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Nahost

Dimensionen des jemenitischen Krieges

7. Oktober 2026
Reinhard Schulze
Krieger, Sanaa
Huthi-Krieger in der nordjemenitischen Hauptstadt Sanaa demonstrieren am Mittwoch ihre Bereitschaft zum Kampfeinsatz und für die Rekrutierung zusätzlicher Kämpfer. (Foto: Keystone/EPA/YAHYA ARHAB)

Der Krieg, der seit Anfang Oktober zwischen den Huthi, dem jemenitischen Präsidialrat und Saudi-Arabien offen geführt wird, ist kein isolierter Bürgerkrieg mehr. Er ist aus einer Eskalation hervorgegangen, die im Juli mit einer Seeblockade der Huthi gegen Saudi-Arabien begann, im September mit ihrem Vorstoss an die Rotmeerküste und zum Bab al-Mandab weiterging und in die saudisch gestützte Offensive «Dawn of Yemen» mündete, deren erklärtes Ziel die Befreiung Sanaas ist.

Seither greifen die Huthi nahezu täglich Flughäfen, Militärbasen und Ölanlagen im saudischen Kernland an; Riad bestätigt einzelne Treffer, die meisten Angaben sind allerdings nicht unabhängig überprüft. Den Hintergrund bildet der Iran-Krieg: Seit dem 28. Februar stehen die USA und Israel im Krieg mit Teheran, eine im Juni vereinbarte Beendigung ist gescheitert, die Strasse von Hormus bleibt gesperrt. Der Bab al-Mandab ist damit zur Lebensader der saudischen Ölexporte geworden.

Die Huthi stellen ihren Krieg als Abwehr einer saudischen Aggression dar. Saudi-Arabien bombardiere und blockiere den Jemen und bediene sich des Präsidialrats als Stellvertreter; also dürfe man den Angreifer auf seinem eigenen Boden treffen. «Aggression gegen Aggression, Blockade gegen Blockade» lautet die Formel.

Finanzielle Stärke gegen billige Drohnen 

Frei erfunden ist diese Erzählung nicht, denn Saudi-Arabien führt tatsächlich wieder Krieg gegen Huthi-Gebiete. Aber sie ist selektiv: Sie verschweigt, dass die eigene Offensive vom September der saudischen vorausging. Tatsächlich waren es die Huthi, die aus dem eingefrorenen Krieg wieder einen „heissen Krieg“ machten. 

Aufschlussreicher als die Rechtfertigung ist die Strategie selbst. Die Huthi wollen trotz beiläufiger irredentistischer Rhetorik kein saudisches Territorium erobern, sondern die Rechnung Riads verändern. Gegen eine moderne Luftwaffe und grosse finanzielle Mittel setzen sie billige Drohnen und Raketen, die das Königreich dort treffen, wo es verwundbar ist: bei Öl, Flugverkehr und Handelswegen. 

Sie müssen den Krieg nicht gewinnen; es genügt, ihn für Saudi-Arabien unbezahlbar zu machen. Die Kontrolle am Bab al-Mandab verstärkt diesen Hebel, weil schon die Drohung, die Meerenge zu sperren, Ölpreise und Versicherungsprämien nach oben treibt und die USA und Europa zu einer Reaktion drängt. Das ist weder ein Verteidigungs- noch ein Eroberungskrieg, sondern eine Zwangsstrategie.

Prioritäten und Rhetorik des Huthi-Führers 

Ihre Ziele sind entsprechend gestuft. Zuerst geht es um das Überleben der eigenen Herrschaft in Sanaa und im Nordwesten, dann um die Sicherung der Küste und um direkte Verhandlungen mit Riad, schliesslich um eine Nachkriegsordnung, in der Ansar Allah als dominierende Kraft anerkannt ist. Die konkreten Forderungen sind bescheidener als die Sprache: Öffnung von Flughafen und Hafen, Ölexporte, Gehälter, ein Ende der Blockade. Am wahrscheinlichsten ist deshalb weder die Eroberung des ganzen Landes noch der blosse Erhalt Sanaas, sondern ein von den Huthi beherrschter Norden mit Stellungen am Roten Meer und genügend Raketen, um Saudi-Arabien auf Distanz zu halten.

