Der Friedensnobelpreis 2026 geht an Navi Pillay. Die südafrikanische Juristin ist eine Spezialistin für Völkerrecht. Ihre Karriere begann in der Antiapartheid-Bewegung und führte an die Spitze des Uno-Hochkommissariats für Menschenrechte. Mit der Anprangerung von Israels Vorgehen in der Westbank und im Gazastreifen machte sie sich nicht nur Freunde.
Das norwegische Nobelpreiskomitee, eine Instanz des nationalen Parlaments Norwegens, zeichnete die südafrikanische Juristin Navi Pillay mit dem Friedensnobelpreis für 2026 aus – für ihren Einsatz «zur Förderung von Frieden und Völkerrecht». Pillay habe massgeblich dazu beigetragen, dass Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord strafrechtlich verfolgt werden, sagte der Vorsitzende des Komitees, Jörgen Watne Frydnes, in Oslo.
In Europa, mehr noch in der sogenannten Dritten Welt, fand die Preisvergabe ein positives bis begeistertes Echo, aber jenseits des Atlantiks empörte sich US-Präsident Donald Trump. Die Norweger hätten den Preis ihm und nicht einer «völlig unbekannten Person» zuerkennen sollen, rief er einer Menge bei einer Rede in Syracuse zu.
Pillay kommentierte einen nicht endenden Applaus zur Preisverleihung mit Ironie («Wenn ihr noch länger applaudiert, komme ich eventuell auf die Idee, den Preis dem US-Präsidenten zu überreichen»), aber Trump fand das gar nicht amüsant. Er rächte sich, indem er sogleich schwerwiegende Sanktionen gegen jene Institution erliess, für die Pillay als Vorsitzende mehrere Jahre lang tätig gewesen war, den Internationalen Strafgerichtshof (ISTH) in Den Haag. Aussenminister Rubio doppelte nach – er werde dafür sorgen, dass der ISTG «brick after brick» (Stein um Stein) zerstört werde. Ebenfalls radikale Kritik kam aus Israel: Premier Netanyahu bezeichnete Pillay als «Fanatikerin», die ihre Karriere darauf aufgebaut habe, «Blutlegenden» gegen Israel zu verbreiten.
Prägende familiäre Herkunft
Wer ist Navi Pillay? Sie wurde 1941 bei Durban in Südafrika geboren, in einer indisch-tamilischen Familie. Ihre Grosseltern waren aus Indien eingewandert und arbeiteten in Südafrika als sogenannte Kontraktarbeiter. Das war eine Form von Arbeits-Sklaverei, denn aus entsprechenden Verträgen konnten sich die Immigranten lebenslänglich nicht befreien – sie konnten auch nicht in ihre Ursprungsländer zurückkehren.
Die nächste Generation, also jene der Eltern von Navi Pillay, hatte es in der Zeit der Apartheid nicht viel besser. Ihnen als «non-whites» wurden Wohngebiete am Rand der Städte zugewiesen, ihre Kinder konnten nur schlechte Schulen besuchen und die Hindernisse, um einen qualifizierten Beruf zu erlangen, waren so hoch, dass sie vielen unüberwindlich erschienen.
Allen Hürden zum Trotz überwand Navi Pillay, dank unbändigem Willen, ein Hindernis nach dem anderen. Sie schaffte sogar ein Anwaltspatent, erhielt aber dennoch keinen Zugang zur weissen, also herrschenden, Gesellschaftsschicht. Sie verteidigte Coloureds, Inder und Schwarze, darunter auch Nelson Mandela. Dank ihrer Leistungen erhielt sie ein Stipendium für Harvard in den USA und schaffte ein PhD, einen Doktortitel.
Nach dem Ende der Apartheid in Südafrika (1994) wurde Navi Pillay Richterin am Obersten Gerichtshof ihres Landes. Bereits ein Jahr später war sie Richterin am Internationalen Strafgerichtshof für die Verbrechen, die während des Bürgerkriegs in Ruanda begangen worden waren. Ab 2003 amtete sie als Richterin am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. 2008 nominierte sie der UN-Generalsekretär als Hohe Kommissarin der Vereinten Nationen für Menschenrechte in Genf.
Kontroverses Engagement
In dieser Funktion kritisierte sie im Jahr 2014 zum ersten Mal explizit sowohl Israel als auch die palästinensische Hamas: Beide hätten internationales Recht verletzt. Und als sie später die Uno-Kommission für die Untersuchung der Zustände in den von Israel besetzten palästinensischen Gebieten (Westjordanland und Gazastreifen) leitete, begann sie damit, die israelische Regierung konsequent anzuprangern.
Höhepunkte des Konflikts zwischen dem Internationalen Strafgerichtshof und der Kommission für Palästina einerseits und Israel anderseits waren die Anklage gegen den israelischen Premier Netanjahu wegen Kriegsverbrechen während des (von Hamas mit ihrem mörderischen Überfall auf Israel vom 7. Oktober 2023 provozierten) Gazakriegs und die Erklärung im September 2025, Israel habe im Gazastreifen Völkermord begangen. Auch Hamas wurde zwar angeprangert, aber nach Meinung Israels und auch der USA blieben die Anschuldigungen in dieser Richtung immer verhalten, seien eigentlich nie mehr als ein Alibi gewesen, und Pillay habe immer einseitig zuungunsten Israels geurteilt.
Die Verleihung des Friedensnobelpreises an Navi Pillay kommentierte das israelische Aussenministerium sogar noch drastischer als der Premierminister: «Die Verleihung des Preises ist keine Würdigung der Gerechtigkeit. Es ist die groteske Instrumentalisierung einer Auszeichnung, um antiisraelischen Hass und Vorurteile zu legitimieren.» Und weiter: Der nationalsozialistische Propagandaminister Joseph Goebbels applaudiere «sicher aus der Hölle».
Amerikanische Sanktionsdrohung
Die Reaktion der USA dürfte international folgenschwerer sein als die Kommentare aus Israel: Wenn die Trump-Administration wahr macht, was sie angekündigt hat, nämlich schwerwiegende Sanktionen gegen den Internationalen Strafgerichtshof zu erlassen, wird das praktische Auswirkungen haben. Sämtlichen Banken weltweit soll es verboten werden, Geld (Gehälter) an die Mitarbeiter des Gerichts in Den Haag zu überweisen. Die Richter und Richterinnen werden mit Reiseverboten belegt.
Fragt sich, ob alle Regierungen der Welt da mitspielen. Neun Vertragsstaaten des ISTGH (Deutschland, Kanada, Dänemark, Frankreich, Italien, Japan, Niederlande und Grossbritannien) haben die Sanktionen jedenfalls zurückgewiesen. Auch die Schweiz lehnte Sanktionen, Drohungen und andere Massnahmen gegen die Unabhängigkeit des Gerichts ab.
Die Friedensnobelpreisträgerin Navi Pillay wird das nicht von ihrer während eines langen Lebens durchgezogenen konsequenten Haltung abbringen können. Sie scheute sich nie, sich mit Mächtigen anzulegen, und wenn der US-Präsident der Meinung ist, er und niemand sonst habe den Preis für das Jahr 2026 verdient (ausgerechnet für das Jahr, in dem er den Irankrieg vom Zaun gerissen hat), beisst er bei ihr garantiert auf Granit. Sie wird mit Sicherheit nicht jenen Fehler wiederholen, den die Preisträgerin des vorangegangenen Jahrs, Maria Corina Machado, begangen hat – den Preis symbolisch an Donald Trump weiterzureichen.