In Italien kochen nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana die Emotionen hoch. Politik und Medien führen eine regelrechte Kampagne gegen die mutmasslich Verantwortlichen – und gegen die Schweizer Justiz. Auf der Titelseite der römischen Tageszeitung «La Repubblica» ist zu lesen: «Was muss ein Vater noch ertragen?»
Auslöser der Empörung ist die Freilassung von Jacques Moretti, Betreiber der Unglücksbar, gegen Kaution. In einem Interview mit «La Repubblica» äussert sich Andrea Costanzo, der Vater der 16-jährigen Chiara, die bei der Katastrophe ums Leben kam, tief erschüttert. «Ich muss meine Wut und meinen Schmerz zügeln», sagt er. Die Entscheidung, Moretti freizulassen, sei «inakzeptabel». Sie mache ihn «fassungslos, bestürzt und niedergeschlagen». Er sei empört.
Mit scharfen Worten kritisiert Costanzo die Ermittlungsbehörden: «Es wurde Zeit verschwendet. Jetzt will ich endlich die Wahrheit – für meine Tochter und für die anderen Opfer.» Drei Wochen nach der Katastrophe lebten die mutmasslich Verantwortlichen weiter «ihr schönes Leben». Das sei ein Skandal. Er selbst könne keine Zeitungen mehr lesen und keine Fernsehsendungen über das «Massaker» sehen: «Ich schaffe es nicht. Es blockiert mich, es tut zu weh.»
«Ganz Italien schreit nach Wahrheit»
Costanzo ist nicht der Einzige, der das Vorgehen der Schweizer Behörden anprangert. Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und Aussenminister Antonio Tajani haben ihre «tiefe Empörung» über die Walliser Justiz öffentlich gemacht. Trotz der «extremen Schwere der Straftat», der Moretti verdächtigt werde, und trotz «anhaltender Fluchtgefahr» habe das Zwangsmassnahmengericht seine Freilassung gegen Kaution beschlossen, kritisiert Meloni. Dieser Entscheid sei «eine schwere Beleidigung für die Familien der Opfer und für jene, die noch immer im Spital liegen». «Ganz Italien schreit nach Wahrheit und Gerechtigkeit», so die Regierungschefin.
Auch Aussenminister Tajani spricht von einer Entscheidung, die «die Gefühle der Italiener verletzt». Die Verzögerungen bei den Ermittlungen seien «absurd». «Was geschehen ist, ist inakzeptabel – ebenso die Langsamkeit, mit der die Schweizer Justiz vorgeht.»
«Hinter Vorhängen versteckt»
Besonders intensiv diskutiert wird in Italien die Kaution von 200’000 Franken, die Moretti für seine Freilassung hinterlegen musste. Tajani fordert Aufklärung darüber, wer diesen Betrag bezahlt habe, und verweist auf einen angeblichen «Freund» des Ehepaars Moretti. Bereits kurz nach der Katastrophe war in italienischen Medien spekuliert worden, ob die Morettis, die ihre Liegenschaften ohne Hypotheken finanziert hätten, Verbindungen zu mafiösen Kreisen unterhalten. Laut Medienberichten soll es sich bei dem anonymen Zahler um einen «Millionär aus Genf» handeln. Um ihrem Unmut Nachdruck zu verleihen, hat die italienische Regierung ihren Botschafter in der Schweiz zu Konsultationen nach Rom zurückbeordert.
Seit dem Brand vom 1. Januar wird Crans-Montana von Dutzenden italienischen Journalistinnen und Journalisten belagert. La Repubblica berichtete am Sonntag, die Morettis hätten sich nach ihrer Freilassung im ersten Stock ihres Chalets «verbarrikadiert» und seien «fast unsichtbar». Sie würden schweigen und sich «hinter Vorhängen verstecken». Ein Fahrzeug der Kantonspolizei überwache die Zufahrt zum Haus. Dorfbewohner, die Moretti angeblich seit Jahren kannten, würden nun plötzlich erklären, sie hätten «nie etwas mit ihm zu tun gehabt».
Nicht der erste Brand?
Dass Jacques und Jessica Moretti wieder zusammen seien, biete ihnen laut La Repubblica die Möglichkeit, «Aussagen abzustimmen, Beweise zu manipulieren und Druck auf Angestellte und Zeugen auszuüben».
Italienische Medien zitieren zudem den Anwalt Sébastien Fanti, der nach eigenen Angaben über hundert E-Mails von Zeugen und Überlebenden gesammelt hat. Demnach soll es bereits 2024 in der Bar «Le Constellation» zu einem Brand in der Zwischendecke gekommen sein, ausgelöst durch «funkelnde Kerzen». Sollte sich dies bestätigen, könnten die Morettis nicht mehr geltend machen, sich der Gefahr nicht bewusst gewesen zu sein.
