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Opernhaus Zürich

Matthias Schulz: Die Kraft der Oper

29. Mai 2026
Annette Freitag
Matthias Schulz, Opernhaus
Matthias Schulz auf dem Zürcher Sechseläuteplatz vor dem Opernhaus (Foto: Lucia Hunziker)

Zürichs neuer Opern-Intendant über seine ersten Erfahrungen in Zürich und die Magie des Musiktheaters. 

Inzwischen geht seine erste Spielzeit am Opernhaus Zürich ihrem Ende entgegen: Matthias Schulz ist definitiv als neuer Intendant in Zürich angekommen. Strahlend und offensichtlich gut gelaunt sitzt er in seinem hellen, unprätentiösen Büro mit Blick aufs Opernhaus.

«Mir geht’s ziemlich hervorragend», sagt er auf die entsprechende Frage und lacht. «Wir haben nun schon ein Dutzend Premieren hinter uns und dass gerade das Barockfestival gleich in der ersten Ausgabe so toll wahrgenommen wurde, ist natürlich grossartig. Wir waren auch bereits mit Chor und Orchester auf Gastspielreisen in sieben Städten quer durch Europa. Wir haben also schon substanzielle Dinge in der ersten Spielzeit gemacht und dass auch das Publikum so toll mitgeht und wir so hervorragend ausgelastet sind, dass die Stimmung so positiv ist und ich mich willkommen fühlen darf, das ist schon etwas Besonderes …» 

Wieder im Alpenraum

Matthias Schulz hat allen Grund zur Freude. «Dieses Jahr haben wir sogar zehn Premieren in der Oper und drei im Ballett. Das ist auch im europäischen Vergleich aussergewöhnlich viel. Es ist natürlich wunderbar, wenn man ein Programm vom Barock bis zum Zeitgenössischen ausleuchten kann und nicht nur die Top Ten der Opernliteratur zeigen muss, sondern auch Stücke wie ‘Cardillac’ von Hindemith aufführen kann.»

Dass er in Zürich nun wieder im alpenländischen Raum ist, gefällt Matthias Schulz. «Ich bin ja Oberbayer und in Bad Reichenhall aufgewachsen. Ich habe Dialekte kennengelernt und verstehe Schwyzerdütsch hervorragend, auch wenn ich es nicht spreche, höchstens mal ein paar Worte …, aber nach acht Jahren Berlin wieder näher an den Bergen und an diesem wunderbaren See zu sein, ist grossartig. Ich fühle mich schon sehr zuhause hier.» 

Von Berlin über Salzburg nach Zürich

In Berlin hat Matthias Schulz zuvor die «Staatsoper Unter den Linden» geleitet. Er kennt sich also aus in diesem Metier, zumal er auch ausgebildeter Pianist ist. «Ich bin tatsächlich schon sehr früh in die Leitung von Kulturinstitutionen gekommen. Mit 32 Jahren bin ich künstlerischer Leiter und Geschäftsführer der Stiftung Mozarteum in Salzburg geworden. Dort habe ich gelernt, was es heisst, an der Spitze einer Institution zu stehen, also für Aufsichtsrat, Öffentlichkeit und Mitarbeiter einen Rahmen zu bilden. Ich hatte das Glück, frühzeitig hineinwachsen zu dürfen.» 

Berlin war anschliessend für Schulz in verschiedener Hinsicht eine interessante Phase. «Nach einer siebenjährigen Renovierungszeit sind wir in die «Staatsoper Unter den Linden» eingezogen. Also in ein Haus, mit verschiedensten geschichtlichen Brüchen: Am Anfang war es der Stolz Preussens, dann war es die Vorzeigeinstitution Ostdeutschlands. Diese Brüche sind auch spürbar: Da sind die Mentalitätsunterschiede und dies in Berlin, an einem Ort, wo es alles doppelt und dreifach gibt, nachdem die Stadt wieder zusammengewachsen ist. Also es gibt dort drei Opernhäuser, fünf Schauspielhäuser und sieben Spitzenorchester … 

