Direkt zum Inhalt
  • Politik
  • Kultur
  • Wirtschaft
  • Gesellschaft
  • Medien
  • Über uns
close
Israel

Die KI, die in Gaza Zehntausende Menschen tötet

20. September 2026
Ignaz Staub
Ignaz Staub
Rachel Szor, Yuval Abraham
Rachel Szor, Yuval Abraham am 83. Filmfestival von Venedig mit dem Spezialpreis der Jury (Keystone/EPA/Ettore Ferrari)

In Israel wirft ein Dokumentarfilm über die Kriegsführung in Gaza mittels KI hohe Wellen. Dies, obwohl das Werk im Land selbst nicht zu sehen ist. Empörte Stimmen werfen dem Film vor, den Kontext zu ignorieren und die israelische Armee (IDF) zu diffamieren. Befürworter sehen im Film ein überfälliges Eingeständnis moralischer Schuld. 

Yuval Abrahams und Rachel Szors Dokumentarfilm heisst «NAZA». Der Begriff ist auf Hebräisch im Jargon der IDF ein Akronym für Kollateralschaden und bedeutet das Verhältnis zwischen einer Zielperson und der Zahl Zivilisten, die bei einer Attacke getötet werden dürfen. So bedeutet 15 NAZA bei der für die Erfassung von Zielen in Gaza zuständigen Truppe, dass es erlaubt ist, ausser der Zielperson bis zu 15 unschuldige Menschen zu töten. 

Laut den im Film interviewten israelischen Armee-Angehörigen waren sie ermächtigt, bei Attacken auf hochrangige Zielpersonen der Hamas sogar 200 NAZA und 300 NAZA anzuwenden. In einem Fall war, was die IDF dementieren, gemäss einem Offizier selbst 500 NAZA erlaubt, obwohl er nicht wusste, wie viele Palästinenserinnen und Palästinenser schliesslich getötet wurden. «Das Ziel», sagt ein Militär, «war Quantität, nicht Qualität.»

Im Dokumentarfilm sprechen die Macher mit 24 Offizieren und Soldaten der israelischen Elite-Einheit 8200 über das KI-System «Lavender», das in Gaza eingesetzt worden ist, um Tausende von Angriffszielen zu generieren. Die Interviewten werden nachts auf einem Dach in Tel Aviv befragt, wobei ihre Stimmen verzerrt und ihre Gesichter verpixelt werden, um ihre Identität nicht zu verraten. Sie erzählen, dass sie detaillierte Informationen über praktisch jedes Gebäude im Küstenstreifen hatten und das System auch benutzten, um Mobiltelefone zu orten. 

«Where’s Daddy?»

Ein Offizier beschreibt, wie ein automatisierten Ortungssystem namens «Where’s Daddy?» das Telefon eines zwölfjährigen Mädchens hackte, um herauszufinden, wann ihr Vater nach Hause kam. Das Haus wurde später bombardiert, während der Mann und die Familie schliefen. Den Soldaten wurde versichert, dass «Lavender» Hamas-Aktivisten mit einer Genauigkeit von 85 Prozent identifizieren könne. 

Ein Offizier erzählt, dass er jeweils genau wusste, was einige Leuten in jenen Momenten taten, bevor er einen Angriff auf sie initiierte. Er erinnert sich an einen Mann, der im Bett mit seiner Frau sprach. An einen Säugling, der weinte. An einen Fernseher, der im Haus lief. «Du glaubst, dass zu zerstören das Ziel ist», antwortet er auf die Frage, warum er das tat. 

Das KI-System machte das Töten von Tausenden Zivilisten und die Zerstörung ganzer Quartiere möglich, weil sie von Vorgesetzten zu legitimen militärischen Zielen deklariert worden waren. «Lavender» wurde, so ein anderer Offizier, «zu einer Fabrik, die Ziele produziert». Es sei nicht an ihnen gelegen, berichtet im Film ein Soldat, Fragen zu stellen. Ihnen hätten höhere Stellen gesagt: «Ihr müsst dem System trauen». 

Unvergessen in diesem Kontext ein geleaktes Audio, laut dem Generalmajor Aharon Haliva, Ex-Chef des militärischen Geheimdienstes, der im Frühling 2024 feststellt, der Tod von bisher 50’000 Menschen in Gaza sei «notwendig» und für künftige Generationen geboten: «Für alles, was am 7. Oktober geschehen ist, für jede Person des 7. Oktober müssen 50 Palästinenserinnen und Palästinensern sterben. Es spielt jetzt keine Rolle, ob das auch Kinder sind.» Es gebe, so Haliva, keine andere Option: «Sie brauchen von Zeit zu Zeit eine Nakba (Katastrophe), um den Preis zu spüren.» Er hat sich später für seine unbedachten Aussagen entschuldigt. 