Dieselbe Kluft prägt die Rhetorik Abdul-Malik al-Huthis. Seine schärfsten Worte gelten Israel und den USA, seine praktischen Forderungen richten sich aber an Saudi-Arabien; den Präsidialrat tut er als Marionette ab, die eigene Bevölkerung spricht er als Gemeinschaft der Standhaften an, deren Leiden allein äussere Feinde verschuldet hätten. Israel ist der symbolische Feind, Riad der Akteur, der über die materiellen Bedingungen der Huthi-Herrschaft entscheidet. 

Wo genau seine rote Linie liegt und welchen Preis er annähme, lässt al-Huthi bewusst offen; das hält ihm den Weg in die Eskalation wie in den Rückzug frei. Er braucht den Konflikt rhetorisch stärker als militärisch: Er liefert Legitimität und lenkt von der Not im eigenen Herrschaftsgebiet ab, während ein grosser Krieg gerade das gefährdet, worauf es ihm ankommt.

Die Perspektive des Präsidialrates in Aden 

Der in Aden amtierende Präsidialrat ist weniger eine Regierung als eine Koalition. Er entstand 2022 aus dem Scheitern Präsident Hadis, der international anerkannt, im eigenen Land aber machtlos war. Seither hält er die zersplitterten Gegner der Huthi – Reste des alten Staatsapparats, Stammesführer, Militärkommandeure, südjemenitische Separatisten unter einem Dach. Sein Programm heisst Staatlichkeit: Souveränität, einheitliche Institutionen, staatliches Gewaltmonopol. Daraus folgt seine rote Linie. 

Frieden sei möglich, sagt sein Vorsitzender Rashad al-Alimi, aber nicht mit zwei bewaffneten Souveränitäten; ein weiterer Waffenstillstand würde nur die Teilung des Landes festschreiben und den Huthi Zeit zur Aufrüstung geben. Dem Feindbild der Huthi setzt der Rat ein eigenes entgegen: Nicht Amerika und Israel, sondern Iran verletze die jemenitische Souveränität. Beide Seiten sprechen von Souveränität und meinen Gegensätzliches.

Ungleiche Prioritäten zwischen Aden und Riad

Der Widerspruch liegt auf der Hand: Der Rat fordert ein Gewaltmonopol, das er selbst nicht besitzt, und seine politische Stärke ist grösser als seine militärische Geschlossenheit. Wie brüchig das Lager ist, zeigte der Konflikt mit dem von den Emiraten gestützten Südübergangsrat, dessen Expansion nach Hadramaut und al-Mahra Saudi-Arabien erst Anfang 2026 zurückdrängte. Seither ist der Präsidialrat noch enger an Riad gebunden. Das Verhältnis ist asymmetrisch, aber gegenseitig: Riad hat die Machtmittel, der Rat die internationale Legitimität, die eine saudische Herrschaft über den Jemen nie hätte. Der Rat ist damit weniger ein fertiger Staat als ein Übergangsgebilde zwischen Bürgerkrieg und möglicher staatlicher Erneuerung.

Deckungsgleich sind die Interessen nicht. Der Präsidialrat braucht einen geeinten jemenitischen Staat. Saudi-Arabien braucht einen Jemen, von dem keine Bedrohung ausgeht. Solange beides zusammenfällt, trägt die Partnerschaft. Ein eingefrorener Konflikt mit gesicherter Grenze aber wäre für Riad erträglich, für den Rat auf Dauer tödlich.

Der Mekka-Pakt: Abschreckung mit Vorbehalt

Riad hat aus dem Krieg seit 2015 gelernt, dass sich der Jemen nicht erobern lässt, und setzt auf Abschreckung. Deren neues Instrument ist das Verteidigungsabkommen, das Saudi-Arabien, Pakistan und die Türkei im August in Mekka schlossen und Anfang Oktober in Kraft setzten: Ein Angriff auf einen Vertragspartner gilt als Angriff auf alle. Der Pakt ist auch eine Antwort auf das schwindende Vertrauen in den amerikanischen Schutz. 