Das Opernhaus ist eine Aktiengesellschaft

 

Matthias Schulz im Parkett des Opernhauses
Mattias Schulz im Zuschauerraum des Opernhauses (Foto: Gaetan Bally)

Jetzt in Zürich an einen Ort zu kommen, der auch eine lange Geschichte hat, wo aber alles monolithischer ist, wo es darum geht, Oper als relevanten Teil der Gesellschaft zu etablieren, in guter Koexistenz mit den anderen Kulturinstitutionen, wie Kunsthaus, Tonhalle, Schauspielhaus, da gibt es schon vom politischen Umfeld her grosse Unterschiede … Ich freu’ mich einfach drauf, an diesem Ort Oper machen zu können. Ich schätze die pragmatische Zugewandtheit, die es hier in der Schweiz gibt. Und ich muss auch sagen, ich schätze die Governance, wie man so sagt. Das Opernhaus ist eine Aktiengesellschaft – was ja schon etwas besonders ist – und es besitzt einen Verwaltungsrat, der wirklich unterstützend ist und der alles daransetzt, dass das Opernhaus eine phantastische Kulturinstitution bleibt und sich weiterentwickelt. Und die Bedingungen sind hier sehr gut.»

Auch, dass er schon frühzeitig designiert wurde, sieht Matthias Schulz als grossen Vorteil. «Ich habe seit 2022 in der Vorbereitungszeit gesteckt, obwohl ich damals noch in Berlin war. Alle fünf Wochen bin ich nach Zürich gekommen und hatte die Möglichkeit, hier richtig hineinzuwachsen, alles kennenzulernen und die erste Spielzeit 25/26 vorzubereiten.» Hat es in dieser Zeit auch etwas gegeben, das ihn überrascht hat? «Also, was ich als sehr positiv wahrgenommen habe, ist die unglaubliche Umsicht, die es beim Personal gibt, die einem von allen Seiten entgegenschlägt. Es freut mich aber auch immer wieder, wenn Mitarbeiter mal ganz ungefiltert sagen, was sie denken, oder auch mal ihrem Ärger Luft machen. Ich glaube, ich habe da Erfahrung, wie man mit solchen Konflikten umgeht.» Und er lacht dazu … Im Opernhaus gehe es um Spitzenleistungen, wo die Besten ihres Faches zusammenkommen und wo es auch mal Reibung brauche. «Da immer die richtige Atmosphäre herzustellen, das ist das Herausforderndste, aber auch das Schönste für den Leiter des Hauses.»

Buntes Gemisch

Hinzu kommt, dass in einem Betrieb wie dem Opernhaus, viele verschiedene Nationalitäten aufeinandertreffen. Ein bunteres Gemisch als in vielen anderen Betrieben. «Im Opernhaus arbeiten Menschen aus vierzig Nationen», sagt Schulz. «Es gibt auch rund fünfzig unterschiedliche Berufe. Das Opernhaus ist ein extrem heterogenes Gebilde. Oper wird von Menschen für Menschen gemacht. Das Wichtigste ist es, einen Weg zu finden, um die besten Leistungen von allen herauszubringen.»

Den Umgang gerade auch mit Künstlern und Künstlerinnen hat Matthias Schulz ziemlich früh gelernt. «Also ich habe 1997 schon für Alfred Brendel und Maurizio Pollini bei Klavierkonzerten die Noten geblättert … und habe Praktika bei den Salzburger Festspielen gemacht. Seither bin ich Teil dieser Welt und habe viele Künstler kennengelernt … plus Dirigenten!» Er fühle sich da manchmal schon fast als Veteran, meint der knapp 48-jährige Schulz lachend, da er einige schon vor dreissig Jahren kennengelernt habe. «Natürlich ist da ein wunderbares Netzwerk entstanden und viele, mit denen ich in Berlin gute Erfahrungen gemacht habe, sind in Zürich wieder zu sehen. Dann möchten wir aber auch, dass Zürich bewusst neue Leute kennenlernt, die künstlerisch herausfordern: So werden wir mit der Performance-Künstlerin Vanessa Beecroft zusammenarbeiten oder mit der Installations- und Video-Künstlerin Mika Rottenberg, die das Bühnenbild für ‘Elisir d’Amore’ macht.»