Den Job gemacht

Der israelische Autor und Kriegsdienstverweigerer Etan Nechin schreibt in «Haaretz», die Gespräche in «NAZA» würden sich wie Beichten lesen und zeigen, wie ein Gefühl, das nach dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 in Israel weit verbreitet war, die Kriegsführung in Gaza beeinflusste: Dass es im palästinensischen Gebiet keine Unschuldigen gab. «Es gibt dort draussen eine ganze Nation, die verantwortlich ist», hatte Israels Präsident Issaac Herzog an einer Pressekonferenz wenige Tage nach der Attacke der Hamas gesagt: «Sie stimmt nicht, diese Rhetorik, dass Zivilisten nichts wussten, nicht involviert waren. Sie ist überhaupt nicht wahr.»

Einige Offizieren sagen im Film, Rachegefühlte hätten sie bei ihrem Einsatz bei der Zielerfassung motiviert. Die meisten aber sagen, sie hätten einfach einen Job erledigt; mehrere sprechen davon, etwas erreicht zu haben. «Es hat Spass gemacht», sagt ein Angehöriger der Einheit 8200. Fast wie ein Video-Spiel. 

 «Eine unvermeidbare Realität»

Politologin Adla Alnazer, Ex-Beraterin der palästinensischen Regierung, argumentiert, Israel sowie dessen Alliierte und Unterstützer hätten in den Medien ein Image der Palästinenser als Aggressoren und Terroristen kreiert, denen nicht zu trauen sei: «Gleichzeitig haben dieselben Leute den Mythos genährt, das israelische Militär sei die moralischste Armee der Welt.» Viele Israeli hätten das geglaubt, bis der Krieg in Gaza sie eines Besseren belehrt habe. 

Dabei verschlingt laut Alnazer der systematische Aufbau von Bildern und Vorstellungen viel Zeit und Effort: «Bestehende Mythen zu entlarven, ist ebenso schwierig. Deshalb brauchen Palästinenserinnen und Palästinenser vorläufig noch israelische Stimmen, um der Welt ihre Geschichte zu erzählen. Diese Realität ist unfair und heuchlerisch, aber nicht zu vermeiden.»

Ein verräterisches Werk

«NAZA» hat in Israel landesweit heftige bis hysterische Reaktionen ausgelöst. Dies, obwohl die wenigsten den Film gesehen haben, der am 10. September am Festival in Venedig Premiere hatte und eine 25-minütige Standing Ovation erhielt. Kulturminister Miki Zohar schlug vor, Yuval Abraham und Rachel Szor die israelische Staatsbürgerschaft zu entziehen. Der Likud-Politiker nennt das Werk «böse» und behauptet, es beinhalte «Verrat». Für Oppositionspolitiker Avigdor Liermann sind die beiden Filmemacher «Hasser Israels»; er beschuldigt sie auch, das Massaker des 7. Oktober in eine Blutverleumdung gegen Israel zu verwandeln.

Derweil postet Journalist und Social Media-Aktivist Yoseph Haddad auf X, Abraham und Szor hätten einen abscheulichen Film gedreht, dessen einziger Zweck es sei, israelische Soldaten des Völkermords anzuklagen: «Die Beiden wissen, dass das Rezept, einen internationalen Preis zu gewinnen, darin besteht, die Soldaten zu verleumden.» 

«Ein verzerrtes Bild»

Ex-General Gadi Eisenkot, Benjamin Netanjahus aussichtsreichster Rivale bei den kommenden Parlamentswahlen, der in Gaza einen Sohn verloren hat, sagte, der Dokumentarfilm zeige «ein verzerrtes Bild» und sei Ausdruck von «moralischer Blindheit» und «Realitätsferne». Derweil haben Anhänger des rechtsextremen Ministers Itamar Ben-Gvir vor dem Elternhaus von Rachel Szor demonstriert. Dort forderte ein Sprecher, die Filmerin und ihr Kollege seien hinzurichten und die Häuser ihrer Familien zu zerstören.

Regisseur Yuval Abraham selbst sagt, Kern des Films sei «ein System (‘Lavender’), das mehr als 70'000 Palästinenserinnen und Palästinenser getötet hat – Schätzungen sagen, die wirkliche Zahl sei noch viel höher, – wie es funktionierte und wie die Welt es zuliess, dass das geschehen ist.» Auf die Parallele angesprochen, die ein Soldat im Film  zwischen dem Holocaust und dem Töten in Gaza zieht, antwortet der Filmemacher: «Wenn wir ‘nie wieder’ sagen und feststellen, wir müssten aus dem lernen, was im Holocaust geschehen ist, dann ist es möglich, das zu tun, wenn wir über Muster nachdenken, die in der Gegenwart zu sehen und zu beobachten sind. Ich sage nicht, dass die Lage (in Gaza) gleich oder identisch ist. Ich glaube nicht, dass sie es ist. Wir müssen jedoch die ähnlichen Muster der Entmenschlichung und des Tötens zur Kenntnis nehmen.»

