin eine Herausforderung ist. Die junge norwegische Geigerin Vilde Frang spielt das schwierige Stück unter der Leitung von Teodor Currentzis absolut berührend, auch im Dialog mit den «Utopia»-Streichern.

Tondichtung in Sinfonieform

Nach der Pause dann Gustav Mahlers Sinfonie Nr. 1. Und – Überraschung! – in die Reihe der Ersten Geigen hat sich Vilde Frang als Orchestermusikerin eingefügt. Diese Sinfonie Nr. 1 ist im Frühjahr 1888 in Leipzig entstanden und sie öffnet ein weites Spektrum an Klängen: Da sind Volksweisen und Trauermärsche, Ländler und Walzer, da gibt es Vogelgezwitscher über bunten Blumenwiesen, dunkle Wolken und drohende Gefahren. Fast eine Stunde dauert diese «Tondichtung in Sinfonieform», wie Gustav Mahler sie selbst nannte. 

«Der magische Moment ist, ein paar Tränen und ein bisschen Schweiss auf das Papier zu geben», so Currentzis im Programmheft, «dann wächst eine kleine Pflanze daraus und die trage ich zum Orchester.» Und diese Pflanze gedeiht tatsächlich ganz prächtig in allen Tonfarben und Schattierungen unter der Hand von Currentzis. Immer wieder hat man das Gefühl, das Werk zum ersten Mal zu hören. So, wie Currentzis es interpretiert, und so, wie das Orchester es umsetzt, entsteht ein klingender Bilderbogen, wie ihn sich Mahler beim Komponieren wohl vorgestellt haben könnte.

Am Schluss: tosender Applaus für Teodor Currentzis und sein «Utopia»-Orchester.

Von «MusicAeterna» …

So läuft es fast immer bei Currentzis-Konzerten. Und ebenso wird fast immer im Vorfeld zum Boykott aufgerufen. Nicht mangels künstlerischen Niveaus, sondern wegen angeblicher Putin-Nähe von Currentzis. Dies, weil Currentzis sich nicht explizit gegen den Ukraine-Krieg ausgesprochen hat. Klar ist, dass sein musikalischer Weg mit Russland verbunden ist, seit er als Musikstudent in St. Petersburg begonnen hat und über Novosibirsk und Perm seinen Weg als Ausnahme-Dirigent gegangen ist. 

Mit seinem Orchester MusicAeterna hat er schliesslich vor mehr als zehn Jahren auch Europa erobert. Junge, exzellente Musiker und ein Dirigent, der eher nach Rockstar aussieht und die klassische Musik nicht salbungsvoll zelebriert, sondern frisch und dynamisch aufführt, als wär’s ein Stück von heute. Das war eine Art Revolution im Konzertsaal. Dann griff Russland die Ukraine an, und seither ist alles anders. Und vor allem sehr kompliziert. 

MusicAeterna bleibt nun in Russland, für Konzerte im westlichen Europa hat Currentzis ein neues Orchester gegründet: «Utopia». Das Wort bezeichnet einen idealen, perfekten Zustand einer Gesellschaft, die es in der Realität nicht geben kann … Currentzis’ «Utopia» ist seither ein Orchester, das aus mehr als hundert Musikern aus rund dreissig Ländern besteht. Es ist kein festes Ensemble, es wird je nach Bedarf immer wieder neu zusammengesetzt aus Musikern, die sich auf Currentzis einlassen. 

… zu «Utopia»

Als Teodor Currentzis vor mehr als zehn Jahren mit rockigem Barock und punkigem Look das einheimische Publikum auch in der Schweiz verblüffte, war er noch mit seinem Orchester MusicAeterna unterwegs. Als Grieche hatte er sich im russischen Perm ein Orchester mit jungen Musikern aufgebaut und begeisterte damit das Publikum quer durch Europa. Der Grieche aus Russland hat aber auch mit hiesigen Orchestern höchst erfolgreich gearbeitet und beispielsweise im Zürcher Opernhaus eine grossartige Macbeth-Aufführung geleitet und an die Salzburger Festspiele wird er regelmässig eingeladen. 

Dies nun mit dem Orchester «Utopia». Laut Duden heisst das: «Traumland, erdachtes Land, wo ein gesellschaftlicher Idealzustand herrscht». Mit «Utopia» ist er jetzt auch in der Schweiz aufgetreten. Veranstalter war diesmal «Migros-Kulturprozent-Classics» mit Konzerten in Zürich, Bern und Genf. Auf kritische Reaktionen reagierte die Migros mit dem Statement: «Ganz im Sinne der Migros-Kulturprozent-Classics, Innovationen – inhaltlicher und formaler Natur – in der klassischen Musik mit hohem Qualitätsanspruch eine Bühne zu geben, haben wir Teodor Currentzis als international anerkannten Erneuerer des Musikbetriebs und herausragenden Musiker programmiert.»

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