Riad denkt in zwei Zirkeln: Im Inneren üben der Präsidialrat und die jemenitischen Verbände Druck auf die Huthi aus, im Äusseren sichern die Partner das Königreich ab. Was Riad damit erreichen will, ist weniger der Fall Sanaas, den der Präsidialrat als Ziel ausgibt, als die Gewissheit der Huthi, dass sie Saudi-Arabien nicht ungestraft angreifen und die Schifffahrt nicht dauerhaft als Druckmittel benutzen können.

Testfall für den Mekka-Pakt

Ein geschlossener Block ist das Bündnis nicht. Pakistan, seit Jahrzehnten militärischer Partner Riads und einzige Atommacht des Pakts, will Saudi-Arabien verteidigen, aber keinen Krieg im Jemen führen und seine Beziehung zum Iran nicht opfern. Die Türkei nutzt das Bündnis für die eigene regionale Machtpolitik und lässt sich nicht gegen Teheran einspannen. Beide dürften Luftverteidigung, Aufklärung und Drohnen stellen, nicht Bodentruppen. 

Der Jemen wird damit zum Testfall: Schützen die Partner das Königreich, ohne in dessen Krieg zu geraten, gewinnt der Pakt an Glaubwürdigkeit. Lässt sich die Offensive nur mit ihrer Beteiligung durchhalten, weitet er den Krieg aus. Darin liegt das Paradox der neuen Ordnung: Je glaubwürdiger die Abschreckung, desto grösser der Anreiz für die Huthi, sie zu prüfen.

Iran: Rückhalt und Zurückhaltung gegenüber den Huthis

Für Teheran sind die Huthi wertvoller denn je. Die Hizbullah ist geschwächt, Syrien verloren, und mit Hormus und dem Bab al-Mandab liegen beide Engpässe des saudischen Öls in der Hand des Iran und seines Verbündeten. Dennoch bestreitet Teheran jede Beteiligung am Krieg im Jemen, nennt die Huthi unabhängige Akteure und hat Pakistan geraten, sie politisch einzubinden, statt sie zu bekämpfen.

Das ist eigennützig, aber folgerichtig. Iran steht selbst unter einer wirkungsmächtigen Blockade, braucht Pakistan als Vermittler gegenüber Washington und will verhindern, dass die Huthi jene Koalition zusammenschweissen, die er fürchtet. Wie nahe diese Gefahr ist, zeigte Ende September der Drohnenangriff auf eine Stromanlage bei der Prophetenmoschee in Medina, den Riad den Huthi zuschreibt und diese bestreiten: Für Islamabad und Ankara senkt ein solcher Vorfall die Schwelle zum Beistand erheblich. 

Zugleich profitiert Teheran vom Druck am Roten Meer, ohne dafür einstehen zu müssen. Steuern kann es die Huthi nur begrenzt: Sie verfügen über eigenes Territorium und staatliche Strukturen, und schon im Iran-Krieg griffen sie erst nach einem Monat des Zögerns ein, mit wenigen Raketen auf Israel und ohne Saudi-Arabien anzutasten. Damals gab Teheran den Takt vor, heute tun es die Huthi, und der Iran muss sich zu einem Krieg verhalten, den er nicht begonnen hat und nicht beenden kann.

Saudi-Arabiens Dilemma

Im Jemen treffen vier strategische Ziele aufeinander: die Herrschaftssicherung der Huthi, der Einheitsstaat des Präsidialrats, die saudische Sicherheitsordnung und die strategische Tiefe des Iran. Keines lässt sich militärisch durchsetzen, und jede Seite setzt darauf, dass die andere zuerst nachgibt. 

Der Schlüssel liegt dabei weniger in Teheran, als Riad und der Präsidialrat annehmen, wenn sie die Huthi als iranisches Werkzeug beschreiben. Entscheiden wird sich der Krieg an einer Frage, die Saudi-Arabien beantworten muss: ob ihm die eigene Sicherheit genügt – dann ist ein Arrangement mit den Huthi denkbar, auf Kosten des Präsidialrats – oder ob es am jemenitischen Einheitsstaat festhält und dafür einen Krieg riskiert, den auch seine neuen Verbündeten nicht führen wollen. Möglich ist, dass Riad nun alles auf eine Karte setzt.

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