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Kommentar

Von der Leyen: «Ich höre das Herz Europas in Ungarn schlagen»

13. April 2026 , Budapest
Renate Flottau
Renate Flottau
Péter Magyar
Der Sieger: Péter Magyar während einer Medienkonfernz am Montag in Budapest (Keystone/EPA/Tibor Illyes)

Bis zuletzt hatte er gehofft, er werde wie die Sphinx aus der Asche fehlerhafter Meinungsumfragen wieder auferstehen. Doch nur zwei Stunden nach Schliessung der Wahllokale gratulierte Viktor Orbán seinem Herausforder Péter Magyar zu seinem klaren Sieg. 

Bis zuletzt hatte er gehofft, er werde wie die Sphinx aus der Asche fehlerhafter Meinungsumfragen wieder auferstehen – nur zwei Stunden nach Schliessung der Wahllokale hatte Viktor Orbán dann seine «schmerzliche, aber eindeutige Niederlage» gegen seinen Herausforderer Péter Magyar von der Tisza-Partei eingestehen müssen. «Er hat mir gratuliert», bestätigte Wahlsieger Magyar wenig später.

In den meisten Teilen Europas ist damit ein Albtraum beendet: Der 16 Jahre mit Macht und Willkür regierende bisherige ungarische Regierungschef Viktor Orbán, 63, ist entthront, der ewige Blockierer ist politisch entsorgt, Moskau und Washington trauern gleichermassen einem Verbündeten nach, der die EU destabilisieren sollte. EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen hingegen frohlockt: «Ich höre das Herz Europas in Ungarn schlagen.»

Vorangegangen war ein Wahlkampf, bei welchem keine Seite sich gescheut hatte, in der schmutzigen Wäsche der Gegenseite zu wühlen – von angeblichen Sexvideos über Magyar bis zu Enthüllungen über die familiären Verstrickungen des Orbán-Clans in Korruption und Bereicherung. Gepunktet hatte in diesem Duell der Oppositionelle Magyar, der seit zwei Jahren unermüdlich in ungarischen Städten und Gemeinden um Stimmen geworben und dabei mit seinem Slogan «Null Korruption», sozialen Reformen und der Zerschlagung des Orban-Filzes vor allem die jugendlichen Wähler hinter sich versammelt hatte.

Der EU und der Nato gegenüber verpflichtet

Der 45-jährige studierte Rechtswissenschaftler Magyar mit der modischen Undercut-Frisur und seinem dynamischen Auftreten hatte es geschafft, den Stagnationsfrust der Bevölkerung zu durchbrechen und sich glaubwürdig als emotionale Regierungsalternative zu präsentieren. Im Gegensatz zu Orbán verfolgt Magyar weder der Ruf ideologischer Verbrämtheit noch der eines Chauvinisten. Er fühlt sich, so seine Wahlkampfrhetorik, sowohl der EU wie auch der Nato verpflichtet und wolle Ungarns Image als Paria Europas so schnell wie möglich abstossen.

Der Senkrechtstart des künftigen Premiers hatte vor mehr als zwei Jahren begonnen. Der bis dahin als Emissär Orbáns mit zahlreichen diplomatischen Vertretungen in Brüssel und gut dotierten Posten in regierungsnahen Organisationen betraute Magyar hatte sich zur spektakulären Abwendung von Orbán entschieden, als seine Ex-Ehefrau Judit Vargha 2024 als Justizministerin geschasst worden war. Diese hatte – weisungsgebunden – eine Begnadigung für einen Fidesz-Mann unterschreiben müssen, welcher der Begünstigung von Pädophilie beschuldigt worden war. Provoziert durch dieses Ereignis hatte Magyars politischer Amoklauf als «Whistleblower» gegen Orbáns Polit-Mafia begonnen – wenn auch nicht immer mit ganz legalem Rückgriff auf die (heimlich aufgenommenen) Erzählungen seiner Ex-Gattin.

