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Zeit-Verständnis

Kennen Sie die akademische Viertelstunde?

30. September 2026
Sabine Windlin
Sabine Windlin
Uhr, Zeiteinstellung
Es kommt nicht immer genau auf die Minute an. (Foto: KEYSTONE/Christian Beutler)

Wenn nicht, sind Sie in guter Gesellschaft. Denn die bewährte Gepflogenheit, wonach man zu einer Verabredung erst «zu spät» erscheint, wenn man mehr als 15 Minuten nach der vereinbarten Zeit eintrifft, ist nicht mehr Usus. 

Leute, die auf 18 Uhr zum Nachtessen eingeladen sind, lassen die Gastgeberin um 18.01 Uhr wissen: «Sind fünf Minuten zu spät.» Freunde, mit denen man sich um 12 Uhr zum Lunch vereinbart hat, informieren um 12.03 Uhr: «Sind auf dem Weg». Über derlei unnötige Benachrichtigungen, in denen das schlechte Gewissen förmlich mitklingt, können Menschen mit entspanntem Zeitgefühl nur den Kopf schütteln. Offensichtlich gilt heute, was Pünktlichkeit angeht, zero tolerance. 

Anregungen zur Nutzung der Wartezeit 

Wohlverstanden, wir reden nicht von wichtigen, geschäftlichen Treffen mit mehreren, zeitlich durchgetakteten Personen. Wir reden auch nicht von Eincheckaufgebot am Flughafen, wo jede Minute zählt und bereits eine minimale Verzögerung handfeste Konsequenzen zur Folge haben kann. Wir reden von «Terminen» in der Freizeit, am Wochenende, in den Ferien. Wir reden vom Feierabenddrink, zu dem man sich mit einem Freund in der Bar trifft oder vom Raclette-Abend, der zu Hause stattfindet. 

Statt griesgrämig und beleidigt die Wartezeit abzusitzen, soll diese besser sinnvoll genutzt werden. Im Restaurant empfiehlt sich das genüssliche Beobachten von Passanten, zu Hause in den eigenen vier Wänden lässt sich die Zeit hervorragend mit Haushaltarbeiten überbrücken, die ohnehin bereits hätten erledigt sein müssen. Stichwort Staubsaugen, Wäsche waschen, Pflanzen giessen. Die Zeit vergeht wie im Fluge, und just in dem Moment, wo man die gewonnenen Minuten zu schätzen beginnt, und den Besuch schon vergessen hat, klingelt es an der Haustür. 

Plädoyer für passende Kommentare

Ehrensache ist, dass man als Verfechterin der akademischen Viertelstunde auch weiss, woher dieser Begriff überhaupt stammt: aus dem Hochschulbetrieb. Er beschreibt die Tradition, wonach Vorlesungen und Seminare einst nicht pünktlich zur vollen Stunde, sondern erst 15 Minuten später begannen. So hatten die Studenten (das Wort Studierende gab es damals noch nicht) Zeit, zwischen verschiedenen Hörsälen zu wechseln. Stand im Stundenplan also 10 Uhr, startete die Vorlesung erst um 10.15 Uhr. Im Vorlesungsverzeichnis wurde dies oft mit dem Zusatz c.t. (lateinisch cum tempore = «mit Zeit») gekennzeichnet. Stand dort hingegen s.t. (sine tempore = «ohne Zeit»), begann die Veranstaltung tatsächlich zur angegebenen Uhrzeit. Im Zeitalter der online-Vorlesungen, wo man sich jederzeit diskret zuschalten kann, hat haben solch altmodische Konventionen selbstverständlich keine Relevanz mehr. 

Dennoch ein Vorschlag: Machen wir uns die akademische Viertelstunde wieder zu eigen. Bleiben wir entspannt, wenn liebe Freunde 15 oder auch 20 Minuten «zu spät» eintreffen bzw. die Vorfreude länger Bestand hat. Empfangen wir sie nicht mit Vorwürfen, sondern mit einem Strahlen im Gesicht und einem passenden Kommentar: «Zu spät kommt man immer rechtzeitig.»

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