Wir sind gut. Und wir werden schlechter. Das klingt wie ein Widerspruch. Ist es aber nicht. Die Schweiz liegt bei PISA weiterhin über dem OECD-Durchschnitt. Gleichzeitig sinken die Leistungen der 15-Jährigen in Lesen und Mathematik. Lehrbetriebe berichten von wachsenden Lücken bei Lernenden.
Gut sein genügt nicht, wenn es jedes Jahr ein bisschen weniger gut wird.
Gut sein genügt nicht, wenn es jedes Jahr ein bisschen weniger gut wird.
Was PISA tatsächlich zeigt
Die Schweiz steht im internationalen Vergleich weiterhin gut da. Das ist die Botschaft, welche die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektorinnen und -direktoren (EDK) und der Dachverband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) in den Vordergrund stellen. Doch dieser Befund darf den Blick auf die eigene Entwicklung nicht verstellen: Die Leistungen der Schweizer 15-Jährigen in Lesen und Mathematik sind erneut gesunken. Die Ergebnisse von 2025 liegen in beiden Bereichen auf dem tiefsten Stand seit Beginn der PISA-Messungen. Die aktuelle PISA-Studie fühlt sich deshalb an wie ein Schlag in die Magengrube, schreibt die NZZ.
Besonders beunruhigend ist der Blick auf das Lesen. Nur gerade 71 Prozent der Jugendlichen erreichen mindestens das von der OECD definierte grundlegende Kompetenzniveau 2; 29 Prozent liegen unter diesem Level. Das heisst: Fast jeder Dritte versteht die Hauptaussage eines einfachen Textes nicht. Gegenüber 2015 ist dieser Anteil um neun Prozentpunkte gestiegen – vor zehn Jahren war es noch ein Fünftel der 15-Jährigen, beim letzten PISA-Test ein Viertel und nun knapp ein Drittel.
Der internationale Vergleich beantwortet, wie wir dastehen. Er beantwortet nicht die viel wichtigere Frage, warum wir schlechter werden.
Warum reden wir nicht Klartext?
Anfang September las ich von der Medienkonferenz von economiesuisse, dem Schweizerischen Gewerbe Verband und dem Schweizerischen Arbeitgeberverband. Die drei Berufsorganisationen orientieren über die Grundkompetenzen von Lernenden. Wieder einmal dachte ich: Warum reden wir nicht Klartext?
Rund 2900 Ausbildungsverantwortliche wurden befragt. Viele Unternehmen berichten von erheblichen Lücken, insbesondere beim Schreiben und in der Mathematik. Rund drei Viertel der Lehrbetriebe unterstützen ihre Lernenden bereits mit zusätzlichen internen oder externen Massnahmen. Jedes fünfte Unternehmen will künftig weniger Lernende rekrutieren – weil die Volksschule die Grundkompetenzen zu wenig erarbeitet.
Das ist keine repräsentative Messung der Schweizer Jugend. Es ist eine Befragung von Betrieben. Aber es ist ein dramatischer Weckruf aus jener Welt, in die Jugendliche nach der Schule eintreten – und in der sich zeigen muss, ob das Gelernte trägt.
Über die Ursachen des Rückgangs wisse man noch relativ wenig. Das sagte Rudolf Minsch, Chefökonom von economiesuisse, an der Medienkonferenz. Für eine umfassende empirische Ursachenanalyse mag das stimmen. Für eine andere Frage wissen wir allerdings schon ziemlich viel: Was brauchen Kinder, damit sie lernen?
Was Lernen voraussetzt
Eigentlich ist erstaunlich, wie wenig geheimnisvoll die elementaren Voraussetzungen erfolgreichen Lernens sind. Kinder brauchen eine gemeinsame Unterrichtssprache, Konzentration und Zeit zum Üben. Sie brauchen klare Erwartungen und Rückmeldung. Und sie müssen erfahren, dass Lernen Anstrengung bedeutet. Dafür brauchen sie Lehrerinnen und Lehrer, die ihre Sache verstehen, erklären und führen, die Schülerinnen und Schüler ermutigen und korrigieren – und ihnen zugleich etwas zutrauen und zumuten. Zutrauen und Zumuten gehören zusammen.
Vielleicht liegt hier ein blinder Fleck der Bildungsdebatte. Wir sprechen sehr viel über Strukturen, Ressourcen und Methoden, über Digitalisierung und Organisation. Wir reformieren und reorganisieren, innovieren und evaluieren. Zu wenig sprechen wir über das, was im Klassenzimmer tatsächlich geschieht.
Nicht zuerst: Wie organisieren wir Schule?
Sondern: Wie gelingt guter Unterricht?
Nicht Organisation vor Interaktion, sondern Interaktion vor Organisation.
