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Opernhaus Zürich

Magic Moment

6. Mai 2026
Annette Freitag
Lea Desandre
Ob Barock oder Oper: Lea Desandre brilliert in beidem Foto © Julien Benhamou

Opernabende können einen den Alltag vergessen lassen und in Sphären entführen, von denen man noch tagelang schwärmt. Manchmal ist es sogar mehr als das. – Und dann ist da dieser Moment, dieser «magic moment»: noch einmal tief Luft holen, Herz und Ohren öffnen und sich einfach hingeben….

Dieser magische Moment findet gerade im Opernhaus Zürich statt, wenn die französische Mezzosopranistin Lea Desandre in Mozarts «La Clemenza di Tito» zu dieser einzigartigen Arie ansetzt:  «Parto, parto, ma tu ben mio…». Begleitet wird sie dabei von einer Solo-Klarinette – und im Publikum herrscht atemlose Stille…. bis explosionsartig Applaus losbricht….  Es ist, als hätte Mozart diese Arie nur für Lea Desandre komponiert, so ergreifend, wie sie diesen Abschied mit ihrer Stimme verklärt. «Ja, das ist magisch», sagt sie am Tag nach der Premiere und strahlt. Auch für sie selbst war es ein besonderes Erlebnis, zumal die Rolle des Sesto für sie neu ist. Und dieser Dialog mit der Klarinette sei eine musikalische Chance, die man kaum je in einem anderen Stück habe, sagt sie.

 Neue Etappe

Zuvor hat sie bereits in anderen «Clemenza di Tito»-Aufführungen mitgewirkt, und zwar als Annio, ebenfalls eine Hosenrolle. Dann hat Matthias Schulz, der Intendant des Zürcher Opernhauses, ihr den Sesto angeboten.  «Und ich dachte, na, mal sehen, wie dieser Sesto mit meiner Stimme harmoniert. Bin ich überhaupt die Richtige, den Sesto zu singen?» Lea Desandre machte sich so ihre Gedanken. «Kurz vorher hatte ich - ebenfalls zum ersten Mal – in Monte Carlo die Mélisande in ‘Pelléas et Mélisande’ gesungen. Das ist französische Musik, also etwas ganz anderes, aber dieses Debut hat mir für den Sesto Mut gemacht. So ist das Rollenangebot genau zum richtigen Zeitpunkt gekommen. Es ist ein bisschen, wie damals, 2021, als ich zum ersten Mal den Cherubino in ‘Nozze di Figaro’ gesungen habe: Der Beginn einer neuen Etappe. Ich höre beim Sesto manches, das ich noch besser machen könnte. Aber für ein erstes Mal ist es eine schöne Weiterentwicklung». Und als Zuschauer darf man sagen: es war sensationell.

Sest
Lea Desandre als «Sesto» in Mozarts «Clemenza di Tito» Foto © Toni Suter

Das letzte Mal begeisterte Lea Desandre das Zürcher Publikum vor einem Jahr. Damals turnte sie zusammen mit Jakub Orlinski durch die Inszenierung von Georg Friedrich Händels «Agrippina». Neben den gesanglichen Höchstleistungen glänzten die beiden auch in atemberaubend akrobatischen Leibesübungen. Lea Desandre lacht: «Jakub und ich, wir mögen uns sehr! Wir kommen beide vom Tanz her, auch wenn es unterschiedliche Tanzstile sind…wir ergänzen uns.» Lea Desandre hatte zunächst mit Ballett begonnen, Jakub Orlinski mit Breakdance. Und beide sind Stars gerade in der alten Musik geworden, insbesondere sogar bei einem jüngeren Publikum.

Ihr tänzerisches und akrobatisches Talent konnte Lea Desandre neben dem Gesang im vergangenen Jahr auch an den Salzburger Festspielen unter Beweis stellen. Im «Hotel Metamorphosis» mit Musik von Antonio Vivaldi, ging es hoch zu und her, gesanglich wie auch tänzerisch. Spektakulär, wie sie damals an der Seite von Cecilia Bartoli scheinbar mühelos über die Bühne turnte und gleichzeitig die schönsten Arien sang. Ahnte sie damals vor Probenbeginn, was sie in dieser Aufführung erwarten würde? «Ich wusste, dass ich körperlich gefordert sein würde, aber ich habe immerhin zwölf Jahre im Ballett getanzt. Es ist zwar auch schon zehn Jahre her, seit ich aufgehört habe. Ein bisschen was kann ich noch, aber die Muskeln sind inzwischen weg...» Das «bisschen», wie sie es nennt, ist allerdings noch immer von hoher Sportlichkeit. «Es war damals in Salzburg ein Monat der Selbstbeobachtung», sagt sie rückblickend. «Man kommt zu den Proben ins Theater, es gibt die Musik, die Bilder, den Tanz und die Figuren müssen erst einmal entwickelt werden. Und man geht aus dem Theater und ist gleich in der Natur, um nachzudenken und zu meditieren.»

Akustische Farben

Man kennt und liebt Lea Desandre bereits aus dem Bereich der Barockmusik. Und was ist es denn, das sie besonders daran fasziniert? «Die akustischen Farben! Die alten Instrumente klingen ganz anders als die modernen. Dann die Harmonie, auch die Freiheit, die Kreativität. Heute könnte man es mit der Jazzmusik vergleichen. Ich improvisiere gern mit Verzierungen auf der Bühne.»

