«Bonjour oder Grüezi»? Benjamin Bernheim zögert nicht lang: «Grüezi!» natürlich … Logisch. Schliesslich befinden wir uns im Zürcher Opernhaus, und Benjamin Bernheim lebt ebenfalls seit Jahren hier in Zürich. Schwyzerdütsch redet er zwar nicht, aber Deutsch mit elegantem französischem Akzent. «Aber meine Tochter spricht Züritüütsch», fügt er bei, «sie geht ja hier in die Schule.»
«Es ist sehr schöne Musik, kein Drama, keine Tragödie, leicht verdaulich, knapp zwei Stunden, eine Pause und am Schluss haben wir ein bisschen von allem gehört: einen schönen Chor, ein unglaubliches Ensemble, grossartige Arien vom Sopran und der Tenor singt natürlich auch. ‚Rondine‘ ist eine interessante Erfahrung für mich.» Und offensichtlich auch fürs Publikum, das – vor allem wegen Benjamin Bernheim – am Schluss jubelt und ganz aus dem Häuschen ist, um es mal volkstümlich auszudrücken.
Deutsch-französisches Meisterwerk
Man könnte sagen, dieser Applaus in Zürich, ist der Soundtrack, der Benjamin Bernheims Auftritte gegenwärtig international begleitet. Denn auch an den Salzburger Festspielen stand Bernheim im Mittelpunkt. Konzertant und ohne spektakuläre Inszenierung sang Bernheim den «Werther» von Jules Massenet, und dies auf der Bühne des grossen Festspielhauses und begleitet vom «Orchestre symphonique de la Monnaie» aus Brüssel unter der Leitung von Alain Altinoglu.
Auf der Bühne unter anderem auch seine Frau, die Sopranistin Sandra Hamaoui als Sophie im «Werther». Der Kampf um Eintrittskarten war zuvor vom Publikum mit harten Bandagen geführt worden: Bernheim als Werther, besser geht’s nicht. Und als er die Arie «Pourquoi me réveiller» sang, folgte der ganze Saal gebannt den Klängen … Anschliessend schier endloser Applaus … so lang, bis Bernheim und Altinoglu sich kurz einen Blick zuwarfen – und die Arie wiederholten
Ein Bis mitten in der Aufführung, und anschliessend noch grösserer Jubel, falls das überhaupt noch möglich war. Werther und Bernheim, die gehören definitiv zusammen. Nicht erst seit Salzburg, aber jetzt erst recht.
Dabei ist Werther ja gar keine französische Figur, sondern geht auf Goethe zurück, gehört also zutiefst in die deutsche Kultur. «Ja, das ist fast bizarr», sagt Bernheim, «denn es ist gar kein Einzelfall. Hector Berlioz und Charles Gounod haben ‚Faust‘ vertont. Die Frage ist: Warum hat kein deutscher Komponist eine Oper mit den grossen Figuren der deutschen Literatur komponiert? Es waren die Franzosen! Ich finde es auch immer etwas seltsam, wenn ich lese: Faust von Berlioz, Werther und Faust von Gounod … Es gibt ja diese deutsch-französische Freundschaft aber es gab auch viele Kriege zwischen den beiden Ländern.»
Familiäres Interesse an Goethe
Es ist ein Thema, das Benjamin Bernheim eindeutig beschäftigt. Denn damit ist auch eine Familiengeschichte der Bernheims verbunden. «Mein Ururgrossvater war Goethe-Spezialist, sein Name war Fernand Baltensperger und er stammte aus dem Elsass. Er war in den Zwanziger- und Dreissigerjahren Literaturhistoriker und hatte einen Lehrstuhl für vergleichende Literatur an der Sorbonne, Columbia und Harvard. Er war zu seiner Zeit ein Pionier auf dem Gebiet der vergleichenden Literatur.
Ein Grossonkel hat mir einmal zu meinem Geburtstag sein Buch ‚Goethe en France‘ von Fernand Baltenperger geschenkt. Aber ich muss gestehen, dass es für mich schwer lesbar war … das ist mir einfach zu technisch!» Bernheim lacht entschuldigend … «Aber für mich ist es auch ein Symbol: Bei Goethe, Werther oder Faust spüre ich immer diese Verbindung mit meinem Urgrossvater. Und das gefällt mir!»
Ein Marathon für den Tenor
Interessant: Bernheims Ururgrossvater Fernand Baltensperger hat sich nicht nur intensiv mit Goethe beschäftigt, sondern auch mit dem Zürcher Dichter und Schriftsteller Gottfried Keller, über den er ebenfalls einen Text verfasst hat: «Gottfried Keller: Sa vie et ses oeuvres». Und Jahrzehnte später hat es den Urenkel Benjamin Bernheim ausgerechnet nach Zürich verschlagen … also eine weitere Verbindung zwischen Ururgrossvater und Urenkel …
Inzwischen ist der «Werther» ein Schwerpunkt in Bernheims Repertoire geworden. «Es ist eine wichtige Rolle, aber es ist auch eine schwere Rolle zum Singen. Werther ist eine komplizierte Person. Er lügt und er manipuliert Charlottes Gefühle. Und wenn er schliesslich durch Suizid stirbt, ist es kein edler Tod, sondern ein düsterer Tod.» Gleichzeitig ist «Werther» auch musikalisch anspruchsvoll. «Diese Rolle beinhaltet musikalisch fast alles, was ein Tenor zeigen kann: Zartheit, Kraft und Durchhaltevermögen. Es ist eine lange Rolle mit vier Arien und vielen Szenen. Es ist ein Marathon für den Tenor, eine echte Herausforderung!»
