Noch haben weder Iran noch die USA etwas unterschrieben, aber wenn es denn einmal so weit ist, lassen sich einige Szenarien für die Zukunft erkennen. Nehmen wir an, es gäbe auch eine Einigung über die Strasse von Hormuz, die Meerenge wäre wieder passierbar, die Waffen würden schweigen – und in Teheran begänne das Ringen um die Nachkriegsordnung.
Nach Monaten der direkten militärischen Konfrontation mit Israel und den USA, nach der Tötung Ali Khameneis und dem Zusammenbruch der «Achse des Widerstands» muss sich das Regime der Revolutionsgarden nach einer Eiigung mit den USA einer unbequemen Frage stellen: Wie regiert man ein Land, dessen Legitimation auf einem Widerstandsnarrativ beruht, wenn der Widerstand gescheitert ist?
Das Regime der Überlebenden
Die Erosion begann nicht erst mit dem Krieg. Bereits die Mahsa-Amini-Proteste im Herbst 2022 hatten die tiefe Entfremdung zwischen Regime und Gesellschaft offengelegt. Der Zwölftagekrieg im Juni 2025 tötete fast 30 oberste Militärführer und rund 20 Nuklearwissenschaftler und beschädigte Irans Militär- und Nuklearinfrastruktur erheblich. Der 60-Tage-Krieg vollendete die Dezimierung: Iran verlor seinen Obersten Führer, den Verteidigungsminister, den IRGC-Oberbefehlshaber, den Generalstabschef, den Marinekommandeur, den Basij-Chef, den Geheimdienstminister und rund vierzig weitere hochrangige Funktionäre – der grösste Einzelverlust an Führungspersonal in der modernen Geschichte des Landes.
Was diese Kriege aber nicht zerstörten, waren die Revolutionsgarden – die Pasdaran – als Institution. Schon lange vor dem Krieg hatten sie ihre Stellung systematisch ausgebaut. Seit 2021/22 vollzog sich eine schleichende Machtübernahme; nach dem Wahlsieg des Reformers Masoud Pezeshkian gegen den Hardliner Mohammad Bagher Ghalibaf – der kurzzeitig Hoffnungen auf einen Wandel von innen geweckt hatte – beschleunigten die Garden diesen Prozess. Die gewählte Regierung wurde zur blossen Verwaltungsbehörde degradiert, zum Sündenbock für die Wirtschaftskrise gemacht, während die Garden ihre Kontrolle über 40 Prozent der iranischen Wirtschaft weiter verstärkten. Mit dem Tod Khameneis fiel die letzte institutionelle Schranke.
Was entstand, ist keine klassische Militärjunta. Es ist etwas Subtileres und in gewisser Weise Dauerhafteres: eine legalistische Militärdiktatur, die die Form der Islamischen Republik bewahrt und ihren Inhalt entleert. Die Kleriker sitzen noch in ihren Ämtern. Die Verfassung gilt noch. Aber die eigentliche Entscheidungsgewalt liegt bei Männern in Uniformen, die gelernt haben, in Zeiten der Krise zu regieren.
Die Marktkrise vom Dezember 2025 brachte das Fass zum Überlaufen. Als die Bazaris streikten – die Händler des traditionellen Basars, deren Loyalität seit 1979 eine Säule des Systems gewesen war –, wurde dies als fundamentale Weigerung gedeutet, dem Regime weiterhin Legitimation zu leihen. Die Massenproteste am 8. und 9. Januar 2026, getragen von der Euphorie einer Mittelschicht, die seit Jahren auf diesen Moment hingearbeitet hatte, endeten in einem Blutbad. Die Basij-Milizen schlugen die Erhebung nieder, mit zigtausend Toten und Verletzten. Die vollmundige Durchhalteforderung Donald Trumps – «Hilfe sei unterwegs» – erwies sich als leeres Versprechen. Die Mobilisierung durch Anhänger von Reza Pahlavi verpuffte. Die Revolution frass nicht ihre Kinder; sie zermalmte sie.
