Jean-Frédéric Schnyder (*1945) nennt seine Ausstellung in Lugano schlicht «La Pittura 2024/25»: Ein sehr einfacher Titel. Doch Schnyder spielt mit allen Möglichkeiten, die das Medium Malerei ihm anbietet. Das Spiel ist voller Überraschungen und Winkelzüge.
Die berühmten drei Gipfel der Berner Alpen entsprechen dem Bild, das man sich von den Malereien Schnyders macht. Man fühlt sich ein wenig an Hodlers Zugriff auf die heimatliche Alpenlandschaft erinnert. Diese Landschaft erstrahlt in magistraler Ruhe ohne die geringste Spur von jener Zivilisation, die längst in diese Ruhe eingegriffen hat. Und man spürt den heftig zupackenden Zugriff des Pinsels auf die kleine Leinwand, der anmutet, als stamme er von einem expressionistischen Maler. Vielleicht erinnert Schnyders Sujet, das schlichte und wohl auch banale Postkartenmotiv, an einen Sonntagsmaler, der sich unbekümmert dem schon tausendfach Gesehenen zuwendet und dabei elektrische Leitungen, Bergbahnen, überhaupt die ganze touristische Nutzung des Alpenraumes ausser Acht lässt.
Konzeptueller Hintergrund
Jean-Frédéric Schnyder als Naiver? Das führte in die Irre. Gegen eine Verortung Schnyders in diesem Kontext sprechen nicht nur der geradezu «klassische» Bildbau mit der Staffelung der Landschaft in Vorder-, Mittel- und Hintergrund und die zweifellos ganz bewusst und mit Kalkül gesetzte Farbigkeit der Malerei, sondern auch der konzeptuelle Hintergrund dieses Malens, der sich wohl erst vor dem grösseren Hintergrund des gesamten Werkes Schnyders, der meist in Serien arbeitet, erschliesst.
Im Schweizer Pavillon der Biennale Venedig zeigte er 1993 eine lange Reihe von Bildern, die Blicke von Brücken über die Autobahn A 1 vom Bodensee bis Genf festhalten. In anderen Ausstellungen zeigte er Innenansichten von Wartsälen der SBB, in wieder anderen Bänklein an Aussichtspunkten oder Sonnenuntergänge am Zugersee. Die Orte seines künstlerischen Handwerkes suchte er früher, die Staffelei auf den Rücken gebunden, mit dem Fahrrad auf. (Die Malerei als Handwerk wie jedes andere, der Künstler als Handwerker – ein bedenkenswertes kulturpolitisches Statement!)
Über einen längeren Zeitabschnitt gesehen zeigt sich in seinem Werk ein konstanter und beharrlicher Zugriff auf die gut schweizerische Durchschnittslandschaft – mit oder ohne Zivilisationsspuren. Er war jeweils, ob früher mit dem Fahrrad oder in jüngster Zeit mit dem öffentlichen Verkehr, abends wieder zurück, im Rucksack das vollendete «Tagwerk». Das gehört zu seinem Konzept, und auch das ist eine Konstante im Schaffen Schnyders. Dieser Zeitfaktor, den Schnyder mit Disziplin für verbindlich akzeptiert und einhält, prägt die malerische Arbeit, der eine sich stets in der Zeit abspielende visuelle Wahrnehmung zugrunde liegt.
«Kein Kommentar»
Mit Schubladen ist Jean-Frédéric Schnyder nicht beizukommen. Er selbst verweigert sich ohnehin jedem Befragtwerden zu seiner Arbeit, und in seinen Katalogen will er keine Werkkommentare und Einordungsversuche. Der Grund dafür mag in Schnyders Skepsis gegenüber der Eindimensionalität jeder verbalen Aussage liegen. Die Einordnung müssen Besucherinnen und Besucher wohl selber übernehmen: Was sollen sie mit der Malerei «Dama dama» anfangen, die einen Hirsch in einer Waldlichtung zeigt? Ein Kitschbild? Vielleicht. (Schnyder fand in einem «Tierkalender» eine geeignete fotografische Vorlage.) Aber warum auch nicht? Schliesslich malte schon der grosse Realist Gustave Courbet röhrende Hirsche – und er habe zu diesem Zweck ausgestopfte Tiere in den Wald bringen lassen, wie gerüchtehalber verlautet. Da darf es auch Schnyder tun.