«Im Königreich Wallis deckt jeder jeden»
Mit Spott reagieren italienische Journalisten auch auf Aussagen der Walliser Staatsanwältin Beatrice Pilloud. Sie hatte betont, nicht sie habe Moretti freigelassen, sondern das Zwangsmassnahmengericht. Ein Kommentator schrieb, Pilloud benehme sich «wie ein kleines Mädchen»: «Nicht ich bin die Böse, sondern die anderen.»
In Rom wird mit Erstaunen verfolgt, wie die Schweiz mit der Katastrophe umgeht. In Medien und sozialen Netzwerken kursieren Aussagen wie: «Die Schweiz ist unfähig, Verbrechen aufzuklären», «Im Königreich Wallis deckt jeder jeden» oder «So etwas passiert sonst nur in der Dritten Welt». Auch hämische Kommentare finden Verbreitung: «Eine Regierung mit Donald Duck an der Spitze würde es besser machen.» Oder: «Ist die Schweiz noch ein zivilisiertes Land?»
Verständnis für die Freilassung
Bundespräsident Guy Parmelin verweist auf die Gewaltentrennung. Man könne die Empörung verstehen, sagte er in Interviews. In der Schweiz sei jedoch klar geregelt, dass die Aufarbeitung solcher Ereignisse Sache der Justiz und nicht der Politik sei. «Das muss respektiert werden.» Aussenminister Ignazio Cassis telefonierte mit seinem italienischen Amtskollegen Tajani und versuchte, die Diskussion zu versachlichen.
Nicht alle Beobachter bezeichnen die Freilassung Morettis als Skandal. Der Zürcher Strafrechtsprofessor und Ständerat Daniel Jositsch spricht im «Tages-Anzeiger» von «sehr populistischen» Äusserungen der italienischen Regierung und zeigt Verständnis für die Freilassung Morettis. Zwar handle es sich um einen Vorfall mit gravierenden Folgen, rechtlich gehe es jedoch um fahrlässige Tötung – ein Delikt mittlerer Schwere. Forderungen nach Ermittlungen wegen vorsätzlicher oder eventualvorsätzlicher Tötung bezeichnet Jositsch als «Unsinn». Ein solcher Vorwurf setze voraus, dass der Täter den Eintritt der Katastrophe bewusst in Kauf genommen habe – was kaum vorstellbar sei. Es sei richtig, dass die Schweizer Justiz nicht auf öffentlichen Druck hin Menschen inhaftiere, sondern rechtsstaatlich vorgehe.
Eine Steilvorlage für die italienische Kritik
Und dennoch: Die Empörung in Italien ist teilweise nachvollziehbar. Das Vorgehen der Walliser Behörden wirkt in vielerlei Hinsicht unprofessionell. Die Staatsanwaltschaft agierte von Beginn an zögerlich und widersprüchlich. Immer neue Pannen kommen ans Licht: Moretti löschte nach dem Brand Videos der Decke der Bar und vernichtete damit potenziell Beweismaterial. Durchsuchungen erfolgten verspätet, Mobiltelefone wurden zunächst nicht beschlagnahmt. Erst hiess es, es bestehe keine Fluchtgefahr, später wurde Moretti doch festgenommen. Dokumente von Gemeinde und Kanton werden nur schleppend herausgegeben. Verantwortliche für den Brandschutz sind auch drei Wochen nach der Katastrophe noch nicht einvernommen worden.
Mit diesem Vorgehen liefern die Walliser Behörden der italienischen Politik und den Medien eine Steilvorlage. Immer wieder berichten italienische Journalistinnen und Journalisten von «sehr seltsamen Vorgängen». Die Folge ist, dass die Walliser Justiz und die Walliser Behörden immer mehr von der italienischen Presse vor sich hergetrieben werden.
Angekratzter Musterstaat
Doch auch in Italien gibt es kritische Stimmen. In Leserbriefen heisst es: «Die Schweiz ist immerhin ein Rechtsstaat – ist Italien das immer?» Oder: «Wir sollten zuerst vor der eigenen Tür kehren.» Ein Kommentator spricht von italienischer Doppelmoral und verweist auf zahlreiche Todesfälle am Arbeitsplatz im eigenen Land sowie auf die Unabhängigkeit der Justiz von der Politik.
Die Heftigkeit der Reaktionen erklärt sich auch aus dem Bild, das viele Italiener von der Schweiz haben: ein Musterstaat, wohlhabend, geordnet, mit funktionierenden Institutionen und einer vorbildlichen Justiz. Nun zeigt sich ein anderes Bild – überforderte Behörden, Verzögerungen, Unklarheiten. Häme und Schadenfreude mischen sich in die Kritik. Die Schweiz ist also doch nicht das, mit dem sie immer prahlt … Plötzlich spricht man nicht über die teils marode, korrupte italienische Justiz, sondern über die Unzulänglichkeiten in der Schweiz.
A propos Verschleppung von Untersuchungen: Nach dem Einsturz der Morandi-Brücke in Genua am 14. August 2018, bei dem 43 Menschen starben, wurden zwar Anklagen gegen 59 Manager und Fachleute erhoben. Doch auch sieben Jahre später liegt noch immer kein Urteil vor.