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Iran

Die Revolutionsgarden festigen ihre Position unter Mojtaba Khamenei

11. August 2026
Reinhard Schulze
Mohsen Rezaei
Mohsen Rezaei, Mojtaba Khameneis Vertreter im Obersten nationalen Sicherheitsrat (Foto: ISNA)

Die jüngsten Personalentscheidungen an der Spitze der iranischen Machtpyramide lassen wenig Raum für Zweifel an der Richtung, in die sich das Regime nach dem Tod Ali Khameneis bewegt. 

Seit dem 28. Februar 2026, dem Tag der US-israelischen Schläge, die den damaligen Obersten Führer und mehrere Top-Kommandeure töteten, operierte die Führung monatelang mit provisorischen Strukturen. Nun, im August 2026, formalisiert Mojtaba Khamenei als neuer Oberster Führer (seit März) die Kriegsordnung und demonstriert zugleich Autorität. Die Botschaft ist klar: Die Revolutionsgarden (IRGC) bauen ihre faktische Dominanz aus, während zivile Reformansätze weiter an Boden verlieren.

Personalpaket und Kommando-Vereinheitlichung

Am 9. und 10. August 2026 folgten einander hierzu massgebliche personalpolitischen Dekrete. Zunächst ernannte Mojtaba Khamenei den langjährigen IRGC-Kommandeur Mohsen Rezaei zu seinem Vertreter im Obersten Nationalen Sicherheitsrat (SNSC) und zugleich zum Sekretär des Rates. Der bisherige Amtsinhaber Mohammad Bagher Zolghadr wechselte auf den Posten des politischen Beraters des Führers. Einen Tag später folgte das Paket von sechs hochrangigen Ernennungen im Militärapparat: Ali Abdollahi wurde Chef des Generalstabs der Streitkräfte, Ahmad Vahidi – bereits de facto im Amt – formell IRGC-Kommandeur (mit Beförderung zum Generalmajor), Ali Azmaei (bzw. Ozmaei) Kommandeur der IRGC-Marine, Hossein Taeb Chef der Basij, Kioumars Heydari stellvertretender Generalstabschef und Mostafa Izadi stellvertretender IRGC-Kommandeur. Diese Posten füllten Lücken, die durch die Verluste von Mohammad Pakpour, Abdolrahim Mousavi, Alireza Tangsiri und anderen entstanden waren. Viele der neuen Amtsinhaber hatten die Funktionen bereits interimistisch ausgeübt.

Dass ausgerechnet ein Mann mit internationalem Haftbefehl – Rezaei wird von Argentinien wegen des Bombenanschlags auf das jüdische Gemeindezentrum in Buenos Aires 1994 gesucht – nun an einer der zentralen Schaltstellen der Sicherheitsarchitektur sitzt, ist mehr als eine Personalie. Es ist ein Signal, gerade jetzt, da Teheran mit Washington über die Strasse von Hormus verhandelt und öffentlich mit deren kompletten Sperrung droht. Rezaei selbst hatte erst wenige Tage zuvor gewarnt, amerikanische Schiffe würden „ernsthafte Gefahren" laufen, sollte die Blockade fortgesetzt werden. Seine Beförderung ist die Botschaft an die eigene Basis wie an den Gegner: Kompromissbereitschaft ist nicht die Linie des Hauses.

Parallel dazu treibt Khamenei die Verschmelzung des Generalstabs der Streitkräfte mit dem Zentralen Hauptquartier Khatam al-Anbiya voran. Abdollahi erhielt den ausdrücklichen Auftrag, diese Integration abzuschliessen. Offiziell reagiert die Reform auf Schwächen, die der Krieg offengelegt hat: bessere Koordination zwischen Artesh und Pasdaran, schnellere Entscheidungswege, Bündelung der operativen Führung. Tatsächlich läuft der Prozess auf eine stärkere Eingliederung der regulären Streitkräfte in die Militärorganisation der Revolutionsgarden hinaus. Die Schlagkraft der Garden steigt, ihre „Militärdiktatur mit zivilem Gesicht“ festigt sich weiter. Der Nationale Sicherheitsrat wird zugleich zu einem Organ, dem sich Präsident und Regierung unterzuordnen haben, massiv aufgewertet. Das duale politische Ordnungssystem, das zivile und revolutionäre Institutionen nebeneinander stellte, gerät unter Druck.