Auch Philippe Jordan wird  nach Jahren in Paris und Wien wieder in seiner Heimat Zürich auftreten. «Wir sind intensiv im Gespräch. Ab nächster Spielzeit geht es los: Philippe Jordan wird bereits das Neujahrskonzert im Opernhaus am 1. und 2. Januar dirigieren.»

Quereinsteiger in Sachen Oper

Obwohl Schulz inzwischen nach der Staatsoper Berlin in Zürich schon sein zweites Opernhaus leitet, bezeichnet er sich in Sachen Oper «ein bisschen als Quereinsteiger …» und betont: «Für mich ist die Oper immer noch eine grosse Entdeckungsreise. Es ist wohl auch nicht falsch, sich eine gewisse Unbedarftheit zu bewahren und immer wieder kritisch auf den Opernbetrieb zu blicken. Aber ich muss sagen, ich habe ‘Tosca’, ‘Rigoletto’, ‘La Bohème’ oder ‘Carmen’ relativ spät kennengelernt, und jetzt kenn’ ich sie aus dem Effeff. Aber ich gehöre nicht zu jenen, die seit frühester Jugend in der Oper sassen. Ich war eher im Sinfoniekonzert, Klavierkonzert oder Kammerkonzert. Deshalb bin ich sozusagen ein Spätberufener in Sachen Oper!» Sagt’s … und muss selber ein bisschen darüber lachen. Aber eines ist klar: Auf diese Entdeckungsreise durch die Welt der Oper will er unbedingt das Publikum mitnehmen. 

Nachdem Schulz sich schon von Berlin aus intensiv auf den Zürcher Opernbetrieb vorbereitet hat, stellt sich die Frage, inwiefern sich seine Eindrücke von diesem Haus verändert haben, seit er tatsächlich hier ist. «Also … und das sage ich jetzt nicht nur aus Gefälligkeit: Meine eh’ schon gute Meinung vom Opernhaus Zürich ist inzwischen weiter gestiegen, weil ich es beeindruckend finde, wie das Personal auf Veränderungen reagiert. Weil es ein ‘Haus des Ermöglichens’ ist. Was auch immer irgendwie ermöglicht werden kann, wird ermöglicht. 

Jetzt stehen wir vor diesem grossen Umbau-Projekt, und dass da alle mit grosser Ruhe und Zuversicht weitermachen, dass sie alles Mögliche ausprobieren und sich freuen, wenn etwas funktioniert, auch diese Umsicht, die einfach da ist … das ist schon etwas sehr, sehr Besonderes. Ich habe auch einige neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mitgebracht, daraus ergab sich die richtige Mischung für neue Impulse. Weil aber auch viele Leistungsträger des Hauses geblieben sind, hat sich für mich jetzt so eine Art Dream-Team ergeben. Das macht mich schon sehr glücklich …»

Herausforderung Umbau

Ein gutes Team kann Matthias Schulz tatsächlich brauchen. Nicht nur auf der Bühne. Der grosse Umbau, während gleichzeitig der Opernbetrieb weitergeht, ist eine Herausforderung. Allerdings hat Schulz eine gewisse Erfahrung damit. Die Staatsoper in Berlin wurde über mehrere Jahre renoviert, die letzten zwei Jahre ist Matthias Schulz dann noch dazu gestossen. «Hier in Zürich habe ich auch die Möglichkeit mitzudenken, wie ein Kulturbau der Zukunft in Verbindung mit dem alten Haus etwas Grossartiges für die Stadt werden kann.» Also ist Schulz sozusagen mit seinen einschlägigen Erfahrungen auch ein Glücksfall für Zürich. «Bei der Findungskommission hat das wohl auch eine gewisse Rolle gespielt», sagt Schulz zu seiner Ernennung. 

