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Zum Tod von Ted Turner

Der Mann, der das Fernsehen revolutionierte

6. Mai 2026
Heiner Hug
Ted Turner
CNN-Gründer Ted Turner im Jahr 2005 (Keystone/Ric Feld)

Seiner ersten Frau sagte er: «Ich bringe das Geld nach Hause, du tust, was ich sage.» Seiner zweiten Frau erklärte er: «Zuerst kommt das Geschäft, dann kommt das Segelboot, dann kommst du.» Der Mann, der später Jane Fonda heiratete, war ein widerwärtiger, manisch-depressiver Wüstling. Und er war genial, revolutionierte das Fernsehen und eröffnete ein neues Informationszeitalter.

Er war ein Träumer, ein Aussenseiter, jähzornig, liebenswürdig, zäh. Manchmal ballerte er mit der Pistole aus dem Fenster, rief faschistische, rassistische und frauenverachtende Schlachtrufe. «Praktisch jede First-Class-Hure von Atlanta kannte ihn, und zwar sehr gut», schrieb sein Biograf Porter Bibb. Ein Moderator sagte ihm in einem New Yorker Fernsehstudio: «Sie sind ein greller, prahlerischer und manchmal betrunkener Playboy-Typ.»

Ted Turner
Ted Turner im Gespräch mit Journalisten, 1977 (Keystone/AP/R.C. Greenawalt)

Sein Vater, ein grosser Werbemann in Atlanta, pfiff an einem schönen Märzmorgen im Jahr 1963 ein Liedchen, ging ins Badezimmer und erschoss sich. Auch Ted Turner litt an Depressionen und sprach immer wieder von Selbstmord.

«Ted ist total übergeschnappt»

Doch das ist nur die eine Seite des Mannes, der die Fernsehbranche auf den Kopf stellte und Milliarden verdiente. Ted Turner war einer der gerissensten Geschäftsleute im Süden der USA. Nach dem Tod seines Vaters übernahm er dessen Plakatfirma und verdiente mehr Geld als der amerikanische Präsident. Oft arbeitete er 18 Stunden pro Tag und soff sich dann in Trance.

Dann stieg er ins Radio- und Fernsehgeschäft ein. «Ted ist total übergeschnappt», fürchteten seine Freunde. Turner hörte nicht auf sie. In Charlotte, North Carolina, erwarb er einen bankrotten Sender. «Wir kauften die schlechteste Radiostation im Land – und das zu einem überhöhten Preis», sagte ein Kollege. Nicht genug. In Atlanta übernahm er den Fernsehsender Kanal 17, WJRJ, einen farblosen UHF-Sender.

Erstes Kabelnetwork der Geschichte

Er war einer der grössten Segler. Mit einem knallroten Ferrari flitzte er von Regatta zu Regatta. 1973 wurde er zum «Segler des Jahres» ernannt, dann gewann er den America’s Cup. «Segeln ist wie vögeln», sagte er. «Man hat nie genug davon.» Turner sei «der grösste Schreihals auf dem Wasser» gewesen, erzählt ein Freund. Immer befand er sich in Begleitung schöner langbeiniger Blondinen. Und so nebenbei kaufte er die «Atlanta Braves», ein Baseball-Team, den grössten professionellen Sportverein im Süden.

Um seinen darbenden Sendern neues Leben einzuhauchen, kämpfte er wie ein Löwe für die Verkabelung der Haushalte. So machte er aus dem ruinösen Kanal 17 eine Goldgrube: Superstation. Damit schuf er das erste Kabelnetwork der Fernsehgeschichte. Es war die Zeit, als die ersten Kommunikationssatelliten ins All geschossen wurden. «Satcom II» öffnete Ted Turner den Himmel, wie sein Biograf Porter Bipp schrieb. Nachrichten galten als Verlustgeschäft, Ted Turner sah in ihnen die Chance seines Lebens. Zusammen mit Reese Schonfeld, einem begnadeten Nachrichtenjunkie, schuf er CNN, Cable News Network. Die Konkurrenz verspottete den Sender als «Chicken News Network». Das detaillierte Konzept stammte von Schonfeld.

