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Dokumentarfilm

Das Leben ist schön, trotz Alzheimer

10. Oktober 2026
Rolf App
Dokumentarfilm Alzheimer
Spaziergang im Wald: Birgitta Martensson (links) und ihre beste Freundin Christiane Kühne. Bild aus: «Wenn die Erinnerung verblasst»

Wie ist es, mit Alzheimer zu leben? Wie fühlt sich die Krankheit von innen an? Das erkunden Marianne Pletscher und Martina Rieder über zweieinhalb Jahre in einem eindringlichen Porträt von Birgitta Martensson, die bis 2015 das Gesicht von Alzheimer Schweiz war. Ihr Dokumentarfilm, der ab 15. Oktober im Kino läuft, stimmt traurig und macht zugleich Hoffnung.

Birgitta Martensson sitzt in ihrer schönen Wohnung und blättert in Fotoalben. «Da ist meine ältere Schwester, da die jüngere. Und das sind meine Eltern.» Sie schaut auf den Läufer vor sich auf dem Tisch, und erklärt, die Mutter habe, als sie Alzheimer hatte, stundenlang hingebungsvoll daran gearbeitet. «Meine Mutter ist an Alzheimer gestorben, meine ältere Schwester Kajsa hat Alzheimer, und Eva, die jüngere, ist auf dem Weg dazu.» So ist es denn keine grosse Überraschung gewesen, als sie 2015, als sie als Direktorin der Organisation Alzheimer Schweiz aufgehört hat, spürte, dass etwas nicht stimmt. Neun Jahre ist das her, seither geht es stetig abwärts, aber langsam. Aber, sagt sie mit Nachdruck, «ich bin immer noch die gleiche Person».

Was mit ihr passiert, das erkunden Marianne Pletscher und Martina Rieder in einem achtsamen, von Roland Widmer mit stimmungsvoller Musik unterlegten und von starken Impressionen aus der Natur begleiteten Porträt Birgitta Martenssons. Ihr in Koproduktion mit dem Schweizer Radio und Fernsehen gedrehter Dokumentarfilm «Wenn die Erinnerung verblasst» ist ein eindringliches Plädoyer geworden. 

Über fast drei Jahre begleiten sie Birgitta Martensson auf ihren Spaziergängen in den Wald, meistens zusammen mit Christiane Kühne, ihrer besten Freundin und grossen Unterstützerin. Sie verfolgen ihre öffentlichen Auftritte an Kongressen und vor Schulklassen, reisen mit ihr zu Kajsa nach Schweden, und sind bei Gesprächen mit dem Hausarzt und dem Neurologen dabei. Bis sie entschieden in Richtung Kamera sagt: «Es geht. Jetzt kannst du aufhören.»

Der richtige Zeitpunkt für Exit

«Man sieht es nicht. Alzheimer tut nicht weh.» Mit Humor und sehr offen spricht Birgitta Martensson am Beginn des Films über ihre Krankheit. «Es gibt auch ein schönes Leben mit Demenz, ich bin nicht verzweifelt.» Aber sie macht sich ihre Gedanken, die sie an Tagungen freimütig darlegt. Sie lebt allein, das war schon immer so, und es soll sich nicht ändern. Obwohl sie viele Pflegeheime kennt und deren Arbeit sehr schätzt, will sie zu Hause bleiben, und, wenn das nicht mehr möglich sein sollte, lieber mit Exit aus dem Leben scheiden.

Doch wann ist der richtige Zeitpunkt? Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch den Film. Bis zuletzt bleibt Birgitta Martensson unschlüssig, was sie machen soll. Zu sehr hängt sie am Leben, auch wenn sie zwischendurch durchaus verzweifelt ist. Mehr und mehr türmen sich die Schwierigkeiten vor ihr auf. Ein Ticket zu lösen wird zum Problem, und plötzlich weiss sie nicht mehr, wo die Praxis des Hausarztes ist, mehrmals stürzt sie in der Wohnung. Und als sie sich selber in einer alten Aufnahme des «Club» von Fernsehen DRS sieht, antwortet sie auf die Frage, ob sie sich erkenne: «Ja, vielleicht.» 

«Ich komme nicht mehr an sie heran»

Genau beobachtet wird dieser Prozess von Christiane Kühne, ihrer Freundin. «Unsere Beziehung hat sich verändert, früher haben wir alles miteinander geteilt. Das gibt es jetzt nicht mehr», sagt sie. Früher, da sei Birgitta die Forschere gewesen und sie die eher Zurückhaltende. Jetzt müsse sie die Führung übernehmen. Das ist im Alltag nicht einfach. Nur ungern will sich Birgitta Martensson helfen lassen, nur ungern hört sie es, wenn Christane Kühne sagt, sie betrachte sich als ihre persönliche Assistentin. Wer aber behält die Arzttermine im Auge, wer begleitet sie dabei? Und wer erledigt die Rechnungen, die sich auf dem Schreibtisch türmen? Kevin Glauser, ein Nachbar, hilft ihr beim Papierkram.

Mehr und mehr zieht sich Birgitta Martensson zurück, «ich komme nicht mehr an sie heran», sagt Christiane Kühne. Birgitta ist jetzt viel bei Eva, ihrer jüngeren Schwester, und auch der Kontakt zur zwei Jahre älteren Kajsa wird enger. Kajsa ist anders als sie, viel lebhafter, wenn sie den Wald nach losen Holzstückchen absucht. Der Hund hat einen GPS-Sender implantiert, damit ihr Mann sie finden kann, wenn sie sich verirrt. «Mir fehlt jemand zum Reden, das ist traurig», sagt er über die Entwicklung in seiner Ehe.

Trotz dieser unterschwelligen Trauer, die über vielem liegt, machen Marianne Pletscher und Martina Rieder mit «Wenn die Erinnerung verblasst» Hoffnung. Birgitta Martensson ist gut versorgt, sie wird behütet von ihrer Freundin, alle gehen respektvoll mit ihr um. Das ist sehr wichtig, und es ist das eigentliche Plädoyer des Films. Der auch die Botschaft vermittelt, dass mit der Diagnose Alzheimer das Leben noch lange nicht zu Ende ist. Aber, sagt Birgitta Martensson selbst, «es ist wichtig, dass wir mehr erklären, was wir erleben».

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