2016 eröffnete das österreichische Multitalent André Heller rund 30 Kilometer südlich von Marrakesch einen Kunstgarten, der seither zum festen Touristenprogramm gehört. Ein lauschiger Ort, wobei die Essenz des ganzen Vorhabens nicht deutlich zu erfassen ist.
Es ist vermutlich leichter, bei André Heller, der nächstes Jahr seinen Achtzigsten feiern wird, zu bestimmen, was er nicht kann, als aufzuzählen, was er in seinem Leben alles angedacht und umgesetzt hat. Seine Schaffenskraft ist schlicht unfassbar, frei nach dem Motto: Der Tag hat 24 Stunden und wenn dies nicht reicht, dann bleibt immer noch die Nacht.
Erfolgreich war Heller schon in jungen Jahren als Sänger, wobei er oft die Liedtexte selbst verfasste. Später resultierten aus schriftstellerischer Tätigkeit mehrere Romane und Theaterstücke. Zu Beginn der 1980er begeisterte er sich mehr und mehr für die Welt des Zirkus und der Vergnügungsparks. Seither sprudeln aus seinem Kopf pausenlos Projekte für eine gehobenere Unterhaltung.
Einen Meilenstein setzte er 1987 mit Luna Luna, einem Ensemble von Pavillons in Hamburg. Zufälligerweise auf der Durchreise, ergriff ich damals die Chance, den Park zu besuchen, nicht zuletzt wegen der klingenden Namen der beteiligten Künstler und Künstlerinnen: Sonja Delaunay, Jörg Immendorff, Jim Whiting, Jean-Michael Basquiat, Rebecca Horn, Keith Haring, Georg Baselitz, David Hockney, Jean Tinguely, Roy Lichtenstein, um nur die bekanntesten zu nennen.
Die farbenfrohe, teils witzige, teils lyrische Gestaltung war erfrischend. Kunstschaffende, die ansonsten nur in den heiligen Museumshallen anzutreffen waren, waren hier in kindlicher Verspieltheit zu erleben. Daniel Spoerri beispielsweise befestigte im Innern des Toilettengebäudes einige seiner Fallenbilder, wie er die Fixierung von Geschirr und Essensresten auf Platten nannte und stellte so augenzwinkernd den Zusammenhang von Essen und Entsorgung her. Die Pavillons wurden nach Rechtsstreitigkeiten eingelagert und konnten erst 2022, als sie von einem amerikanischen Käufer erworben wurden, restauriert und temporär der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
Heller testet das Zusammenspiel von Kunst, Spiel, Tanz, Natur in stets neuen Varianten. In die Stadt Marrakesch verliebte er sich zu Beginn der 1970er Jahre, und als er auf die Sechzig zusteuerte, fasste er den Entschluss, hier etwas Nachhaltiges zu schaffen «durch ein heilkräftiges, hochenergetisches, botanisches Revier der sinnlichen Schönheit und höchsten umfassenden Qualität für Menschen aller Altersgruppen und Ausbildungsgrade aus Nah und Fern».
Auf einem acht Hektar grossen Areal einer zu Tode gedüngten Rosenplantage etwa dreissig Kilometer südlich von Marrakesch konnte er sein Vorhaben umsetzen und gleichzeitig in unmittelbarer Nachbarschaft seinen Wohnsitz bauen, den er seither jährlich mehrere Monate belegt. Eine Aufnahme aus dem Jahre 2010 zeigt das ummauerte und leergeräumte Grundstück mit ausgelegten Bändern, welche das künftige Wegnetz anzeigen. Kaum zu glauben, dass bis zur Eröffnung im Jahre 2016 aus der Brache ein veritables Pflanzenparadies entstand.
Allerdings flunkerte Heller, etwa indem er ausgewachsene Palmen- und Olivenbäume von weither holte. Ehrlich gab er zu, dass er nicht warten könne, bis das Wachstum abgeschlossen sei. Den Garten versteht er auch als Ausdruck seines ökologischen Engagements, doch fragwürdig ist es schon, wenn Pflanzen aus anderen Kontinenten eingeführt wurden, was unter Biologen für mehr als nur Stirnrunzeln sorgen dürfte. Heller streicht schliesslich die Förderung der lokalen Wirtschaft hervor mit der Schaffung vieler Arbeitsplätze, doch auch in diesem Falle wundert man sich, dass er für den Service- und Eingangspavillon eine österreichische Architektin beauftragte.
Man muss zugeben, der Garten ist inmitten der arg gebeutelten Landschaft um Marrakesch eine wohltuende Oase mit einer vielfältigen Pflanzenwelt. Das allein hätte genügt, doch für Heller war die Setzung zahlreicher Skulpturen und farbiger Objekte – eigene wie von befreundeten Kunstschaffenden sowie Produkte anonymer Stammeskunst – wohl eine Herzensangelegenheit. Es tauchen Büsten auf, Mischwesen, farbig bemalte Bänke und Stelen, tibetanische Tücher, eine Arche und als eine Art Aushängeschild ein bunter Kegel, bei dem sich Heller von den marokkanischen Gewürzständen inspirieren liess.
In den Prospekten werden als Künstler stellvertretend Picasso, Rodin und Keith Haring genannt, veritable Köder, die einen vor Ort jedoch ratlos machen. Bei Picasso handelt es sich um Keramikarbeiten, die man leicht übersehen kann. Von Haring stammt eine weisse Stele mit für ihn typischen, als Relief hervorgehobenen schwarzen Zeichen; vertraut aber sind eher seine farbigen Blätter.
Völlig deplatziert ist der Denker von Rodin. Ob er stellvertretend für den Schöpfer des Gartens stehen, besser, sitzen soll? Schon bei Luna Luna konnte es Heller nicht lassen, zwei eigene Werke beizusteuern, so einen grellen Pavillon mit Stacheln, formal eine Variante seiner Flugskulpturen, die er damals weltweit steigen liess. Ob Heller ein guter Künstler ist, darüber lässt sich streiten. Bisweilen ist die Nähe gewisser Arbeiten zu Werken bekannter Kunstschaffender mehr als nur irritierend. Beim Steinkreis gleich zu Beginn des Rundganges ist das Vorbild Richard Long derart offensichtlich, dass dies im Begleitbuch offen zugegeben wird.
Ein Vergleich mit dem berühmten Garten Giverny von Claude Monet sei gestattet. Dessen Motivation ist mit derjenigen von Heller vergleichbar, doch für Monet war der Garten eine wesentliche Inspirationsquelle für seine Malerei. Und bei Heller? In einem Interview nannte er Anima ein Selbstporträt, in das alles eingeflossen sei, was er in seinem Leben erworben habe: Erfahrungen mit Menschen und Inszenierungen, mit Botanik und Wunderkammern, mit Licht und Schatten, Skulpturen, Düften, Kunstinstallationen, den Geräuschen des Windes und Wassers. Heller, der Egomane und Selbstdarsteller, bleibt sich mit solchen Aussagen treu. Wer ihn nicht kennt und zu bewundern bereit ist, wird schlicht einen üppigen Garten mit Nippes vorfinden.
Die Website von Anima finden Sie hier.
Alle Bilder stammen aus dem Garten Anima bei Marrakesch. Fotos: © Fabrizio Brentini