Sprache der Dekrete und Kursbestimmung

Die Sprache der Dekrete unterstreicht den Kurs. Mojtaba Khamenei forderte am 10. August einen „kontinuierlichen, umfassenden Ausbau der Fähigkeiten zur Erreichung maximaler Abschreckung“ sowie „hohe Einsatzbereitschaft der Nachrichtendienste, um wirkungsvolle Offensivoperationen gegen den Feind durchführen zu können“. „Kultureller Fortschritt“ innerhalb der IRGC, Stärkung von Frömmigkeit und revolutionärem Geist sowie eine Führungsstruktur auf spirituellen und wissenschaftlichen Grundlagen gehören zu den Richtlinien. Von Entspannungspolitik ist keine Rede. Die Formulierungen deuten auf Vorbereitung für anhaltende Konfrontation hin.

Diese Schritte sind pragmatische Kriegsverwaltung und politischer Akt zugleich. Mojtaba Khamenei, der seit seiner Wahl öffentlich bislang unsichtbar blieb und über dessen Gesundheitszustand monatelang Gerüchte kursierten, übt die Ernennungsgewalt des Obersten Führers aus. Berichte von IranWire, gestützt auf Quellen aus der Umgebung von Präsident Masud Pezeshkian, hatten von einem bevorstehenden Ableben und kritischem Zustand gesprochen. Das Büro des Führers reagierte mit Ankündigungen von Bildmaterial und weiteren politischen Treffen mit Pezeshkian. Dieser selbst berichtete von einem siebenstündigen Gespräch und betonte die „vollkommene Gesundheit“ des Führers. Die Informationsoffensive soll Handlungsfähigkeit beweisen. Gleichzeitig bleibt unklar, ob die Ernennung Rezaeis anfangs reibungslos verlief: Berichte darüber wurden zeitweise von Agenturen wie ISNA, Tasnim und Mehr gelöscht, während Zolghadr weiter als Generalsekretär auftrat. Die Verwirrung an der Spitze war greifbar.

Machtpoker: Verlierer und Gewinner

Im Machtpoker erscheinen Pezeshkian und Parlamentssprecher Mohammad Bagher Ghalibaf als die Verlierer.* Pezeshkians zaghafte Versuche, Elemente eines iranischen Gorbatschow zu geben – Öffnung, wirtschaftliche Prioritäten, Zurückhaltung gegenüber totalitärem Anspruch der Garden – stossen auf Widerstand. Indiskretionen aus seinem Umfeld und gezielte Leaks, die die Legitimität der Ordnung berühren, signalisieren schwindende Bereitschaft, sich dem IRGC-Anspruch auf politische und strategische Entscheidungsgewalt zu fügen. Die Garden nutzen die Autorität des Führers, um ihren Machtanspruch gegenüber der Zivilregierung durchzusetzen. Rezaei, Vahidi und Taeb – letzterer ein langjähriger Vertrauter Mojtabas aus dem „Habib-Kreis“ und früherer IRGC-Nachrichtendienstchef, den Ali Khamenei einst entlassen hatte – stärken das Netzwerk loyaler Sicherheitsfiguren. Die Rückkehr Taebs an die Spitze der Basij dient der inneren Mobilisierung und Kontrolle angesichts wirtschaftlicher Lage und potenzieller Unruhen. Seine Ernennung mag als Indiz dafür gelten, dass Khamenei dem Druck der systemfundamentalistischen Kader der Revolutionsgarden nachgegeben hat und eine wichtige Entscheidung seines Vaters rückgängig machte.

