Was entsteht, wenn ein national gesinnter italienischer Komponist sich mit schottischer Geschichte auseinandersetzt? Eine Oper natürlich! So geschehen bei Giuseppe Verdi in den Jahren 1846/47, mitten in Italiens Risorgimento. Verdis zehnte Oper wird nun in Basel vom deutschen Regisseur Herbert Fritsch erfolgreich in Szene gesetzt.
Zuerst war da der geschichtliche König Duncan von Schottland, der in der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts regierte. Rund 500 Jahre später verewigt William Shakespeare einen von Duncans Gefolgsleuten, den Heerführer Macbeth, in einem hochdramatischen Werk. Macbeth reisst durch den erfundenen Meuchelmord am König den schottischen Thron an sich und herrscht, unterstützt und angetrieben von seiner machtgierigen Frau, bis er von einem Sohn Duncans selbst getötet wird.
Verdis Faszination
Nochmals rund 250 Jahre später sind Giuseppe Verdi und sein Librettist Francesco Maria Piave fasziniert von diesem düsteren, nordischen Schauspiel, von dem Verdi schreibt: «Diese Tragödie ist eine der grossartigsten menschlichen Schöpfungen.» Macbeth wird erfolgreich 1847 im Teatro della Pergola in Florenz uraufgeführt, achtzehn Jahre später in einer französischen Fassung im Pariser Théâtre-Lyrique in Paris.
In Basel entschied man sich zwar generell für Verdis Version der Pariser Zweitaufführung von 1865, übernahm jedoch, gut nachvollziehbar, das hochdramatische Finale der Uraufführung von 1847.
Diese frühe und relativ kurze Oper gehört zu den eher seltener aufgeführten Verdi-Opern, obwohl die grossen Chorszenen zum Eindrücklichsten aus Verdis Feder gehören. Auch wenn die hochdramatischen Arien, vor allem die Wahnsinnsarie der Lady Macbeth, ihren Siegeszug durch die Bekanntheits-Charts unserer Zeit angetreten haben: Das Thema ist wohl zu abschreckend. Krieg, Hexenweissagungen, Meuchel- und Kindermord sowie Wahnsinn sind zwar wirkungsvolle Vorantreiber einer Opernhandlung, schrecken Veranstalter aber offenbar doch ab. Dazu kommt das verlangte Grossaufgebot von Choristen sowie eine bestmögliche Besetzung der Hauptrollen.
Nun, daran mangelt es bei dieser Neuauflage der Oper im Grossen Haus des Theaters Basel nicht! Mal abgesehen von den durchwegs hervorragenden, im Falle der Rolle des Macbeth ausserordentlichen Qualität der Sänger der Hauptpartien. Der durch den Extrachor verstärkte Theaterchor Basel gehört bekanntlich zu einer der besten, wenn nicht allerbesten chorischen Formationen der Schweiz (Chorleitung: Michael Clark). Welche Bedeutung Verdi selbst den verschiedenen Chorszenen beigemessen hat, wird in seinem eindringlichen Brief an Piave deutlich: «Insbesondere der Frauenchor muss sehr gut sein, denn es wird zwei Chöre von Hexen von der grössten Bedeutung geben.»
Höllenschlund der Machtgier
Grosse Chöre wirkungsvoll auf der Bühne zu bewegen und einzusetzen, ist eine der schwierigsten Aufgaben einer ernstzunehmenden Opernregie. Dafür – und nicht nur dafür – hat der deutsche Erfolgsregisseur Herbert Fritsch eine gute Hand. Er entwarf auch das einheitliche reduzierte Bühnenbild in strahlendem Rot und die aufwändigen schwarzen Kostüme in elisabethanischem Stil: ein Höllenschlund, vor dem sich geduckte, machtgierige Gestalten bewegen.
Fast unmöglich, dabei nicht an das punktgenau gleichzeitig mit der Basler Premiere durchgeführte WEF in Davos zu denken, wo sich die Protagonisten der Weltmächte mit ähnlich gefährlichen Machtansprüchen begegneten.
Fritsch, den man in Basel als Regisseur u. a. auch von der leichteren Muse her gut kennt, zelebriert aber nicht nur die schrecklichen Inhalte des Stückes, sondern streut zwischendurch fast groteske Szenen oder unerwartete Körperhaltungen und -verdrehungen der Sänger ein. Generell verlangt er Chor und Solisten körperlich viel ab und nimmt dabei Angebote von artistischem Körpereinsatz der Sänger und Sängerinnen auch an, so zum Beispiel einen radschlagenden Macbeth oder eine zierliche Lady, welche in noch gekrümmtesten Körperhaltungen untadelige Töne hervorbringen kann.
Fritsch begegnet dem Werk mit grossem Ernst für die Hauptlinien der Handlung, aber auch mit psychologischem Feingefühl für die Nuancen in der Beziehung von Macbeth und seiner Frau und deren verhängnisvoller Abhängigkeit voneinander: Für ihn stürzen sich «zwei Menschen in eine Ekstase, in der Seltsames passiert. Sie verlieben sich in eine Idee von totalem Kontrollverlust».
Begeisterungsstürme
Die musikalische Leitung lag in den Händen von Dirk Kaftan, Träger des Europäischen Kulturpreises 2021 und derzeit Generalmusikdirektor der Oper Bonn, der das Sinfonieorchester Basel äusserst wirkungsvoll leitete. Was ihm von der Bühne her angeboten wurde, war aber auch durchwegs ganz grosse Klasse, vor allem in den beiden zu Recht stürmisch gefeierten Hauptpartien von Iain MacNeil und Heather Engebretson, die sich beide, ohne Übertreibung, der Weltklasse nähern.
Ein grosser Opernabend, der Begeisterungsstürme entfachte und das Publikum von den Sitzen springen liess.
Macbeth, nächste Vorstellungen: 24. und 30. Januar sowie 1., 7. und 14. Februar 2026