Neben all’ diesen Aufgaben als Intendant ist Schulz auch Pianist. Auch in Zürich? «Zur Saisoneröffnung bin ich mit Elina Garanča schon im Opernhaus aufgetreten. Ich liebe es, Sänger auf dem Klavier zu begleiten, das werde ich auch regelmässig machen, um immer ein bisschen in Übung zu bleiben. Das lehrt einen auch Demut, also zu wissen, was es heisst, unter höchstem Druck auf die Bühne zu gehen. Damit hat man doch ein anderes Verständnis für die künstlerische Leistung und es gibt mir die Möglichkeit, noch besser zu wissen, was Künstler auf der Bühne brauchen.» Dass das Opernhaus Zürich unter Sängerinnen und Sängern auch wegen seiner Akustik einen guten Ruf hat, kommt Schulz natürlich entgegen. «Ja, Sängerinnen und Sänger lieben es, hier zu sein.  Viele kommen auf uns zu und wollen Teil dieser Opern-Familie sein. Das macht uns natürlich auch stolz.»

Tagesaktuelles auch als Oper

Im Gegensatz zum Schauspiel läuft Oper in Zürich hervorragend. Woran liegt das? Was macht Oper besser? «Oper ist vielleicht weniger verknüpft mit dem Tagesgeschehen», sagt Schulz. «Oper ist internationaler. Und Oper hat die universelle Sprache der Musik. Deshalb sind die Voraussetzungen unterschiedlich. Ich glaube, wir haben einen funktionierenden Kern mit Verdi, Wagner, Strauss und Mozart, der immer wieder neu beleuchtet wird. Und wenn dieser Kern funktioniert, kann man sich auch Ausflüge ins Experimentelle leisten oder auch etwas Besonderes zeigen, wie ‘Cardillac’ von Paul Hindemith oder Zeitgenössisches. ‘Monsters in Paradise’ war ständig ausverkauft, und das hätte ich – ehrlich gesagt – auch nicht für möglich gehalten. Aber das war ein Momentum … da wurde wirklich Tagesaktuelles auf die Bühne gebracht.» Und dass man sich über die Anspielung auf Trump durchaus krummlachen konnte, kam beim Publikum gut an.

Er selbst gehe gern ins Schauspiel, sagt Schulz. «Wir brauchen Live-Kunstformen in allen Varianten. Das ist in Zeiten, in denen wir nur noch mit Bildschirmen zu tun haben, noch wichtiger. Das Theater muss einen Weg finden, Geschichten gut zu erzählen, ohne belehrend zu werden, und es muss auf gute Weise provozieren. Aber da spreche ich jetzt nicht nur über Theater in Zürich …!»

«Ich sage gern: Oper ist von allem zu viel: sie bringt alle Kunstformen irgendwie zusammen und eins kann man in der Oper garantieren: dass man sich eigentlich selten langweilt …» Und er kommt gleich ins Schwärmen: «Die Schwingungen der Stimmen und Instrumente körperlich zu spüren … ich glaube, so etwas an einem Begegnungsort gemeinsam mit anderen Menschen zu erleben und danach im besten Sinne darüber zu diskutieren … darin liegt auch eine grosse Zukunftskraft. Und die Oper, die nun mal alle Elemente zusammenführt, entwickelt diese besondere Kraft im Überfluss. Das enthebt einen vom Alltag, weil man sich mal drei Stunden wie in einen Schutzraum begibt und mal alles vergessen kann. Du kannst in etwas anderes hineintauchen und dich in andere Schicksale versetzen. Ich bin überzeugt, dass dadurch auch die Empathie gefördert werden kann. Und in all’ diesen Dingen liegt die Kraft der Oper!»

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