Für Bernheim war der «Werther» eindeutig der Höhepunkt der Saison, oder besser gesagt «seiner» Saison. «Ich spüre, dass diese Rolle ein ‘compagnon’, ein guter Begleiter für mich ist», sagt Bernheim. Und dass ihn dieser «musikalische Begleiter» nun wieder nach Salzburg gebracht hat, bedeutet ihm viel. «Das ist für mich so etwas wie Olympische Spiele oder World Cup der Oper. Da haben auch wir Künstler die Verpflichtung, einen magischen Abend auf die Bühne zu zaubern. Und im Zuschauerraum: diese Stille! Diese Spannung! Das spürt man physisch auch auf der Bühne.»
Inzwischen geht aber der Blick auch schon wieder weiter nach vorn: «Als nächstes kommen zwei neue grosse Rollen auf mich zu: der Don José in ‘Carmen’ und der Cavaradossi in ‘Tosca’. ‘Carmen’ in Monte Carlo und in der Bayerischen Staatsoper, ‘Tosca’ in der Berliner Staatsoper.»
So kam Bernheim nach Zürich
Und wie ist es eigentlich dazu gekommen, dass Benjamin Bernheim sich in Zürich niedergelassen hat? Da er zwar in Paris geboren, aber in Genf aufgewachsen ist, besuchte er zunächst das Konservatorium in Genf, dann Lausanne, und wie es dann so geht: Die Freundin eines Freundes war Pianistin am Opernstudio in Zürich und suchte verzweifelt einen Tenor für einen Aufritt des Opernstudios zur Feier des ersten Augusts im noblen Suvretta House in St. Moritz. Das war mein erster Kontakt zum Opernstudio und ich war damals noch sehr auf die französische Welt fokussiert. Mein Ziel war damals nicht Salzburg, Berlin oder Zürich … für mich zählte Paris, La Monnaie in Brüssel oder das Grand Théâtre in Genf.»
Aber die Freundin des Freundes gab nicht nach und empfahl ihm das Opernstudio in Zürich. Also setzte Bernheim sich erst einmal mit Zürich und dessen Oper auseinander. Und er staunte nicht schlecht, welche Stars da auf der Bühne des Opernhauses auftraten: die «crème de la crème» der Opernwelt. Und jeden Abend eine andere Oper. «Heute Bohème, morgen Aida, dann Zauberflöte … und ich dachte: Was ist das für ein Haus?» Er hat den Unterschied kennengelernt, zwischen einem Repertoire-Theater, wie sie im deutschsprachigen Raum üblich sind, gegenüber dem En-suite-System in anderen Ländern, mit immer nur einem Stück über längere Zeit.
«Dann habe ich beim Opernstudio angefragt und wurde aufgenommen. Danals kam mir zugute, dass ich auch Schweizer bin und dass es nicht so viele Schweizer gab. Ich erinnere mich, dass die Leiterin des Opernstudios damals beim Vorsingen nicht so begeistert war von mir, aber sie war froh, wieder mal einen Schweizer Tenor vor sich zu haben …» Schon im zweiten Jahr bekam er Rollen in Lyon, Brüssel, Lausanne und Zürich.
Damals war Alexander Pereira noch am Opernhaus und erkannte Bernheims Talent. Und für Bernheim begann eine spannende Zeit. «Ich war auf der Bühne mit ‘Kolossen‘», sagt er lachend und voller Begeisterung in Erinnerung an diese Zeit. «Ich habe viel gelernt von Stars wie Vittorio Grigolo, Placido Domingo, Xavier Camarena, Leo Nucci oder im Gespräch mit dem Dirigenten Nello Santi. Ich habe meine Chance gepackt und viel gearbeitet. Und wenn man im Ausland unterwegs war und sagte, man komme aus Zürich, dann wurde man gefragt, ob die Legende stimmt, dass die schicken, reichen Frauen aus Küsnacht mit dem Tram am Opernhaus vorfahren. Und ich sagte: Ja.»
Werther auf CD
«Werther», mit dem Bernheim in Salzburg diesen Sommer diesen sensationellen Erfolg hatte, wird ihn auch weiter begleiten. Zunächst erscheint im November bei «Deutsche Grammophon» ein Live-Mitschnitt von «Werther» im Théâtre des Champs-Elysées in Paris und im Februar 2027 singt Bernheim den «Werther» in einer Neuproduktion an der Opéra Bastille in Paris. Dann mit der Schweizer Sängerin Maria Viotti als Charlotte und wieder mit Ehefrau Sandra Hamaoui als Sophie. Die musikalische Leitung hat übrigens Marc Leroy-Calatayud, ein junger Dirigent, der in Lausanne geboren und aufgewachsen ist und unter anderem in Zürich zum Dirigenten ausgebildet wurde. Mit Benjamin Bernheim ist er bereits verschiedentlich aufgetreten.
«Werther» und Bernheim – das scheint eine schicksalhafte Verbindung zu sein. Das bestätigt auch Bernheim selbst. «Seit meinem Rollendebüt komme ich immer wieder zu ‘Werther’ zurück. Heute singe ich manches anders als damals. Der ‘Werther’ und ich, wir entwickeln uns gemeinsam. Vielleicht ist ‘Werther’ sogar meine Lebensrolle.»