Mangel an Details

Der renommierte israelische Fernsehjournalist Raviv Drucker hält fest, er habe noch nie einen Film gesehen, der so schwierig anzuschauen gewesen sei. Er kenne persönlich einige der Berichte im Werk: «Unschuldige Palästinenser, die erschossen wurden, weil sie eine Linie überquert hatten, von der sie nicht wussten, dass sie existierte; hungrige Menschen in Gaza, die getötet wurden, weil sie zu einer von Israel etablierten Verteilstelle von Lebensmitteln gingen und dabei Grenzen überschritten, die man ihnen aufgezwungen hatte.» 

Doch Drucker kritisiert, dass «NAZA» verstörende Aussagen ohne jene Details dokumentiere, die nötig wären, um sie als ein gravierendes Problem zu verifizieren: «Soldaten beschreiben ein System, das absichtlich Tausende Unschuldiger in Gaza getötet hat. Aber es gibt keine Daten, keine Orte, nicht einmal einen einzelnen Vorfall, der sich überprüfen lässt.» 

Fehlender Kontext 

Auch vermisst der politische Kommentator den Kontext, aufgrund dessen all die schrecklichen Dinge, die der Film erwähnt, verbrochen worden sind. Ein Soldat erzähle, er habe sich nur um die Erfüllung seiner Aufgabe gekümmert, ein Zweiter ziehe Parallelen zu den Nazis und ein Dritter berichte, wie er seinen Dienst genossen habe. Was beim Publikum den Eindruck erwecke, unschuldige Kinder in Gaza zu töten mache Spass. Was aber, wenn der Soldat einfach geglaubt habe, er helfe mit, die Hamas zu bekämpfen?

 «Alle diese Kontexte sind wohl legitim», argumentiert Raviv Drucker in einem «Haaretz»-Meinungsbeitrag: «Doch der Film wäre der Realität nähergekommen, wenn er andere, relevantere Kontexte erwähnt hätte.» Wenn man die Soldaten zum Beispiel gefragt hätte, ob sie Aufnahmen israelischer Geiseln in der Gefangenschaft der Hamas gesehen hätten. Oder wenn Israels Krieg in Gaza mit dem Vorgehen anderer Armeen bei der Bekämpfung von Terroristen verglichen worden wäre. Oder was sie davon hielten, dass die Hamas Zivilisten als menschliche Schutzschilder missbrauche: «Stattdessen sagt man uns, wir hätten verdächtige Hamas-Aktivisten nachts absichtlich zu Hause mit ihren Familien getötet, weil das bequemer war.» 

Non-Stopp-Berichterstattung

Für den politische Analysten Eli Kowaz zeigt die hitzige Diskussion über «NAZA», wie meilenweit entfernt Leute in Israel von der globalen Diskussion über den Krieg in Gaza sind: «Wenn Israelis jeden Abend die Hauptnachrichten schauen, so sehen sie neue Zeugnisse von Geiseln, welche die Hamas genommen hat, oder einen weiteren Herz zerreissenden Bericht über einen Soldaten der Reserve, der nach einem Kampf mit PTSD Selbstmord begangen hat.» Das seien, meint Kowaz, zwar zweifellos wichtige Geschichten, die es zu erzählen gilt: «Wenn aber Gaza auf dem Bildschirm auftaucht, dann meisten in Form alter Beiträge, die Palästinenser zeigen, die das Massaker feiern.» Was die Fernrsehzuschauer nur selten sehen würden, seien die immense Zerstörung in Gaza und das menschliche Leid, die sie verursacht.

Ganz anders, fährt er fort, verhalte es sich ausserhalb Israels, wo über den 7. Oktober ein paar Wochen lang auf den Frontseiten zu lesen gewesen sei, worauf aber drei Jahre der Non-Stopp-Berichterstattung über Gaza folgten: «Der Schutt, die Zahl der Toten, die Zerstörung und die Vertreibung sowie, natürlich, die schädlichen Äusserungen israelischer Minister, die eine ethnische Säuberung und die Neubesiedlung Gazas forderten.»