Parallel dazu zeigt sich die Spannweite interner Konflikte am Fall von Mohammad Bagher Kharrazi. Der Geistliche, verwandtschaftlich mit dem Khamenei-Clan verbunden und Kopf der iranischen Hezbollah-Partei, forderte ein „echtes islamisches Regierungssystem“ und sprach von der Überlebtheit der Islamischen Republik in ihrer jetzigen Form. Die Justiz leitete unverzüglich ein Verfahren vor dem Sondergericht für Geistliche ein und lud ihn vor. Hardliner, die den Moment für eine noch strengere theokratische Umsetzung gekommen sehen, werden in Schach gehalten, während gleichzeitig die IRGC-Macht ausgebaut wird. Die Transformation ist noch nicht in trockenen Tüchern; das Vakuum füllt sich langsam, doch die Auseinandersetzungen dauern an.

Gesellschaftlicher Wandel als Hintergrund

Im Hintergrund dieser machtpolitischen Verschiebungen steht eine Gesellschaft im Wandel. Umfragen zeigen eine anhaltend starke emotionale Bindung an Iran, doch die religiöse Rechtfertigung eines iranischen Nationalismus schwindet. Über ein Drittel der Befragten äussern den Wunsch, das Land zu verlassen. Nur noch knapp 30 Prozent halten das Fasten gänzlich ein – in Teheran etwas mehr als 23 Prozent. Religiosität nähert sich westeuropäischem Niveau, während der Kontrast zwischen religiösen und säkularen Lebenswelten scharf bleibt, vergleichbar mit Israel. Der Säkularismus greift in die Lebenswelten ein. Das Regime, das sich aus Angst vor Kontrollverlust in Schweigen hüllt, macht jede Information zur Waffe, auch Gerüchte über den nahenden Tod des Mannes an der Spitze.

Konsolidierung statt Öffnung

Die Ernennungen und Strukturreformen signalisieren keine Öffnung, sondern Konsolidierung unter Kriegsbedingungen. Mojtaba Khamenei beginnt, eine eigene Personalarchitektur um den Sicherheitsapparat zu bauen. Ob dies langfristig Eigenständigkeit gegenüber der IRGC bedeutet oder formalisierte Abhängigkeit, bleibt offen. Plausibler ist, dass er sich die Gunst der Garden sichert und Entscheidungen legitimiert, die im engeren Sicherheitszirkel – insbesondere im SNSC – getroffen werden. Die Garden haben ihre diktatorische Position ausgebaut und sich der Autorität des Obersten Führers bedient. Pezeshkians Hoffnung auf konservative Erneuerung mit reformerischen Elementen dürfte am System scheitern. Die Erneuerung droht in eine andere Richtung zu kippen: Eine Politik, die die militärische Organisation vereinheitlicht, die Machtvollkommenheit des Obersten Führers weiter ausbaut und den Sicherheitsrat zum zentralen Machtorgan macht, legt die Axt an das duale Ordnungssystem, die noch Raum für eine Zivilpolitik gewährte. Die Neuausrichtung ist real: härter, zentralisierter, garden-dominiert – und auf Konfrontation ausgerichtet.

Ein Machtvakuum füllt sich

Die Personalentscheidungen und Strukturreformen vom August 2026 markieren eine klare machtpolitische Neuausrichtung: Mojtaba Khamenei formalisiert die Kriegsordnung und stärkt zugleich die Revolutionsgarden. Durch die Ernennung loyaler Hardliner, die Aufwertung des Nationalen Sicherheitsrats und die angestrebte Vereinheitlichung der Militärkommandostrukturen wird die faktische Dominanz der IRGC zementiert. Zivile Akteure wie Präsident Pezeshkian und Parlamentssprecher Ghalibaf verlieren an Einfluss. Gesellschaftliche Säkularisierung und schwindende religiöse Bindung bilden den Hintergrund, ändern jedoch nichts am Kurs des Regimes. Statt Öffnung oder Entspannung zeichnet sich eine härtere, zentralisierte und auf anhaltende Konfrontation ausgerichtete Gangart ab. Das Machtvakuum füllt sich zugunsten der Garden. Zugleich aber zeigen die Wirrnisse der vergangenen Tage: das machtpolitische System in Iran ist ins Rutschen gekommen.

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