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Kommentar 21

Moribunde Kunst

22. November 2018
Christoph Kuhn
Bildende Kunst, so dachte man früher, möchte möglichst ewig leuchten und wirken.

Dass sie auch schnell- und kurzlebig sein kann, lehren uns die Strassenkünstler, die Sprayer und Graffiti-Schöpfer mit ihren spektakulären Aktionen. Inzwischen gibt es auch genüsslich sich selbst zerstörende, moribunde Kunst, inszeniert von listigen Meistern ihres Fachs, geeignet deren Berühmtheit noch zu steigern. Der bekannte Schweizer Artist Urs Fischer hat es 2011 an der Biennale in Venedig vorgemacht, als er ein Werk aus der Renaissance kopierte, nachmodellierte – und dann wie eine Kerze abbrennen liess.

Getoppt hat ihn dieses Jahr in London der unter dem Namen Banksy firmierende, seine wirkliche Identität verbergende britische Strassenkünstler, als er während einer Sotheby-Auktion sein Bild, das bereits für über eine Million Pfund versteigert worden war, durch eine Vorrichtung im Bilderrahmen shreddern liess. Zur Hälfte shreddern liess. So dass die geschockte Käuferin nach ausgestandenem Schrecken das beschädigte Objekt ihrer Begierde zum neuen, seinen Millionenwert selbstverständlich rechtfertigenden Kultobjekt erklären konnte.

Angesichts solcher zerstörerischer Aktionen lobt man sich die Zürcher Kantonsregierung, wenn sie auf Nummer sicher geht. In diesen Tagen darf Harald Nägeli, der allseits bekannte Zürcher Sprayer der Siebzigerjahre, inzwischen längst zum geachteten Künstler avanciert, auf die Turmwände des Grossmünsters einen Totentanz sprayen. Um das tun zu dürfen, musste er den umsichtigen Behördemitgliedern zugestehen, dass sein moribundes Werk nach vier, spätestens sechs Jahren vernichtet werden könne. Was für ein Schicksal für Nägelis Strichmännchen. Einst verfolgt und weggeputzt, später gesucht und schon fast verehrt, wird ihnen jetzt, als Totentanzfiguren, eine bemessene Zeit bis zum Verschwinden gewährt. Ein fauler oder doch ein schlauer Kompromiss? Wir wollen und nehmen sie, die tanzenden Skelette, die moribunde Kunst, aber nicht für ewig.

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