Heiner Kielholz (*1942) rückt ins Blickfeld, was ihm am nächsten ist: den eigenen Lebensraum. Und der liegt in Poschiavo und, in Abgeschiedenheit, im oberen Veltlin. Das Kunstmuseum in Chur zeigt 90 seiner Werke, die in den letzten rund zwanzig Jahren entstanden sind.
Die meisten der kleinformatigen Ölmalereien zeigen Innenräume. Der Maler blickt in seinen eigenen Lebensraum. Und der ist oft leer und aufgeräumt. Das Bett ist ordentlich gemacht. Auf einem Tisch steht ein Gefäss. Im nächsten Bild ist es eine Streichholzschachtel. Ein Küchentuch ist sauber und ordentlich gefaltet. Da liegt ein Buch offen, als habe der Maler die Lektüre unterbrochen, um am begonnen Bild weiterzuarbeiten. Einmal quillt der Inhalt aus einer halb geöffneten Tasche, als breche der Maler bald auf zu einer seiner vielen Reisen – nach Italien, in die Balkanländer, in die Türkei, nach Griechenland oder sonstwohin –, die sein Künstlerleben prägten, und von denen er kleinformatige Bilder nach Hause brachte, die seinen neugierig registrierenden, aber unspektakulären Blick auf Fremdes festhielten. Aber er ist sesshaft geworden. Weite Reisen internimmt der 84-Jährige kaum mehr. Poschiavo, das unmittelbar nördlich von Poschiavo liegende San Carlo und die dem Puschlav ähnliche Berglandschaft des Veltlins – das ist seine Heimat, und dieser Heimat wendet er sich als Maler seit rund zwei Jahrzehnten zu, unter Verzicht auf Aussergewöhnliches, Spektakuläres und diesen Lebensraum Sprengendes.
Ungestümes Beginnen
Heiner Kielholz: Der im Aargauer Fricktal geborene und aufgewachsene Künstler lebte und arbeitete um 1970 im legendären «Ziegelrain» in Aarau, in einer Gruppe gleichaltriger Künstler wie Hugo Suter, Christian Rothacher, Max Matter, Markus Müller und Josef Herzog. Sie waren eine progressive «Zelle», mischten die in der «dunkeltonigen» Provinz dahinschlafende Aargauer Kunstszene auf – sekundiert von der mehr als eine Generation älteren Wettinger Malerin Ilse Weber und gefördert vom Aargauer Kunsthaus-Leiter Heiny Widmer eher auswärts in Zürich oder St. Gallen als in der schlummernden Aargauer Heimat. Heiner Kielholz über jene wilde Zeit: «Wir gingen aufeinander zu, stachelten einander an zu kühnen Formulierungen (…) Dynamik der Gruppe: unabsehbar, angeregt, ausfransend. Es konnte auch ein Hammer durch die Luft fliegen.» Legendär wurde das «Dalmatiner»-Projekt von Kielholz: Er versah die Wände seines Ateliers mit schwarzen Punkten, liess einen Dalmatiner-Hund mit ebenfalls gepunktetem Fell darin laufen und hielt das Ganze in Fotografien fest.
Die «Ziegelrain»-Gruppe erlangte bald Berühmtheit weit über Aarau hinaus und bis ins Ausland. Sie wurde Teil einer jungen Schweizer Kunst. Zu viel Berühmtheit schien Heiner Kielholz aber zu stören: Er suchte das Weite und Ferne und zog aus. Vielleicht floh er den Lärm, das Aufsehen, die Betriebsamkeit oder den «Markt» mit seinen Zwängen. Vielleicht liebte er den Rückzug auf das, was ihm wesentlich schien, das Karge, Leise, die Askese, die Einfachheit. Er wurde zum Prototyp des «nomadisierenden Künstlers». (Einige Künstlerkollegen, denen diese Form der anspruchslosen Künstlerexistenz vielleicht fremd oder unerreichbar bleiben musste, vermuteten dahinter eine bewusste und geschickte Marketing-Strategie, was es bestimmt nicht ist.)
Hin und wieder kam Kielholz von seinen Reisen zurück in die Schweiz und zeigte – selten genug – in Ausstellungen seinen eigenen Blick auf die fremde Welt und ihre Menschen. Seinen Freunden blieb er vertraut, in der Schweizer Kunst ist er aber eher ein Gerücht – allerdings mit Ausnahme zweier bedeutender Übersichtsausstellungen zur Schweizer Kunst: 1976 nahm Jean-Christophe Ammann ihn in die Gruppenschau «Mentalität Zeichnung» im Kunstmuseum Luzern auf. 1981 zeigte Ammanns Nachfolger Martin Kunz am gleichen Ort Heiner Kielholz in der Ausstellung «Schweizer Kunst ’70–’80». Das waren gewichtige Standortbestimmungen. Einzelausstellungen seiner Werke gab es in Olten (1983), Aarau (1987), im Helmhaus Zürich (1997), in Winterthur (2006) und in Chur (2014).
Das Spektakuläre des Gewöhnlichen
«Ziegelrain» ist längst Geschichte. Und nun die von Stephan Kunz kuratierte Ausstellung mit Malereien der vergangenen rund zwanzig Jahre. Der Künstler entschied sich für Begrenzung und Konzentration. Vor allem sehen wir menschenleere Interieurs. Gebrochene Töne herrschen vor. Licht fällt durch sich im Luftzug bauschende Vorhänge in die Zimmer. Auf dem Tisch sind allerlei Gegenstände zum ruhigen Stillleben geordnet. Durch Fenster sieht man auf unmittelbare Aussenwelt im engen Tal bei San Carlo. Sonst ist Landschaft, sind Aussenräume selten. Einmal streift der Blick übers Veltlin und einmal über die Alpe Orobie, eine monumentale Gebirgsgruppe in den Bergamasker Alpen. Auch wachsende Natur ist kaum zu entdecken. Ein mit weissen Blüten besetzter Zweig, der über ein Wellblechdach in den Himmel sticht, bleibt allein.
Was all diesen Malereien gemeinsam ist: Sie sind mit Sorgfalt, Konzentration oder liebender Zuwendung (ein grosses Wort, ich weiss) gebaut. Es gibt nichts Zufälliges – keinen willkürlichen Pinselstrich, keine ausfahrenden Bewegungen. Heiner Kielholz hat sein Malen immer unter Kontrolle, die Proportionen, die Farbtöne, die Gewichtungen, die Lichtführung. Die teils gleissend weissen, teils im Schatten liegenden Schneeberge bei San Rocco (in der Nähe von Tirano) heben sich vom blassblauen Himmel ab. Sparsame Lichtreflexe beleben die Oberfläche des hellblauen Keramikkruges. Licht fällt auch auf den Holzknopf an der Tischschublade. Auf einem anderen Bild zeichnen die einfallenden Sonnenstrahlen einen hellen Streifen auf den rohen Bretterboden des Schlafzimmers.
Heiner Kielholz zeigt in seinen Malereien, die er in Chur ausstellt, das Gewöhnliche, nicht das Spektakuläre – doch die Intensität seines malerischen Zugriffs auf die Wirklichkeit und der damit verbundenen Wahrnehmung unterstreicht das Spektakuläre des Gewöhnlichen.
Bündner Kunstmuseum Chur
bis 2. August
Katalog mit einem Text von Stephan Kunz