Kriegswirtschaft und Alltagsnot
Was der 60-Tage-Krieg hinterlassen hat, ist eine Gesellschaft in schleichendem Zerfall. Keine breite Hungersnot wie in Syrien, aber ein Alltag, der von Mangel und Unsicherheit geprägt ist. In den Supermärkten finden sich noch Brot, Reis, Gemüse, Milchprodukte und Konserven – die Grundlagen fürs Überleben. Doch importierte Produkte verschwinden aus den Regalen, viele Waren sind rationiert, die Preise schwanken täglich.
Fleisch, Eier, Babynahrung und vor allem Medikamente sind für viele unerschwinglich geworden. Ersatzteile für Autos oder elektronische Geräte sind praktisch nicht mehr zu bekommen. Da die Löhne stagnieren, während die Preise explodieren, verliert die Mittelschicht ihre Ersparnisse. Die Menschen horten, was sie können, versuchen ihre Werte in Gold, Dollar oder Euro zu sichern. Die Spaltung zwischen Arm und Reich wird zur Kluft: In den wohlhabenden Vierteln Nord-Teherans wie in Elahiyeh und Zafaraniyeh ist die Versorgung noch befriedigend, in den Provinzen und den ärmeren Stadtteilen der Grossstädte herrscht Mangel. Das BIP wird 2026 voraussichtlich um mehr als sechs Prozent einbrechen.
Die existenzielle Frage, die sich jede iranische Familie heute stellt, lautet nicht mehr, wie sie politisch zum Regime steht. Sie lautet: Wird es morgen noch Mehl geben?
Die Doppelblockade als Verhandlungshebel
Die Revolutionsgarden haben den Krieg operativ-militärisch verloren, aber sie haben sich einen strategischen Trumpf erhalten: die Kontrolle über die Strasse von Hormuz. Durch die Ausweitung des Konflikts auf die Golfstaaten und die US-Militärpräsenz in der Region konnten sie faktisch Verhandlungen erzwingen. Die Drohung, den Öltransport durch die Meerenge jederzeit wieder zu unterbrechen, verschafft Teheran am Verhandlungstisch ein Gewicht, das seiner militärischen Niederlage nicht entspricht.
Eine Vereinbarung mit den USA wird daher wahrscheinlich nicht die bedingungslose Kapitulation sein, die manche Hardliner in Washington fordern. Sie wird eher einem Handel gleichen: Wiedereröffnung der Strasse von Hormuz, Aussetzen des Atomprogramms, Ende der Unterstützung für bewaffnete Gruppen in der Region – im Gegenzug für eine schrittweise Lockerung der Sanktionen und implizite Sicherheitsgarantien für das Regime.
Doch hier liegt ein tiefes Paradox: Sanktionserleichterungen, die tatsächlich ankommen, könnten jene gesellschaftlichen Kräfte stärken, die ein Interesse an Stabilität haben. Das ist die stille Wette des Westens auf gesellschaftlichen Wandel. Sie setzt aber voraus, dass die Früchte eines Abkommens tatsächlich in der Fläche ankommen – und nicht in den Strukturen der Garden versickern, die bereits vier Zehntel der iranischen Wirtschaft kontrollieren. Jede Vereinbarung mit dem Iran von heute stärkt zunächst das System, das sie unterzeichnet.
Das Ringen um die Nachkriegsordnung
Selbst wenn eine solche Vereinbarung zustande kommt, steht die eigentliche Auseinandersetzung noch bevor: der Kampf innerhalb des Systems um seine künftige Gestalt.
Dass Reformen notwendig sind, ist mittlerweile auch im Regime Konsens. Die duale Ordnung der Islamischen Republik – die kooperative Trennung zwischen den Institutionen der Revolution und denen der Regierung – hat sich als dysfunktional erwiesen. Sie ist schwerfällig, korruptionsanfällig, teuer, und sie vermittelt der Bevölkerung längst nicht mehr das Gefühl von Sicherheit und Ordnung.