Aber auch dieses Kitschmotiv taugt nicht als Schublade für Schnyders Kunst. Das Bild «Ein Baum» würde sich allenfalls in diesen Kontext fügen, doch sicher nicht «EOS», die (griechische und nach Homer) «rosenfingrige» Morgenröte, ein Bild von erlesener dekorativer Kraft und genau kalkulierter Farbigkeit, das seine Wurzeln vielleicht im Pop hat, der Schnyder in frühen Jahren auch prägte. In diesen Kontext würde auch das raffinierte Werk «In einem Strich» passen – auf nur zwei Farbtöne (ein leicht grünliches Grau und ein Rosa) reduziert und mit sanft ausschwingenden Linien eine Blume umreissend.
Zwecklose Schönheit
Auch die «Pop-Fährte» führt nicht weiter. Schnyder «kann» zudem – das Beispiel «Garten» hängt in unmittelbarer Nachbarschaft – Konstruktivismus, und er «kann» sorgfältig in ihrer Komposition ausbalancierte «Stillleben». Selbst Erzählerisches findet sich: «Sonntag» titelt er zu einem Bild, das, im Stil einer Graffiti-Kunst nach der Art von Keith Haring, vom fröhlichen Sonntagsausflug einer Familie mit Kindern und Hund ins Grüne berichtet. Und unvermittelt wird die Reihe unterbrochen von einer Zeichnung, aus der reine und zwecklose Schönheit spricht: In «Kalligraphie» spürt der Künstler mit dem Pinsel einer sich übers ganze Format ziehenden Linie nach. Da zeigt sich eine schöne Spannung zwischen sorgfältiger Ölmalerei und spontaner Gestaltung der schwarzen Linie mit ihren Wendungen und Kreisen und spitzen Dreieckformen.
Die Präsentation von Schnyders Malereien im MASI – kuratiert von Tobia Bezzola und seiner Nachfolgerin Ludovica Introini – ist abwechslungsreich. Im ersten Raum sind, locker über alle Wände verteilt, «Billige Bilder» zu sehen. Es sind ungegenständliche kleine Malereien. Sie sind insofern «billig», als es sich um Stofflappen handelt, die der Künstler zum Reinigen seiner Pinsel benutze. Im zweiten Raum sind in schönem Rhythmus Landschaften, Stillleben und graphische Signete zu sehen. (Was es in der ganzen Ausstellung nicht gibt, ist das traditionsreiche Thema der Aktmalerei. 1971 malte er einen grossformatigen Akt. Ob das Thema damit für ihn erschöpft war?) Im letzten Raum mit Ausblick auf den See ist einzig das grossformatige und als grundsätzliches malerisches Statement gemeinte Stillleben von 1971 präsentiert – zweifellos im Wissen darum, dass an dieser Stelle der Blick auf den realen See «Landschaftsbild» genug ist.
Die Kuratoren lassen Jean-Frédéric Schnyder das Spiel mit seinen Möglichkeiten der Malerei spielen – Ironie und Humor eingeschlossen, Stil- und Genrefragen souverän missachtend, zur Freude unvoreingenommener Museumsbesucher und Besucherinnen.
MASI Lugano, bis 9. August
Jean-Frédéric Schnyder wurde 1945 in Basel geboren. Er lebte längere Zeit im Berner Oberland, wo er, in Wengen, eine Lehre als Fotograf absolvierte, und im Engadin. Seit 1996 lebt er in Zug. Ausstellungen u. a. in Bern (Kunstmuseum und Kunsthalle 2022), Wien (Secession 2022), Basel (Kunstmuseum 2022), New York (Swiss Institute 2011), Frankfurt (MMK und Portikus 1993). Teilnahme an der Ausstellung «When Attitudes Become Form» in der Kunsthalle Bern (1969). Teilnahme an documenta 5 und 7 in Kassel (1972 und 1982).