Wie gross wird Magyars künftige Macht tatsächlich sein?

Obwohl Meinungsumfragen seit Langem einen Sieg des Orbán-Herausforderers prognostiziert hatten, schien die entsprechende Hürde für dessen tatsächliche Macht – das Erreichen der Zweidrittelmehrheit im künftigen Parlament – selbst für viele Optimisten ein zu ambitiöses Ziel. Umso grösser war der Jubel nach den ersten Auszählungen: Mit 138 von 199 Mandaten und 53,6 % der Stimmen hatte Magyars Tisza-Partei Orbáns Fidesz-Partei mit nur 55 Mandaten ebenso zu Statisten degradiert, wie letzterer 16 Jahre lang mit seiner 2/3-Mehrheit die Kontrollmechanismen der Demokratie ausgehebelt hatte: mit der Unterdrückung der Medien, der Beugung der Justiz, der Verflechtung öffentlicher Ämter und Schlüsselpositionen mit der Fidesz-Partei. Egal, ob es um die Düpierung Brüssels gegangen war, die Solidarisierung mit dem Kreml oder die provokative Unterstützung aller Trump-Allüren – der Souverän Orbán hatte stets allein im Namen des Volkes und eines ihm untergebenen Parlaments entschieden.

«Ungarn brauche jemand, der mit dem Kopf durch die Wand geht», hatte Budapests grüner Bürgermeister Gergely Karacony überraschend seine Unterstützung für Magyar begründet. Und der will diesem Ruf mit Taten gerecht werden und kündigte noch in der Wahlnacht an, mit dem Besen durch das verkrustete System Orbán zu fegen: Das Amt des Ministerpräsidenten soll auf zwei Mandate begrenzt werden, Ungarns Präsident Tamás Sulyok wird aufgefordert, nach Übertragung des Regierungsmandats auf Magyar zurückzutreten. Ministerköpfe werden fallen, das Verfassungsgericht und seine Richter von Orbán-Günstlingen gesäubert, kurzum – das Land soll in Magyars neuer Demokratie runderneuert und Ungarn «von Orbáns Knebeln» befreit werden (Magyar).

Wird Magyars Politik nur eine «Orban-light»-Variante?

In Brüssel hatte man dem Oppositionellen Magyar während dessen Wahlkampfs nahezu eine Carte blanche ausgestellt, Motto «Hauptsache, Orbán fällt». Allerdings hatten Magyars vollmundiges Bekenntnis zur EU und zur Nato und die auf Wahlveranstaltungen von ihm selbst orchestrierten Chöre «Russen raus» Brüssel auch nachsichtig auf vermutliche Defizite bei der künftigen EU-Kooperation reagieren lassen: etwa die Asylpolitik oder die Skepsis gegenüber der Ukraine, wo Magyars Politik Orbán nähersteht als jene der EU.

Trotzdem ist kaum zu erwarten, dass der künftige Premier die sture Veto-Politik Orbáns fortsetzen wird – allein der rund 19 Milliarden Euro eingefrorenen EU-Hilfen wegen, deren Freigabe nicht nur Ungarns Wirtschaft stützen, sondern auch Magyars Reputation während der ersten Regierungsmonate festigen könnte. Selenskyjs Besuch bei den ungarischen Minderheiten in der Ukraine kurz vor den Wahlen und dessen Zusage, sich künftig mehr für deren Probleme einzusetzen, sollten Magyar vermutlich dazu bewegen, künftige Entscheidungen zugunsten der Ukraine (Hilfspakete, militärische Hilfen) wohlwollend zu akzeptieren – allem voran das von Orbán blockierte 90-Milliarden-Euro-Kreditpaket für den Nachbarstaat.

Annullierung bestehender Gaslieferverträge?

