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Sudetendeutscher Tag

Stochern in alten Wunden

25. Mai 2026 , Prag
Rudolf Hermann
Rudolf Hermann
Brno
Brno (Tschechien): Sudetendeutscher Tag (Keystone/EPA/Martin Divisek)

Vor drei Jahrzehnten wäre so etwas undenkbar gewesen: das traditionelle Pfingsttreffen der Sudetendeutschen Landsmannschaft auf tschechischem Boden abzuhalten. Dass es 2026 in Brno (Brünn) stattfinden konnte, ist ein grandioser Erfolg des tschechisch-deutschen Versöhnungsprozesses. Doch nicht alle sehen das so; für politischen Gewinn stochern auch heute noch einige gern in alten Wunden. 

Die Sudetendeutsche Landsmannschaft ist die Vereinigung der deutschen Heimatvertriebenen aus dem Sudetenland, einem Streifen, der entlang der tschechischen Nordgrenze zu Schlesien und Sachsen, der Westgrenze zu Bayern und der Südgrenze zu Österreich verläuft. Es ist ein Gebiet, das historisch für lange Zeit gemischt von einer Bevölkerung böhmischer, mährischer und deutscher Herkunft bewohnt wurde. In grösserem Ausmass problematisch wurde dies erst mit dem Aufkommen des nationalstaatlichen Gedankens, zunächst in der Endphase der Donau-Doppelmonarchie sowie, nach deren Zerfall, im Verlauf des 20. Jahrhunderts nach dem Ersten Weltkrieg. 

Die ohne Zweifel dunkelsten Kapitel des deutsch-tschechischen Zusammenlebens auf diesem Gebiet sind einerseits die Eingliederung des Sudetenlandes «heim ins Reich» im Zuge des Münchner Abkommens von 1938 und die nachfolgende Zerschlagung der Tschechoslowakei durch Hitlerdeutschland, andrerseits die Vertreibung der deutschen Minderheit nach der Niederlage Nazideutschlands und der Wiederherstellung der Tschechoslowakei in ihren ursprünglichen Grenzen nach 1945. Sowohl auf deutscher als auch tschechischer Seite bestand lange eine starke Tendenz, das für die jeweilige Seite traumatische Ereignis isoliert und nicht in der langen Kette von Ursache und Wirkung zu betrachten, erlittenes Unrecht herauszuheben und umgekehrt selbst begangenes Unrecht zu verleugnen oder zu verharmlosen. 

Eine komplizierte Vergangenheit 

Die historische Rückblende ist nötig, um die beidseitige Leistung zu verstehen, die ermöglichte, dass der traditionell zu Pfingsten begangene Sudetendeutsche Tag erstmals auf tschechischem Boden abgehalten werden konnte – auf Einladung von «Meeting Brno» einer tschechischen Organisation, die Festivals zur Völkerverständigung veranstaltet. Dieses Jahr stellte man sich die Frage, was Heimat sei und bedeute, auch in Anspielung auf die Worte der tschechischen Nationalhymne. 

In kaum einem anderen Bereich ist der europäische Einigungs- und Versöhnungsprozess zuerst nach dem Zweiten Weltkrieg und dann seit dem Fall des Eisernen Vorhangs so klar ersichtlich wie bei den tschechisch-deutschen Beziehungen. Dabei verlief die Auseinandersetzung mit den historischen Ereignissen und Entwicklungen zunächst über Jahrzehnte in festgefahrenen Bahnen und war darauf ausgerichtet, den eigenen Opferstatus zu zementieren. Es brauchte die Wende von 1989 und, auf tschechischer Seite, einen Politiker vom Renommee und Format eines Vaclav Havel, um das Muster aufzubrechen. In der Diskussion um die politischen Entscheidungen zur Enteignung und Vertreibung der damaligen deutschen Minderheit in der Tschechoslowakei (die sogenannten Benes-Dekrete) blieb aus Prager Sicht jedoch das Gespenst deutscher Restitutionsforderungen lange präsent. 

Es müsste heute auf Grund zahlreicher Verträge und Vereinbarungen sowie der allgemeinen Richtung des europäischen Integrationsprozesses eigentlich längst verscheucht sein. Doch entschlossen sich im Vorfeld des Sudetendeutschen Tags nun einige tschechische Politiker von den extremen Rändern des Parteienspektrums, es wieder hervorzuholen. 

Kleinkrämer statt Staatsmann 

Entsprechende Äusserungen kamen sowohl aus den zwei rechtsnationalistischen Parteien, die Juniorpartner in der Regierungskoalition unter der Führung von Ministerpräsident Andrej Babis sind, als auch dem exkommunistischen Umfeld. Das erstaunt ebenso wenig wie die Tonlage, es handle sich beim Sudetendeutschen Tag auf tschechischem Boden um eine «politische Provokation».

Ein Politologe und früherer Vizeaussenminister erklärte in einem Gespräch mit dem tschechischen Rundfunk, zwar habe die Sudetendeutsche Landsmannschaft materielle Forderungen aus ihren Statuten gestrichen. Doch das Postulat einer Annullierung der Benes-Dekrete und eines «Rechts auf Heimat» finde sich dort immer noch. Es könne also beim Verzicht auf Entschädigungen um einen taktischen Schritt gehen, und die Forderung könne zurückkehren, wenn das politische Umfeld als günstig dafür eingeschätzt werde. Zwar habe das diesjährige Pfingsttreffen der Sudetendeutschen Landsmannschaft durchaus den Charakter einer kulturellen Annäherung. Doch dürfe man nicht vergessen, dass die Landsmannschaft kein Kulturverein, sondern eine Körperschaft mit politischer Agenda sei. 

Die Wortmeldungen aus rechts- und linksnationalen Kreisen waren keine Überraschung. Bedenklicher ist indes, wie Ministerpräsident Babis damit umging. Einmal mehr liess er sich von seinen Koalitions-Juniorpartnern die Agenda diktieren aus Angst, seinen parlamentarischen Rückhalt zu verlieren. Die Regierungsparteien verabschiedeten im Parlament eine nichtbindende Erklärung, sie seien mit der Abhaltung der Veranstaltung der Sudetendeutschen in Tschechien «nicht einverstanden» und man fordere einen Verzicht. Die Opposition blieb den parlamentarischen Beratungen aus Protest fern.

Brno
Brno am Pfingstsonntag: Protest gegen den Sudetendeutschen Tag (Keystone/EPA/Martin Divisek)

Rein mit Blick auf die innenpolitische Gefühlslage mochten sich die Koalitionsparteien von ihrem Vorgehen einen Bonus erhoffen. In einer soziologischen Erhebung von Mitte Mai stiess die Veranstaltung des Pfingsttreffens in Tschechien tatsächlich bei 57 Prozent der Befragten auf Ablehnung. Dabei zeigte sich ein klarer Graben zwischen den Generationen: Dagegen waren primär die Älteren. Bei ihnen haben die früheren Narrative offensichtlich tiefere Spuren hinterlassen. 

Babis wird bisweilen nachgesagt, er habe die Ambition, als Staatsmann wahrgenommen zu werden, gerade im Ausland. Er hätte hier die Chance gehabt, die Dimension des Ereignisses zu erkennen. Doch hat er sich einmal mehr als politischer Kleinkrämer gezeigt. 

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