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Medien

Nichts ist so alt wie die Zeitung von heute

14. Oktober 2026
Gastbeitrag
Gastbeitrag
Zeitungen

Qualität ist seit Jahren ein Verkaufsargument der hiesigen Medien. Mit dem Begriff wird aber zunehmend Schindluderei betrieben. Er muss immer wieder herhalten, wenn die Verlage ihre Sparprogramme begründen. – Ein Kommentar von Balz Bruppacher. 

Medienverlage wollen uns nicht nur weismachen, dass der Stellenabbau in den Redaktionen nicht an der Qualität ihrer Produkte rüttelt. Sie behaupten sogar, die personelle Ausdünnung stelle die Qualität sicher oder verbessere sie sogar. 

Tamedia, Herausgeberin zahlreicher Zeitungen in der Deutschschweiz und der Romandie, tut sich in dieser Hinsicht besonders hervor. «Mit einer starken Publizistik, dem Fokus auf Qualitätsjournalismus, einer schlanken, fokussierten und modernen Organisation sowie AI & Data als zentrale Einheit und Schwungrad der Veränderungen, wird Tamedia weiterhin und nachhaltig für die besten Premium-Produkte in Print und Digital stehen», schrieb das Medienhaus am 5. Oktober zum jüngsten Stellenabbau. Im Herbst 2024 bezeichnete Tamedia den personellen Aderlass als Weichenstellung für einen unabhängigem Qualitätsjournalismus.

Nichts ist so alt wie die Zeitung von gestern, heisst es im Volksmund. Mittlerweile hapert es auch bei der Zeitung von heute, wenn es um Neuigkeiten geht. Machen wir am Mittwoch, 14. Oktober, die Probe aufs Exempel: Am Vorabend meldete der Vatikan kurz vor 22.00 Uhr, dass sich bei der Operation des Papstes der Verdacht auf Lungenkrebs bestätigt hat. In den Tamedia-Zeitungen vom Mittwoch sucht man die Nachricht vergebens, ebenso in der NZZ. Gut schneidet in dieser Hinsicht der «Blick» ab, der den «Lungenkrebs!» auf der Frontseite vermeldet. Im «Boten der Urschweiz» hat es noch für eine Kurzmeldung am Ende der letzten Seite gereicht. 

Am gleichen Dienstagabend gegen 21.30 Uhr war das Fussball-Länderspiel der Frauen zwischen der Schweiz und Israel zu Ende (2:0). In der NZZ vom Mittwoch erfährt man darüber nichts. In den Tamedia-Zeitungen steht am Ende der Sportseite: «Hinweis: Alles zum gestrigen Fussball-WM-Playoffspiel der Schweizer Frauen gegen Israel in Sitten lesen Sie heute auf unserer Website oder in der App.» Dass es auch anders geht, zeigt der «Blick» mit einem Matchbericht und einem Notenblatt der Schweizer Spielerinnen. 

Drittes Beispiel: Am Dienstag kurz vor 17.00 Uhr veröffentlichte die Wirtschaftskommission des Ständerats eine Medienmitteilung über ihre zweitätige Sitzung. Im ersten Teil ging es um die Beschlüsse zum Public Liquidty Backstop (PLB), einem behördlichen Rettungsschirm für systemrelevante Banken, wenn diesen die Liquidität ausgeht. Das ist seit dem Untergang der Credit Suisse ein Reizthema, weil es der Bundesrat (unter Finanzminister Ueli Maurer) versäumt hatte, diese auf anderen grossen Finanzplätzen bereits bestehende Verteidigungslinie einzurichten, und deshalb zum Notrecht gezwungen war. Inhaltlich sind die Beschlüsse der Kommission unter anderen deshalb interessant, weil die für den PLB vorab zu bezahlende Abgeltung nur für die UBS und nicht für die anderen drei systemrelevanten Banken gelten soll. Was umgehend den Widerstand der Bankiervereinigung gegen eine «Sondersteuer» für die UBS auslöste. 

Nach dem Hickhack um die zusätzlichen Eigenmittel für die UBS hätte man meinen können, dass dieser Entscheid den grossen Zeitungen einige Zeilen wert wäre. Ausser im Westschweizer Finanzblatt «Agéfi» herrschte im hiesigen Blätterwald am Mittwoch aber Funkstille, wie die SMD-Datenbank zeigt. 

Man mag einwenden, dass die Printmedien ein Auslaufmodell sind und die Redaktionen deshalb ihre Kräfte zurecht auf andere Publikationsformen konzentrieren. Solange aber stolze Priese für Zeitungen verlangt werden, hat die Leserschaft einen berechtigten Anspruch auf eine einigermassen aktuelle Berichterstattung. Das dritte Beispiel zeigt überdies, dass nicht nur die zahlenmässige Schwächung der Redaktionen, sondern auch der Verlust an Wissen und Erfahrung ein Problem ist. 

Balz Bruppacher, selbstständiger Journalist

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