Ted Turner
Ted Turner nach dem Sendestart (Foto: AP)

Alles «real time»

Die Maxime hiess: Wir berichten nicht über das, was geschehen ist, sondern über das, was im Begriffe ist zu geschehen. Also: Kriege in «real time». Live-Einspielungen ohne Ende. Schonfeld sagte: «Wir wollen die Nachrichten zuerst haben und über den Sender bringen, während sie sich ereignen. Wir werden die Einzigen auf der Welt sein, die das können».

In Atlanta suchte man einen Ort, von wo aus man senden konnte. Abbruchreife Hotels wurden inspiziert. Schliesslich baute man ein provisorisches Studio, in dem für die Zuschauerinnen und Zuschauer alles zu sehen war: Kameras, Kabel, Prompter, Regisseure, Moderatoren. Die Zuschauer sollten mitsehen und mitfühlen können, wie Nachrichten vermittelt werden.

Im «Stadium fortgeschrittenen Irrsinns»

Dem Sendebeginn am 1. Juni 1980 gingen chaotische Tage voraus. Ted Turner befand sich im «Stadium fortgeschrittenen Irrsinns», sagte Dan Schorr, einer der ersten landesbekannten Starreporter, den CNN gewinnen konnte. Dumm: Beim Bau der CNN-Zentrale dachte man nicht an die Toiletten. Eiligst wurden hinter dem Haus Mobiltoiletten eingerichtet.

CNN war für Ted Turner ein Projekt, das für die Ewigkeit gedacht war. «Wir werden erst abschalten, wenn die Welt untergeht», sagte er. «Und in diesem Fall werden wir live darüber berichten.»

«Adrenalinsüchtig»

Schnell wurden junge Leute engagiert. Studenten wurden in Schnellbleichekursen zu «Veejays», zu Videojournalisten, ausgebildet. «Die Mädchen waren hübsch, die Jungen stattlich», erzählte der Grafikchef. «Alle waren wie wir auch adrenalinsüchtig. Die Jungen haben 14, 16 Stunden gearbeitet, dann sind sie in eines der Motels gezogen, haben die ganze Nacht getrunken, gekifft und gevögelt.» Die Topstory des ersten Tages war der Besuch von Präsident Jimmy Carter am Krankenbett von Vernon Jordan, dem Schwarzenführer, der niedergeschossen worden war.

Pannen gab es schon früh: Als Nicaraguas General Somoza erschossen wurde, stellte die Redaktion sofort eine Telefonverbindung mit einer Mitarbeiterin in Managua her. Die Linie wurde sofort freigeschaltet. Dumm nur: Die Mitarbeiterin lag noch im Bett und wusste von nichts.

Manisch-depressive bipolare Persönlichkeit

Ted Turner umschwärmte die schönen Frauen und stellte sie an, manchmal auf Kosten langjähriger, professioneller Mitarbeiter. So ersetzte Liz Wickersham, eine Playboy-Blondine, Dan Schorr, einen der besten Reporter und Moderatoren. In einem Interview forderte Turner «jede Menge Sex für alle. Das ist die Lösung der Weltprobleme».

Dann lernte er Jeanette Edbaugh kennen, genannt JJ. Sie schickte ihn zum Psychiater. Der stellte bei Turner eine klassisch manisch-depressive bipolare Persönlichkeit fest und verschrieb ihm Lithiumsalze, «ein hervorragendes Medikament gegen manische Depressionen». Und es half, zumindest eine Zeit lang.

Der «glaubwürdigste Fernsehsender»

CNN wurde immer besser, immer professioneller. Die Berichterstattung über den Aufstand auf dem Tiananmenplatz verblüffte die Medienprofis. «CNN hat national und international eine grossartige Leistung gezeigt», erklärte der Konkurrent CBS. Eine Times-Umfrage ergab, dass CNN der «glaubwürdigste Fernsehsender» ist. 

Für viele Staatsoberhäupter wurde er zum Pflichtprogramm, auch für Margaret Thatcher, auch für den saudischen König. Überall wurde CNN aufgeschaltet, in Ministerien und Botschaften rund um die Welt, in Hotelzimmern und Redaktionen.