Doch in welche Richtung sollen die Reformen gehen? Hier zeichnet sich ein fundamentaler Antagonismus ab. Die Fraktion der Garden drängt auf Machtkonzentration: eine legalisierte Militärdiktatur, gestützt auf eine radikalisierte Ideologie der islamischen Revolution. Diese Fraktion kontrolliert die Waffen, die Wirtschaft und die Nachrichtendienste. Sie hat die Proteste niedergeschlagen, sie hat den Krieg geführt, sie hat den Staat gerettet – so ihre Selbstwahrnehmung.
Die Nomenklatura, die Trägerschaft des Regierungsapparats, vertritt einen anderen Ansatz: Regierungshandeln soll zur entscheidenden politischen Kategorie werden, verbunden mit einer Umstrukturierung der Wirtschaft, einer Zurückdrängung des Parallelstaats der Garden und einer schrittweisen Öffnung nach aussen. Diese Fraktion hat keine Divisionen, aber sie hat Expertise, internationale Kontakte – und sie weiss, dass das Land ohne funktionierende Institutionen nicht zu regieren ist.
Die Grenzen der Opposition
Können sich in diesem Antagonismus Spielräume für eine innergesellschaftliche Opposition öffnen? Unwahrscheinlich, zumindest kurzfristig. Die Niederschlagung der Januar-Proteste hat die organisierte Opposition im Land zerschlagen. Die Diaspora ist gespalten – zwischen Monarchisten, Republikanern, ethnischen Bewegungen und linken Gruppen, die sich gegenseitig misstrauen. Die Bevölkerung ist erschöpft, traumatisiert, mit dem Überleben beschäftigt.
Was bleiben könnte, ist ein stiller Wandel: eine Generation, die zwar nicht mehr gegen das Regime auf die Strasse geht, aber auch nicht mehr an es glaubt. Eine Gesellschaft, die das System erduldet, aber nicht mehr trägt. Ob aus dieser passiven Resistenz irgendwann wieder aktiver Widerstand wird, hängt davon ab, ob das Regime seine Nachkriegsprobleme lösen kann – oder ob es an ihnen scheitert.
Drei Szenarien
Das chinesische Modell: Die Garden setzen sich durch, errichten eine effiziente Autokratie, öffnen die Wirtschaft bei gleichzeitiger politischer Repression. Die Sanktionen werden gelockert, chinesisches und russisches Kapital fliesst, der Lebensstandard stabilisiert sich. Das System überlebt, indem es aufhört, eine Revolution im Sinne Khomeinis zu sein und zu einer gewöhnlichen Diktatur wird.
Das nordkoreanische Modell: Der Antagonismus zwischen Garden und Nomenklatura bleibt ungelöst, Reformen werden blockiert, die Wirtschaft erholt sich nicht. Iran verharrt in einem Zustand permanenter Krise – isoliert, verarmt, aber stabil durch totale Kontrolle. Ein Albtraum für die Bevölkerung, aber keine unmittelbare Bedrohung für die Region.
Das sowjetische Modell: Die Vereinbarung mit den USA leitet einen Reformprozess ein, der ausser Kontrolle gerät. Die Öffnung nach aussen weckt Erwartungen, die das System nicht erfüllen kann. Die Spannungen zwischen Garden und Nomenklatura führen zur Fragmentierung der politischen Ordnung. Irgendwann – vielleicht in fünf Jahren, vielleicht in fünfzehn – implodiert das System.
Welches Szenario eintritt, lässt sich heute nicht vorhersagen. Sicher ist nur: Die Islamische Republik, die aus den Verhandlungen mit den USA hervorgehen wird, wird eine andere sein als jene, die 1979 gegründet wurde. Der revolutionäre Elan ist erschöpft, der regionale Einfluss zerbrochen, die Gesellschaft entfremdet.
Die Menschen auf den Strassen von Isfahan und Schiras, in den ärmeren Vierteln von Teheran und den vergessenen Provinzstädten werden diese Machtkämpfe mit der einzigen Frage beobachten, die für sie zählt: Wird es morgen besser?
Der Krieg ist vielleicht vorbei. Der Kampf um Irans Zukunft hat aber schon begonnen.