Barock- und alte Musik sind seit einigen Jahren sehr populär geworden. Lea Desandre ist allerdings schon früh vom Barock-Virus befallen worden…. «Ich kann mich entsinnen, als ich noch ein Kind war, sind wir im Sommer mit Papa im Auto unterwegs gewesen, die Fenster offen, die Haare im Wind und im Radio lief eine Barock-Arie, fast so, als wäre es Rockmusik. Da sagte ich spontan: Papa, ich habe eine Idee: Ich werde später ein Nachtlokal eröffnen, aber nur mit Barockmusik!  Das swingt und man kann tanzen dazu!»

Aus dem Nachtlokal ist (noch) nichts geworden. Aber Lea Desandres Weg durch die Barockmusik verläuft höchst erfolgreich. 2022 wurde sie für ihre CD-Einspielung «Amazone» mit dem Opus-Musikpreis als «Sängerin des Jahres» ausgezeichnet. Zu hören ist natürlich Barockmusik. Was gefällt ihr denn an dieser Sparte Musik, verglichen mit Wagner, Richard Strauss etc.? «Es ist nicht so, dass es mir besser gefällt, es ist eher mein Lebensweg, der mich zur alten Musik geführt hat. Und natürlich die Entwicklung meiner Stimme. Strauss, Wagner…. Ich spreche kein Deutsch und ich brauche eine Affinität zur Sprache…so habe ich jetzt meine erste ‘Mélisande’ gesungen, und bereite mich auf ‘Cendrillon’ von Massenet vor und den ‘Barbier’ von Rossini. Das heisst nicht, dass ich mich anderem gegenüber verschliesse, aber meine Stimme passt einfach besser zu ‘Figaro’, ‘La Clemenza di Tito’ oder ‘Idomeneo’. In der nächsten Saison gibt es wieder Mozart und etwas weniger alte Musik, zumindest in Inszenierungen. Ich brauche verschiedene Musikstile und etwas mehr Freiheit beim Singen, denn die alte Musik erfordert ständige Kontrolle.» Aber zum Beispiel für die Arbeit an ‘Clemenza di Tito’ sei die Erfahrung mit alter Musik in Bezug auf Struktur und Farben sehr hilfreich gewesen, sagt sie. «Ich denke, das eine profitiert vom anderen und es ist gut, wenn man sich nicht zu sehr einschränkt.»

Rhythmischer Barock

Dass Barockmusik gerade heute und bei Jungen populär ist, versteht Lea Desandre gut. «Sie besitzt eine gewisse Modernität. Der Rhythmus ist sehr wichtig, der ‘basso ostinato’ ist ein rhythmisches Element, das man heute auch in der Pop-Musik kennt.» Vielleicht ist dies ein Grund, warum jüngere Musiker alte Musik so gut in die Gegenwart transportieren? «Ja, die Art wie man zum Beispiel Händel noch in den Sechziger- und Achtzigerjahren aufgeführt hat, ist völlig anders als heute. Unsere Generation ist aufgewachsen mit den Einspielungen der Pioniere, die diese Musik wiederentdeckt haben und wir sind aufgewachsen mit Pop, dieser sehr rhythmischen Musik. Und man hat die Freiheit, dass man sich bei der Interpretation etwas getraut und dass man die alte Musik wieder zum Leben erweckt.»

Und wie steht Lea Desandre der ganz neuen Musik gegenüber? «Sie fasziniert mich, macht mir aber auch Angst» sagt sie und lacht. «Ich kenne sie aber auch zu wenig», schränkt sie gleich ein. «Ich habe in der Pariser Oper ‘Satyagraha’ von Philipp Glass gehört. Das ist zeitgenössische Musik, aber harmonisch. Oder ‘Innocence’ von Kaia Saariaho».  Nächstes Jahr wird sie sich auch selbst zum ersten Mal mit zeitgenössischer Musik beschäftigen, sagt sie. Es handelt sich um ein Werk von Francesco Filide. «Es ist eine andere Musiksprache und ich arbeite gern mit einem zeitgenössischen Komponisten zusammen, da kann man das eine oder andere adaptieren. Ich bin wirklich gespannt! Mal sehen, wie weit man flexibel ist, sich gegenseitig anzupassen. Die Sorge ist nur, dass die Musik vielleicht zu ‘verkopft’ ist, Musik braucht Emotion, sonst verliert sie ihren Sinn.»

Genau! Und diese Emotion ist es ja auch, die Lea Desandre jetzt in «La clemenza di Tito» so unvergleichlich auf die Zürcher Bühne bringt mit ihrer Arie «Parto, parto, ma tu ben mio…», diesem Duett mit einer Klarinette, das einen ganzen Theatersaal in Atem hält. Und wie erlebt sie selbst auf der Bühne diesen magischen Moment? «Ah, in diesem Moment vergisst man sich selbst… das Publikum im Saal ist grossartig hier… es wird nicht gehustet und es ist ganz still. In diesem Moment atmen wir alle gleichzeitig, man ist wie in einer gemeinsamen Trance und auch wenn man seinen Sitznachbar nicht kennt, dieser Moment verbindet uns alle...» Magisch!

Opernhaus Zürich: «Clemenza di Tito»

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