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79. Filmfestival Cannes

Schwarze Liste auf rotem Teppich

19. Mai 2026 , Cannes
Patrivck Straumann
Patrick Straumann
Vincent Bolloré
Vincent Bolloré während einer Anhörung vor einem Untersuchungsausschuss der Nationalversammlung zum öffentlichen Rundfunk am 24. Mär 2026. (Keystone/EPA/Christophe Petit Tesson)

Im Gegensatz zur Berlinale, wo die Debatten um das Weltgeschehen nachgerade kultiviert werden, hatte das Filmfest von Cannes bis anhin versucht, die Politik vom roten Teppich fernzuhalten. «Politische Fragen sind jene, die in der Stimme der Künstler zum Ausdruck kommen, deren Werk wir zeigen», sagte Thierry Frémaux, der Leiter des Festivals, im Vorfeld des Festivals. Nicht zu Unrecht: die Polysemie der Filme steht in diametralem Gegensatz zur Effizienz eines Slogans.

Nun hat sich dort allerdings doch unvermutet eine Front aufgetan: ein Kollektiv von sechshundert Fachkräften der Filmbranche hatte in der Tageszeitung Libération ein Manifest unterzeichnet, das sich gegen Vincent Bollorés geplanten Aufkauf der Kinokette UGC aussprach. Der Text monierte das «Zivilisationsprojekt» des bretonischen Milliardärs, beziehungsweise den «Einfluss», den dessen «ideologische Offensive auf den Inhalt der Filme» ausüben wird. Bolloré, der bereits 35% des Konzerns kontrolliert, will bis Ende der 2020er Jahre zum Alleininhaber des Unternehmens werden. Die «Union Générale Cinématographique» betreibt in Frankreich und Belgien 55 Multiplex-Kinos, darunter das im Pariser Stadtzentrum gelegene Grosskino «UGC Les Halles», das mit 35 Sälen und 2,5 Millionen jährlichen Eintritten als grösster Kinokomplex Europas gilt. 

Ähnlich wie Fox-News

Der Unternehmer, der sich als «Christdemokrat» bezeichnet und zu dessen Kerngeschäft bislang die Öltransport- und Hafenlogistik in Westafrika zählten, wurde zur Reizfigur, als er als Inhaber von print- und audiovisuellen Medien die öffentlichen Debatten Frankreichs zu beeinflussen begann. Insbesondere C-News, einer der drei nationalen Nachrichtensender, wurde nach seiner Übernahme zu einer Fox-News-ähnlichen Propagandamaschine umgerüstet, die nun in hysterischem Ton das Bild eines von der Apokalypse bedrohten Landes heraufbeschwört.

Vor wenigen Monaten löste Bolloré überdies einen Sturm aus, als er den Chef-Verleger des Verlagshauses Grasset, das zu seiner Gruppe Hachette Livre gehört, entlassen liess. Der Eingriff in die editorische Freiheit wurde weitgehend als Symptom einer gesteigerten Einflussnahme ins kulturelle Leben Frankreichs betrachtet: Vor vier Jahren wurde bereits Fayard, ebenfalls eine Hachette-Filiale und einst eine traditionelle Adresse des französischen Literaturbetriebs, unter der Leitung Bollorés zum Treibhaus rechtsradikalen Ideenguts, in der die rechtsradikalen Politiker Eric Zemmour und Jordan Bardella eine publizistische Heimat erhielten.

Heute lösen die Kaufpläne des Milliardärs Nervosität aus, weil er als Hauptaktionär des Privatsenders Canal Plus die wichtigste Investitionsstruktur des französischen Filmschaffens kontrolliert. Dieses Jahr hat Canal Plus 160 Millionen Euro in die Filmproduktion investiert, 2027 sollen 170 Millionen fliessen. Vor wenigen Jahren beliefen sich die mobilisierten Summen auf 220 Millionen; gekürzt wurde der Betrag in einer Art Trotzreaktion, als Antwort darauf, dass die französischen Regulationsinstitutionen den Sender nicht besser vor der Konkurrenz von Disney+ schützen wollten.

Abhängigkeiten

Brisant ist die Präsenz Bollorés in der Direktion von Canal Plus, weil der Sender, beziehungsweise sein Ableger Studiocanal, sich zum grössten Produzenten Europas entwickelt hat. Das Unternehmen besitzt mit knapp 10'000 Titeln überdies einen der weltweit umfangreichsten und grössten Film- und Serienkataloge. Allein in der diesjährigen Ausgabe des Festivals werden, wie die Tageszeitung Le Monde berichtete, 49 von der Firma produzierte oder gekaufte Titel gezeigt.

Entsprechend gross war die Konsternation, als Maxime Saada, der CEO der Sendergruppe, in Cannes signalisierte, er könne nicht akzeptieren, dass Canal Plus als ein «kryptofaschistisches» Unternehmen qualifiziert würde, und er künftig auf eine Zusammenarbeit mit den Unterzeichnern zu verzichten gedenke. Juliette Binoche, der einzige Grossstar, der an der Mobilisation teilnahm, wird vermutlich auf die finanzielle Unterstützung des Senders verzichten können. Generell hängt das nationale Filmschaffen jedoch am Tropf des Senders und wird die Kosten einer Produktion ohne Teilnahme von Canal Plus kaum stemmen können. Während die Autoren von Grasset, die öffentlich mit ihrem Verlag gebrochen haben, einen Vertrag mit der Konkurrenz unterzeichnen können, befindet sich Canal Plus in einer Monopolsituation: Aktuell ziert das Senderlabel drei von vier Filmprojekten Frankreichs.

Ob die Stellungnahme klug war, ist insofern fraglich. Immerhin gelang es dem Manifest, ein Tabu zu brechen: Die politischen Wortmeldungen des Milieus richteten sich bislang stets gegen den «Staat», vermieden allerdings den öffentlichen Bruch mit dem wichtigsten Geldgeber der Branche. Nun zieht sich der Graben quer durch die Festivalaktualität. Mit Arthur Harari und Emmanuel Marre haben zwei der fünf französischen Wettbewerbsteilnehmer ihre Unterschrift unter das Manifest gesetzt.

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