Denn Bildung entsteht dort, wo eine Lehrperson mit jungen Menschen an einer Sache arbeitet. Intensiv und konzentriert: Lesen und Verstehen. Schreiben und Rechnen. Denken und Problemlösen. Das sind keine alten Zöpfe. Das sind die Fundamente.
Ist Schönreden die richtige Antwort?
EDK-Präsident Christophe Darbellay plädierte gegenüber SRF dafür, die Situation nicht ganz so dramatisch zu sehen. Die Schweiz stehe im internationalen Vergleich weiterhin sehr gut da, meinte er. Gleichzeitig unterstützte er die Forderung, die Schulen sollten sich wieder stärker auf die Grundkompetenzen konzentrieren.
Das ist eine legitime Differenzierung. Niemandem ist damit gedient, eine ganze Generation von Jugendlichen schlechtzureden. Aber wann wird Differenzierung zur Relativierung? PISA zeigt den Rückgang der Leistungen. Die Wirtschaft berichtet, wie sich die Kompetenzlücken bei Lernenden zeigen. Vielleicht sollten wir beides zunächst einmal aushalten, statt eines gegen das andere auszuspielen.
Noch irritierender ist der Umgang des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) mit den Ergebnissen. In seinem Editorial (1) zur PISA-Studie hebt er zunächst die vergleichsweise guten Schweizer Durchschnittswerte hervor, während die markant sinkenden Leistungen in Lesen und Mathematik kaum ins Auge fallen. Man kommt darum den Eindruck des Schönredens nicht los. Wer die PISA-Grafik (2) betrachtet, erkennt das Entscheidende sofort: Bei den Grundkompetenzen zeigt der Trend seit Jahren nach unten.
Die Wohlfühloase
Vielleicht müssen wir an dieser Stelle über etwas Grundsätzlicheres reden: über unser Bild von Schule. Denn wer über sinkende Leistungen spricht, kommt irgendwann an einen unbequemen Punkt: Schule darf Kindern nicht nur etwas bieten. Sie muss ihnen auch etwas abverlangen.
Ich denke dabei an ein Bild, auf das ich gestossen bin. Die Legende lautet: «Willkommen in der spielenden Wohlfühl-Oase am Waldrand!» Natürlich ist das zugespitzt. Schule soll ein Ort sein, an dem Kinder sich sicher und angenommen fühlen. Wohlbefinden ist keine Nebensache. Aber Schule ist keine Wohlfühloase. Sie ist ein Ort des Lernens. Und Lernen ist, in Gottes Namen, auch mit Anstrengung verbunden. Nachhaltiges Wohlbefinden entsteht auch aus Könnensfortschritten und Lernerfolgen.
Wer lesen lernt, muss lesen. Wer schreiben lernt, muss schreiben. Wer rechnen lernt, muss rechnen. Wer einen schwierigen Text verstehen will, muss sich konzentrieren. Eine Schule, die jede Schwierigkeit möglichst rasch beseitigen und jede Anstrengung vermeiden möchte, läuft Gefahr, Kindern gerade das vorzuenthalten, was sie für ihre Selbstständigkeit brauchen.
Selbstständigkeit entsteht nicht dadurch, dass man Kinder früh allein lässt. Sie wächst, wenn man sie gut führt, ihnen Grundlagen vermittelt und ihnen zunehmend Verantwortung überträgt. Bildung ist nicht dazu da, das Leben bequem zu machen.
Zurück zum Klassenzimmer
Natürlich braucht Schule Ressourcen. Gute Lehrpersonen brauchen Zeit. Kinder mit besonderen Bedürfnissen brauchen Unterstützung. Schulen brauchen vernünftige Rahmenbedingungen.
Aber Ressourcen sind noch kein Unterricht. Mehr Personal, mehr Geld und bessere Strukturen können guten Unterricht ermöglichen. Sie können ihn nicht ersetzen. Deshalb sollten wir die nächste Bildungsdebatte nicht mit der nächsten Reform beginnen, sondern mit einigen einfachen Fragen:
Wie viel gemeinsame Sprache brauchen wir?
Wie viel konzentriertes Arbeiten?
Wie viel Üben, Üben, Üben?
Wie viel verbindlichen Anspruch?
Wie viel Anstrengung?
Und wie viel Zeit haben Lehrpersonen tatsächlich noch für Unterricht?
Vielleicht ist das die unbequeme Botschaft: Wir brauchen nicht zuerst eine neue Idee von Schule. Wir müssen uns wieder daran erinnern, wozu Schule da ist.
Zum Lernen.
- Medienmitteilung LCH; vgl.: https://www.lch.ch/aktuell/detail/trotz-gutem-pisa-resultat-besteht-handlungsbedarf [abgerufen: 19.09.2026]
- Vgl.: https://www.bildungschweiz.ch/detail/grosse-unterschiede-zwischen-leistungsstarken-und-schwachen [abgerufen: 19.09.2026]