«Hanoi-Jane»

Jane Fonda, die rundum geliftete Schöne, gehörte zu den unbeliebtesten Frauen Amerikas, vor allem wegen ihres antiamerikanischen Engagements im Vietnamkrieg. Nach ihrer Reise nach Hanoi wurde sie als «Hanoi-Jane» verunglimpft. Mit ihrem Aerobic-Fitnessstudio gewann sie Millionen.

Turner überhäufte sie mit Geschenken. Und sie machte aus ihm einen anderen Menschen. Fertig mit frauenverachtenden, reaktionären Sprüchen. Er trank nur noch wenig, rauchte nicht mehr und speckte acht Kilo ab. Ihre Hochzeit wurde zu einem Fernsehspektakel – gecovert von CNN.

Jane Fonda, Ted Turner
Jane Fonda, Ted Turner am 6. November 1990 in Los Angeles (Keystone/AP/Reed Saxon)

Den Krieg, live erleben

Und nun begann die ganz grosse Stunde von CNN. Am 2. August 1990 griff eine von den USA angeführte Koalition Saddam Husseins Irak an. Für CNN berichteten die ganz grossen Stars: Peter Arnett, Bernard Shaw und John Holliman. Bevor die Bombardierung Bagdads begann, zogen sich alle Fernsehstationen und fast alle Zeitungsjournalisten zurück. CNN blieb, obwohl sie von Präsident Bush aufgefordert wurden, die Stadt zu verlassen. 

Und jetzt erlebte die Welt die erste grosse Live-Berichterstattung über einen grossen Krieg. Im Hintergrund schlugen Bomben ein und im Vordergrund stand Peter Arnett und berichtete. Dick Cheney, der damalige Verteidigungsminister, schwärmte von CNN. Die besten Berichte kamen vom Chicken News Network. CNN war allen überlegen. Robert Wiener, ein CBS-Militäranalytiker, sagte später: «CBS hat während des Krieges CNN geschaut.»

Der Büffel-Züchter

Zehn Jahre war Turner mit Jane Fonda verheiratet, dann trennten sie sich in Minne. Er selbst, alt geworden, kaufte eine Ranch in Montana und züchtete Rinder. Er beklagte die Umweltverschmutzung und die «Verbrechen an der Natur». «Ich war ein leidenschaftlicher Nationalist, jetzt bin ich ein passionierter Internationalist.» 

Er werde nicht ruhen, bis alle Probleme der Welt gelöst seien, sagte er zynisch. Aber er habe keinen Zweifel daran, dass die Probleme ihn überleben. Turner unterstützte mehrere gemeinnützige Organisationen, unter anderem mit einer Milliarde Dollar die «United Nations Foundation». Er plädierte immer wieder für eine Ein-Kind-Familien-Politik, da er der Ansicht war, dass viele Probleme der Welt ihre Ursache in der Überbevölkerung haben. 

Internationale Referenz

CNN gehört heute der Firma Warner Brothers Discovery. Der Sender, der von Donald Trump als «linker Schurkensender» bezeichnet wird, hat Publikum verloren, gehört aber immer noch zu den weltweit meist zitierten Newsportalen. Noch immer ist CNN eine internationale Referenz, beschäfitgt Stars wie Christiane Amanpour und bietet eine teils grossartige Berichterstattung. Fast jeder Politiker, heisst es in Washington, buhlt darum, von CNN interviewt zu werden.

Turner, King, Johnson
Ted Turner und CNN-Chairman Tom Johnson mit dem legendären Talkmaster Larry King, der bei CNN pro Jahr 7 Millionen Dollar verdiente. (Foto: Keystone/AP/CNN)

Ted Turner, der Fernseh-Revolutionär, der die behäbige Medienbrachne durchschüttelte und aufmische, starb am Dienstag, 6. Mai, mit 87 Jahren. Seine Bewunderer vergleichen seine Leistung gar mit der Erfingung des Buchdrucks. 

Ein Journalist hatte ihn einmal gefragt: Was würden sie einem Attentäter sagen, der auf sie zukäme, um sie zu erschiessen?» 

Antwort: «Ich würde ihm sagen: ‹Danke, dass sie nicht früher gekommen sind›.»


Quellen: Porter Bibb. «It Ain't as Easy as it Looks», CNNN, New York Times, Washington Post

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