Der französische Multimedia-Künstler Pierre Huyghe (*1962) verwandelt die Fondation Beyeler in eine sanfte Abfolge von mit Präzision und Sorgfalt gestalteten Räumen, welche die Besucher in ihren Bann ziehen. Sie erleben sich mit allen Sinnen. Aber wozu?
Alles in diesen Räumen ist perfekt und auch angenehm: Die Proportionen, die Lichtführung, die mal sanften, mal aufbrausenden Töne. Auch die Böden sind sorgfältig ausgewählt und teils von weit hergebracht. In einem Raum stammen die Teppiche – mit deutlichen Spuren zahlreicher Besucherinnen und Besucher – aus dem Museum Ludwig in Köln. In anderen Räumen wurden sie eigens für die Ausstellung des französischen Künstlers Pierre Huyghe in der Fondation Beyeler hergestellt und werden wohl nach Ausstellungsabbau entsorgt. Sie könnten für ein Wellnesszentrum hergestellt sein; entsprechend dämpfen sie die Schritte und lassen die Besucher die Säle angenehm durchwandern.
Sanft wirkt auf die Besucherinnen und Besucher auch der leise Luftzug, der aus kleinen Löchern in den Wänden stammt und durch manche Räume weht. Durch eine dieser Öffnungen kriechen schwarze kleine Ameisen, die sich, von den Besuchern kaum beachtet, über die Wand ausbreiten. Wer sie sieht, mag sich fragen, woher sie stammen – und wo die jeweils schnell auftretenden und intervenierenden Tierschutz-Aktivisten wohl bleiben.
Perfekt sind auch die sorgfältig designten und sparsam auf die Räume verteilten Skulpturen: Die beiden in mit Sand ausgelegten Aquarien über Krebsen, Seeanemonen und anderem Getier schwebenden grossen Steinbrocken, der seltsam verloren auf dem Boden liegende, aus Holz und Metall gefertigte Würfel und natürlich die kleinformatige, aus dem Princeton Art Museum stammende Malerei «The Witch» von Max Ernst (1941), die über die breiten weissen Wände ausstrahlt. Nicht vergessen sei «Alchimia», ein Wurm, der bewegungslos wie ein urzeitliches Lebewesen auf dem Boden liegt und plötzlich sich bewegt, zu zucken und sich aufzubäumen beginnt. Wir versuchen ergebnislos herauszufinden, wie diese Bewegungen bewerkstelligt werden, und finden keine Antwort auf unser Befragen. Ist da etwa eine Interaktion zwischen Objekt und vorbeigehenden Besuchern im Spiel?
Und schliesslich die Filme als wesentlicher Teil der Installation Pierre Huyghes in den Beyeler-Räumen – «Apnea» und «Liminals» von 2025 und 2026 als die beiden neueren Filme, «Human Mask» von 2014 als der bereits 20-jährige. Sie sind mehrheitlich schwarzweiss und teilweise so dunkel, dass die Bilder kaum erkennbar sind und ins Unbestimmte abtauchen. Ihre Szenerien sind meist düster. Sie gemahnen an Urweltliches. Nackte weibliche Wesen tauchen aus Wüstenlandschaften mit schwarzem Hintergrund auf und verschwinden wieder. Wiederum in archaischem Umfeld werden unbekannte Rituale vollzogen. Wir können uns kaum einen präzisen Reim auf das Gesehene machen.
Es geht wohl auch kaum darum, dass wir uns einen präzisen Reim machen können auf das, was wir in all diesen dunklen Räumen der Huyghe‘schen Installationen sehen und erleben, in denen sich die Intensität des Lichtes ständig an- und abschwellend verändert. Manches bleibt unerklärbares Geheimnis, wie es unserer Welterfahrung entspricht. In dieser Hinsicht mag die installative Arbeit Pierre Huyghes über sich selber hinausweisen und könnte so zur Metapher werden: In einer Welt, die nicht aus Schwarz und Weiss besteht, sondern von feinen Grauabstufungen lebt, ergibt eins und eins nicht immer zwei. Ebenso sticht Sowohl-als-auch häufig ein Entweder-oder aus. Es gibt keine starre Logik. Alles steht, der Durchblicke wegen, neben allem. Wände sind durchlässig. Gleichgewichte sind gefährdet. Die Natur und ihre Balance sind es ohnehin.
Pierre Huyghe, von der NZZ schon mal «Starkünstler» genannt, lässt all das in seinem hochtechnisierten Studio entwickeln. Seine Installation bei Beyeler in Riehen steht neben jenen verwandter und ebenso computer- oder KI-affiner Künstler (zum Beispiel Olafur Eliassons und Julian Charrières), die wie er mit enormem technischem und wissenschaftlichem Aufwand ihre oft sanften und stets ästhetisch überhöhten Botschaften verkünden. Bis es zu viel werden mag.
Es ist angenehm, sich in den gepflegt und mit Perfektion gestalteten Räumen aufzuhalten, sich ihrem Rhythmus, ihren Klängen und ihrem wechselnden Licht hinzugeben und sich die eher düsteren, aber stets gepflegt-schönen Filme anzuschauen. Bis man zur Feststellung gelangt: Da wird mancherlei thematisiert und vorgetragen, was wir schon oft gesehen und erlebt haben – zum Beispiel die Natur und ihre Bedrohung, das Sich-Wiederfinden des verletzlichen nackten Menschen in apokalyptischer Öde, die selbstquälerische Beschäftigung mit Fragen der eigenen Existenz und mit Mythen, die unseren Lebensweg begleiten, die Maske und was sie verbirgt oder freilegt.
All das liesse sich auch mit weniger technischem Aufwand, auf weniger spektakuläre Weise und ohne High-Tech sagen, vielleicht aber mit ebensolcher Deutlichkeit und gar mit mehr Dringlichkeit. Dazu braucht es die künstlich erzeugten Zuckungen des blassen und plötzlich zum Leben erwachten Urwurms «Alchimia» – «verstanden als larvenhafter Vorläufer des menschlichen Unbewussten» (so die Beschreibung der Beyeler-Fondation) – nicht.
Pierre Huyghe wurde 1962 in Paris geboren. Er definiert seit zwei Jahrzehnten die Ausstellungspraxis neu als eine sich dynamisch entwickelnde Situation. 1999 gestaltete er den französischen Pavillon an der Biennale Venedig. 2013 erhielt er den mit 150’000 Franken dotieren Roswitha Haftmann-Preis. Er war 2012 an der documenta 13 in Kassel und 2017 am Skulpturenprojekt Münster vertreten.
Fondation Beyeler, Riehen
bis 13. September
Kuratiert von Mouna Mekouar und Anne Stenne
Katalog im Verlag Cantz, herausgegeben von den Kuratorinnen, 56 Franken