«Eine wichtige Geschichte»

Deshalb, argumentiert Eli Kowaz, erzähle «NAZA» eine wichtige Geschichte, die über den Dokumentarfilm hinausgehe: Israelis regierten auf den Film, als sei er eine Attacke auf ihr Land. Dabei sei er eine Attacke auf ihre Wahrnehmung der Realität. Und deshalb würden so viele Leute den Film verurteilen, obwohl sie ihn gar nicht gesehen hätten. Was bis zu einem gewissen Grad eine ehrliche und verständliche Reaktion sei: «Israel kämpft gegen einen barbarischen Feind. Unsere Trauer über den 7. Oktober und unser Trauma, drei Jahre lang mit unseren Kindern in Schutzbunker zu flüchten, erschweren es vielen Israelis, mit Anschuldigungen fertig zu werden, die sie für unfair haslten. Das darf aber keine Entschuldigung dafür sein, unsere Augen und Ohren zu verschliessen.» 

«Haaretz»-Journalist Gideon Levy indes hält Raviv Druckers Forderung nach mehr Kontext in «NAZA» für heuchlerisch, denn der Fernsehmann und andere Kritiker in den Medien würden es nie wagen, nach Kontext für das Massaker vom 7. Oktober zu fragen. Alle müssten sie wissen, dass Watergate und die Pentagon Paper, Perlen des investigativen Journalismus, ebenfalls auf anonymen Quellen beruhten. Und er fragt, wo ihre eigenen Recherchen über das Geschehen in Gaza geblieben sind?

«Ein gesunder Prozess»

«Zum ersten Mal sind Israelis schockiert über etwas, das nicht mit Premier Benjamin Netanjahu oder mit den Geiseln zu tun hat», schreibt Levy: «Zum ersten Mal sind sie wütend, schockiert und fast besinnungslos wegen eines Gewittergrollens, das aus dem Gazastreifen tönt. Und tief im Herzen wissen sie, wieso sie das sind.» Die Welle der Hysterie, die Israel wie noch nie zuvor erfasst habe, enthülle weitgehend das Gesicht einer ganzen Gesellschaft: «Diese Hysterie legt etwas bloss, was während Jahren verborgen geblieben, jetzt aber plötzlich sichtbar geworden ist. Nach Jahren der Repression, der Dementi und der Lügen, der Apathie und der Gleichgültigkeit ist die Euterbeule zu einem mächtigen Strom geplatzt. Das ist ein gesunder Prozess, selbst wenn er sich auch hässlich äussert.»

Mit «NAZA», so Gideon Levy, hätten Yuval Abraham und Rachel Szor die Eiterbeule aufgestochen und das schmerze: «Die Intensität der Reaktionen zeigt, dass die Israelis etwas unter ihren Füssen brennen fühlen. Jeder, der so zornig aufschreit, weiss, dass etwa äusserst falsch gelaufen ist. Eine Gesellschaft, die sich wirklich im Recht weiss, regiert nicht so auf einen Film.» «NAZA», so seine Folgerung, entlarve die Realitätsfremdheit der Israelis.

«Ein Zustand der Verleugnung»

«Israel hat sich während fast drei Jahren in einem Zustand der Verleugnung befunden», sagt schliesslich auch der israelisch-amerikanische Historiker und Holocaust-Forscher Omer Bartov: «Bis ‘NAZA’ aufgetaucht ist, hat es im Land kaum eine Debatte über die umfassende Zerstörung Gazas gegeben. Jetzt reden die Leute darüber, was dort geschehen ist, statt sich zu weigern, darüber zu sprechen.» 

In Israel, meint Bartov, könne einer links stehen, aber seine Kinder dienten in der Armee und er könne stolz auf sie sein, dass sie Soldatinnen und Soldaten seien: «Und dann erfährst du, dass wir vielleicht in einen verbrecherischen Krieg verwickelt gewesen sind. Da fällt es den Leuten schwer, das zu akzeptieren, und sie sie werden alle möglichen Mittel und Wege finden, dem zu widersprechen.»     

Quellen: Haaretz, + 972 Magazine, The New York Times, The Guardian, CNN

Letzte Artikel

Den Elefanten im Raum nennt niemand

Carl Bossard 20. September 2026

Was Trump und Merz können, kann auch Meloni

Heiner Hug 19. September 2026

Ein Baukünstler im Südtirol

Fabrizio Brentini 19. September 2026

Fischbrötchen und Wal-Krampf

Oliver Schulz 18. September 2026

Kanada bald näher an der EU als die Schweiz?

Martin Gollmer 18. September 2026

Friedensordnung oder «Recht des Stärkeren»?

Tobias Kästli 18. September 2026

Newsletter abonnieren

Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter!

Abonnieren Sie den kostenlosen Newsletter!

Zurück zur Startseite
Leserbrief schreiben
Journal 21 Logo

Journal 21
Journalistischer Mehrwert

  • Kontakt
  • Datenschutz
  • Impressum
  • Newsletter
To top

© Journal21, 2021. Alle Rechte vorbehalten. Erstellt mit PRIMER - powered by Drupal.