Der wohl schwerwiegendste politische Turnaround werden die künftigen Beziehungen zu Moskau sein, dessen Medien den Verlust der strategischen Bastion in Europa überwiegend feindselig kommentierten, als eine vom Westen bzw. der CIA gesteuerte hybride Operation, bei welcher die Souveränität Ungarns geopfert wurde (Staatsfernsehen Rossija 1). Auch über mögliche Konsequenzen wird bereits spekuliert – etwa eine Revidierung der Verträge mit Rosatom, welches mit dem Ausbau des ungarischen Kernkraftwerks Paks II betraut worden war, oder die Annullierung bestehender Gaslieferverträge. Zweifellos muss Moskau künftig auf einen wichtigen Verbündeten verzichten – hatte doch Orbán noch kurz vor den Wahlen einen 12-Punkte-Plan mit Putin abgestimmt, der Medienberichten zufolge u. a. russischsprachigen Unterricht oder russische Lehrkräfte in ungarischen Schulen ebenso beinhaltet habe wie künftige wirtschaftliche und politische Kooperation.

Der Rest der Orban-Fans dürfte sich indes schneller mit dem neuen ungarischen Premier arrangieren, als deren Unterstützungsappelle vermuten liessen.

Frostiger Trump

Serbiens Präsident Aleksandar Vučić, engster Verbündeter Orbáns in den vergangenen Jahren, hatte diesem noch vor dem Wahltag «im Falle seiner Niederlage» für alles gedankt, was er für die gegenseitige Freundschaft geleistet habe. Zahlreiche andere europäische Orbán-Sympathisanten, wie etwa Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, hatten zu den ersten gezählt, die dem Wahlsieger Magyar gratulierten.

Lediglich Amerikas Präsident Trump hielt sich bisher in frostigem Schweigen bedeckt. Seine Überzeugung, ein Last-minute-Besuch seines Vize JD Vance, die unmittelbar vor den Wahlen zugesagten wirtschaftlichen Hilfen (Trump: «Ungarn steht ein goldenes Zeitalter bevor») würden ausreichen, um Ungarns acht Millionen Wählern die Alternativlosigkeit eines von ihm gewünschten Wahlausgangs zu demonstrieren, erwies sich als Fehlkalkül. Ein Präsident, sei er auch noch so mächtig, der andere Völker als verrückte Bastarde betitelt und mit einer Auslöschung von deren Zivilisation droht, wirkte offenbar auf ungarische Wähler eher furchterregend denn als vertrauensweckende Empfehlung für Wahlkandidaten.

Und Orbán?

Wird er sich widerstandslos mit seiner Rolle als künftiger Oppositionsführer abfinden? Die Skepsis war jedenfalls gross, dass er mit aller Macht einen Regierungswechsel behindern werde – etwa, indem er Parlamentspräsident Laszlo Köver zur Einberufung des Parlaments auffordert, welches noch bis zu 30 Tage nach den Wahlen in der bisherigen Zusammensetzung Gesetze verabschieden und damit die Arbeit der künftigen Regierung behindern kann. Auch eine Ausdehnung der Befugnisse des Präsidenten war als eine der Möglichkeiten, Magyars Kompetenzen zu beschränken, als Racheoption Orbáns nicht ausgeschlossen worden.

Mittlerweile herrscht allerdings die Überzeugung, die Niederlage Orbáns sei zu hoch gewesen, um diese nach dem Trump'schen Modell anzufechten und sich verzweifelt an die Macht zu klammern. Einen Rücktritt als Fidesz-Vorsitzender, wie noch kurz vor den Wahlen im Falle einer «grossen Niederlage» angekündigt, hat Orbán offenbar bereits ad acta gelegt. Er werde weiter in der Opposition für das Wohl Ungarns kämpfen und kämpfen, versprach er seinen Anhängern nach dem Eingeständnis seiner Wahlniederlage. Seine Schlussrede vor Tausenden Anhängern am Budapester Donauufer beendete er mit Tränen in den Augen und den Worten: «Gott über uns alle – Ungarn über alles». Ein Abgang, der Hoffnung hinterlässt.

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