Mit seiner «Slow Horses»-Reihe hat Mick Herron ein ganz eigenes Genre des Spionageromans geschaffen. Gewürzt mit einer Menge sarkastischen Humors, lebt auch Band 8, «Bad Actors», vor allem von den Missgeschicken seiner Protagonistinnen und Protagonisten.
Man kann sie als Geheimwaffe des britischen Geheimdienst betrachten. Shirley Dander schafft es immer wieder, mit ihren abrupten Aktionen einer ohnehin verwirrend rätselhaften Handlung eine neue Richtung zu geben. Das tut sie auch in «Bad Actors», dem jetzt bei Diogenes auf deutsch erschienen Band 8 von Mick Herrons Serie über die «Slow Horses». Zuerst, als sie zusammen mit ihrem angeberischen Bürokollegen Roddy Ho einen Reisecar stoppt, dabei mit einem Bügeleisen bewaffnet. Dann, gegen Ende hin, sogar…: Aber nein, das dürfen wir nicht verraten.
Gemeinsames Nachdenken auf der Parkbank
«Slow Horses» - «Lahme Gäule» - , so nennen sie beim Inlandsgeheimdienst MI5 jene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sie nach zumeist recht kurzer Prüfung aufs Abstellgleis befördert haben. Verbannt in eine Bruchbude weitab der Zentrale in Regent’s Park, beschäftigt sie dort der übellaunige Jackson Lamb mit sinnlosen Arbeiten – es sei denn, seine Dienste werden wieder einmal höheren Orts benötigt.
Das aber ist hier so wichtig wie selten zuvor. Alle haben sie ihre unangenehmen Beziehungs-Geschichten, auch Jackson Lamb und Diana Taverner, Chefin des MI5, die sich in heiklen Lagen mit ihm auf jener einzigen Parkbank an der Themse trifft, die von den vielen Londoner Überwachungskameras nicht erfasst wird. Hier setzen Taverner und Lamb jene Puzzleteile zusammen, die ihnen lange ziemlich rätselhaft vorkommen. Wobei Diana Taverner bei Bedarf auch auf die Mithilfe jenes Strippenziehers im Hintergrund zurückgreifen kann, der sein Wissen dann allerdings in unverkennbar erpresserischer Weise für fragwürdige Dienste der MI5-Chefin einzusetzen pflegt.
Dieser Peter Judd, früher Innenminister, dann über eine Affäre gestürzt, hat auffällige Ähnlichkeit mit Peter Mandelsohn, zuletzt britischer Botschafter in den USA, dessen enge Kontakte zum Sexualstraftäter Jeffrey Epstein auch den aktuellen Premierminister Keir Starmer so schwer beschädigt haben, dass er wohl in ein paar Monaten stürzen wird. Die ewigen Intrigen in und um Downing Street Nummer 10 – auch sie gehören zum unentbehrlichen Arsenal der «Slow Horses»-Reihe.
Sparrow will die Macht – um jeden Preis
Diesmal ist es dort ein Mann namens Sparrow, Berater eines namenlosen, aber ziemlich passiven Premierministers, der den Ton angibt, und in dem die Eingeweihten einen englischen Napoleon erkennen: fies, britisch und klein, wie es mit unwiderstehlich sarkastischem Humor heisst. Und der mit einem Sonderauftrag die Dinge ins Rollen bringt. Sparrow sucht erstens mit unbändiger Energie die Macht über den Geheimdienst, das heisst: Er will mit allerlei Winkelzügen Diana Taverner loswerden. Zweitens und noch dringlicher sucht er nach Sophie de Greer, einer neuen, hochbegabten Mitarbeiterin, die spurlos verschwunden ist. Sophie de Greer hat einen Schweizer Pass, doch auch dahinter verbirgt sich mehr, und auch dies sei nicht verraten.
Immer wieder ziehen in der Erinnerung der wichtigsten Protagonisten Episoden früherer «Slow Horses»-Romane vorüber. Es ist kompliziert, mündet aber immer wieder in sehr, sehr unterhaltsame Szenen, die auch sprachlich von grosser Finesse sind. Etwa wenn Oliver Nash in einer Konditorei zum lockeren Gespräch über Sparrows heikle Aufträge lädt. Nash hat Macht, er präsidiert den Kontrollausschuss des Geheimdiensts, will aber im Hintergrund bleiben. Denn er weiss: Diana Taverner «hat die Gartenschere».
Wer gibt den Ton an?
Zur Hand gehen soll ihm deshalb Claude Whelan, in den vorzeitigen Ruhestand verabschiedete ehemalige Geheimdienst-Grösse. Der zunächst einmal verwundert ist über Nashs Ansinnen. «Zu meiner Zeit, die noch gar nicht so lange zurückliegt», sagt er, «hat der Premierminister den Ton angegeben. Nicht sein Schosshündchen.» Worauf Nash antwortet: «Die Schosshunde sind zu Schiesshunden geworden, das ist das Problem. Ich erwarte jeden Tag, dass der Premierminister mit Halsband und Leine erscheint.»
Ja, wer gibt da eigentlich den Ton an? Und wer hat die Leine am Hals? Nachdem auch noch ein dubioser Russe die Londoner Szene betreten hat, benötigt Diana Taverner dringend die Hilfe des ungeliebten Jackson Lamb. Der wiederum kann am Ende froh sein, dass seine angeblich so untalentierten Mitarbeiter mit oder ohne Bügeleisen jene Eigeninitiative entwickeln, die er ihnen strikt verboten hat. Sie treiben die Handlung zu jenen Höhepunkten, die schon Vorfreude aufkommen lassen auf eine Fortsetzung.
Mick Herron: Bad Actors, Diogenes Verlag, Zürich 2026, 460 Seiten