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Wort-Akrobatik

John le Carrés Liebe zur deutschen Sprache

15. Dezember 2017
Reinhard Meier
Reinhard Meier
Der berühmte britische Schriftsteller hat in einer Rede seine alte Liebe zur deutschen Sprache geschildert. Eine andere Sprache zu sprechen und zu verstehen, bedeute eine zweite Seele zu besitzen.

Im Juni 2017, ein Jahr nach der denkwürdigen Brexit-Abstimmung, bei der eine knappe Mehrheit der britischen Stimmbürger sich für den Austritt ihres Landes aus der EU entschied, hat der inzwischen 86-jährige Schriftsteller John Le Carré eine bewegende Liebeserklärung an die deutsche Sprache abgegeben. Die Kenntnis einer fremden Sprache und insbesondere des Deutschen eröffne den Zugang zu einer reichhaltigen Kultur und sei ein wirksames Gegengift gegen den antieuropäischen Isolationismus der Brexit-Propagandisten. Le Carré hielt sein engagiertes Plädoyer in der deutschen Botschaft in London anlässlich einer Auszeichnung für Deutschlehrer in Grossbritannien.

„Liebe vom ersten Ton an“

Dass dem berühmten Krimi- und Spionageautor die deutsche Sprache nicht fremd war, dürfte vielen seiner Leser und Fans einigermassen bekannt sein. Einer seiner ersten Erfolgsbücher, „A Small Town in Germany“, handelt in Bonn, wo Le Carré  Anfang der 1960er Jahre in der dortigen britischen Botschaft als Diplomat tätig war.

Doch nun schildert der Schriftsteller in seiner Rede, dass er bereits als dreizehnjähriger Schüler und mitten im Zweiten Weltkrieg gegen Hitlers Reich anfing, Deutsch zu lernen. Für ihn sei das „Liebe vom ersten Ton an“ gewesen. Sein damaliger Deutschlehrer, Mr. King,  habe die kleine Klasse entgegen der antideutschen Stimmung im Lande hartnäckig und leidenschaftlich mit der Schönheit dieser Sprache und ihrer Literatur vertraut gemacht. Noch heute, sagte der hochbetagte Autor, erinnere er sich an Gedichte von Heine oder Mörike, die dieser Lehrer ihnen auf alten, schon etwas ausgeleierten Schallplatten vorgespielt habe. Er zitierte dazu den Anfang von Mörikes „Elfenlied“: „Bei Nacht im Dorf der Wächter rief ...“

Le Carré erklärt weiter, dass er nach dem Krieg 1948 als 16-Jähriger nach Bern gegangen sei, um an der dortigen Universität das Studium der Germanistik aufzunehmen. Weil er aus zerrütteten familiären Verhältnissen kam und er sich in Bern schnell wohl fühlte, sei ihm die Schweiz so etwas wie „eine zweite Heimat“ geworden, sagte er im vergangenen Jahr in einem NZZ-Interview. Man darf vermuten, dass der weltläufige Autor noch heute ziemlich gut Berndeutsch versteht. Wahrscheinlich ist diese Verbindung auch der Grund, weshalb er Anfang der 1990er Jahre nach Bern reiste und mit dem kurz zuvor aus der Haft entlassenen angeblichen Hochverräter Jean-Louis Jeanmaire über einem Käse-Fondue ein ausgedehntes Gespräch führte. Das war die Grundlage seiner ausgedehnten Reportage über den ebenso komplexen wie hintergründigen Spionagefall Jeanmaire (auf Deutsch 1991 unter dem Titel „Ein guter Soldat“ publiziert).

Erkenntnis der europäischen Zusammenhänge

Die Entscheidung, eine fremde Sprache zu lernen, sei für ihn „ein Akt der Freundschaft“, sagte John Le Carré in seiner Londoner Rede. Eine andere Sprache zu verstehen bedeute nicht nur den Zugang zu einer andern Kultur, ihren Reichtümern und Denkweisen. Dieser Prozess eröffne gleichzeitig neue Wege zum besseren Verständnis der eigenen kulturellen Prägungen und Traditionen. Der Redner verwies in diesem Zusammenhang auf ein Zitat, das Karl dem Grossen zugeschrieben wird: „Eine andere Sprache zu reden bedeutet, eine zweite Seele zu besitzen.“

Der 86-jährige John Le Carré machte in seiner Rede vor britischen Deutschlehrern auch kein Hehl daraus, dass er die Brexit-Entscheidung und Donald Trumps Präsidentschaft für verheerende Entwicklungen hält, von denen er hofft, dass sie möglichst bald wieder korrigiert werden.

Er versicherte den versammelten Deutschlehrern, dass sie mit ihrer Arbeit Wesentliches dazu beitragen könnten, bei jungen Leuten in Grossbritannien die Einsicht in die Zugehörigkeit ihres Landes zu Europa und das Verständnis für die Vorteile einer fruchtbaren Partnerschaft mit Deutschland zu fördern. Wer eine fremde Sprache lerne, werde gleichzeitig hellhöriger für den lügenhaften Sprachgebrauch von skrupellosen Narzissten à la Trump, die alle Aussagen, die ihnen nicht passten, kurzerhand als Fake News deklarierten.

Ob bei der Brexit-Abstimmung von 2016 in Grossbritannien ein anderes Resultat herausgekommen wäre, wenn John le Carrés Liebeserklärung an die deutsche Sprache vor diesem Urnengang veröffentlicht worden wäre, kann man bezweifeln. Aber es ist denkbar, dass es eines Tages in diesem Land zu einer neuen Abstimmung über die Europa-Frage kommen wird. Und dass dann eine neue Mehrheit der Briten begreifen wird, dass die Vertiefung des kulturellen, geschichtlichen und politischen Zusammenhangs mit Kontinentaleuropa dem Königreich reichhaltigere Perspektiven bietet als ein trotziges Abseitsstehen.

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