Ein bisschen zerzaust kommt sie angesaust, direkt von der Probe. Aber sie strahlt übers ganze Gesicht: Pınar Karabulut, Regisseurin, neu aber auch Intendantin des Zürcher Schauspielhauses.
Mehr als ein halbes Jahr ist sie nun schon hier im altehrwürdigen «Pfauen» im Duo zusammen mit Rafael Sanchez. Pınar Karabulut ist aus München nach Zürich gekommen, Rafael Sanchez musste sozusagen nur die Strassenseite wechseln: Er hat zuvor das Theater am Neumarkt geleitet. Mit Karabulut und Sanchez hat das Schauspielhaus nun nach schwierigen Zeiten unter der vorherigen Leitung einen neuen Anlauf genommen.
Ganz einfach ist der Start für das Intendanten-Team nicht gewesen, und es braucht wohl immer noch einige Zeit, bis das Publikum sich wieder mit dem Schauspielhaus anfreundet. Allzu sehr ist es in den vergangenen Spielzeiten durch Aufführungen vergrault worden, die den einen zu woke, den anderen zu uninteressant waren. «Wir spüren, dass sich unser Publikum allmählich wieder neu aufstellt», sagt Karabulut und hofft, das Publikum wieder für das Schauspielhaus zurückzugewinnen.
«Il Gattopardo» als Publikumshit
Einen ganz grossen Pluspunkt hat Pınar Karabulut sich immerhin schon verdient: «Il Gattopardo», ihre szenische Bearbeitung des berühmten Romans von Giuseppe Tomasi di Lampedusa, in der grossen Halle des Schiffbaus hat das Publikum begeistert und ist ständig ausverkauft.
«Also ich bin sehr zufrieden», sagt Karabulut und strahlt. «Ich bin glücklich, aber es ist noch wie in einem Traum. Alles wirkt ein bisschen surreal, denn natürlich ist es für mich eine der wichtigsten Premieren gewesen: Es war meine erste neue Produktion als Intendantin, die erste und einzige Produktion in dieser Saison in der Schiffbau-Halle, und ‹Il Gattopardo› ist einer meiner liebsten Romane, den ich schon seit Jahren dramatisieren wollte. Es kommen so viele Superlative zusammen. Ich bin immer noch dabei, alles wie von aussen zu betrachten.»
Pınar Karabulut kommt richtig ins Schwärmen und ein bisschen auch ins Staunen, wie das alles gelaufen ist. Denn sie hat sich seit sieben Jahren mit dem Projekt «Il Gattopardo» beschäftigt. Dass eine Guckkastenbühne nicht dafür in Frage kam, war ihr klar. So etwas wie der Schiffbau schwebte ihr vor. Und als sie im Dezember 23 die Zusage für die Leitung des Schauspielhauses bekommen hatte, legte sie los … Rechte mussten abgeklärt, ein Ensemble zusammengestellt und ein Konzept entwickelt werden. Der Schiffbau hatte dabei von Anfang an zum Konzept gehört. «Ich hätte es nie in einer Halle in Bochum oder Berlin machen können oder wollen, das passte einfach nicht. Die Grösse und die Eleganz der Schiffbau-Halle mit dem gleichzeitig sichtbaren Verfall der Eleganz, das ergibt so eine Art ‹shabby chic›. Das hat eine Essenz, die man auch in Palermo sieht: In diesen alten Palazzi, die am Verfallen sind, steckt eine Romantik und gleichzeitig eine Tragik. Das habe ich versucht, in diesen Abend hineinzinszenieren, die Vergänglichkeit, den Tod.»
Auch lange nach der Premiere des «Il Gattopardo» kommt sie noch ins Schwärmen über das, was sie ein Herzensprojekt nennt. Zur Idee gehört aber auch die Ausführung: «Das Schauspielhaus Zürich ist schon lange im ganzen deutschsprachigen Theaterraum bekannt für seine grossartigen Werkstätten. Auch deshalb war mir klar: ‹Il Gattopardo› gehört nach Zürich. Es ist natürlich besonders schön, dass dieses Herzensprojekt auch vom Publikum so begeistert angenommen wird.»
Unterdessen wurde «Il Gattopardo» auch nach Berlin eingeladen und wird dort das Theatertreffen eröffnen, als eine der zehn interessantesten Aufführungen dieser Spielzeit im deutschsprachigen Theater.
Quirlig, bunt und ungeniert
Inzwischen hat Pınar Karabulut William Shakespeares «Ein Sommernachtstraum» auf die Pfauenbühne gebracht. «Wir haben viel gekürzt und manche Szenen ineinander verschnitten», so Karabulut. «Dennoch sind wir nah am Original und bleiben der Geschichte treu. Wir nehmen alle wesentlichen Handlungsstränge und vor allem Shakespeares Sprache sehr ernst. Einzig die Rahmenhandlung am Hof von Theseus kommt in dieser Inszenierung nicht vor. Die Liebenden sind bei uns zwei ältere Paare.» Karabulut legt das Schwergewicht ihrer Inszenierung laut eigener Aussage «auf das Spiel mit (Alb-)Traum und Realität, den schnellen Wechsel von Liebesprojektion, Anbetung und Unterwürfigkeit und rasanter Ernüchterung. Auch auf ‹midsummer madness›, die die Figuren im Zauberwald packt, und sie setzt auf Theatermagie und Märchen, auf grosse Gefühle und die Macht der Liebe».
Entstanden ist eine turbulente und temporeiche Aufführung, quirlig, bunt und ungeniert. Die Geschichte um diverse Pärchen, die da in der Sommernacht durch den Wald geistern, ist vielleicht fürs Publikum nicht immer ganz nachvollziehbar, insbesondere weil die erklärende Rahmenhandlung gestrichen wurde. Dennoch ist der Abend spannend, denn die Darsteller und selbstverständlich auch die Darstellerinnen sind dermassen virtuos in Schauspiel, Gesang und Tanz, dass man sich fasziniert vom wilden Treiben auf der Bühne mitreissen lässt. Der Jubel im Publikum bestätigt es.
Für Pınar Karabulut war es nicht die erste Shakespeare-Aufführung. «Vor zehn Jahren habe ich am Schauspiel Köln ‹Romeo und Julia› inszeniert. Interessanterweise hat Shakespeare zur gleichen Zeit an beiden Stücken gearbeitet. Er hat sich somit auf unterschiedliche Art und Weise mit der Liebe auseinandergesetzt. Der ‹Sommernachtstraum› ist eine Komödie über die Irrationalität, die Austauschbarkeit der Liebe. ‹Romeo und Julia› hingegen ist die herzzerreissende Tragödie über die eine, einzigartige Liebe, die über alle Hindernisse hinweg mit dem Tod endet.»
Inzwischen hat das neue Team die halbe Spielzeit hinter sich. Verschiedene Stücke sind richtig gut gelaufen und haben wieder Lust auf Theater gemacht. Ein paar andere haben ihr Publikum (noch) nicht so recht gefunden. Aber insbesondere Pınar Karabulut muss erst einmal ihre Erfahrungen mit Zürich machen. «Ich kenne Zürich schon recht gut aus privaten Gründen, als Besucherin, als Touristin. Natürlich ist es spannend, hier zu wohnen, sich einzuleben und die Stadt noch einmal neu zu entdecken – und parallel dazu diesen Job als Intendantin zu haben.» Ihre ersten Erlebnisse mit Zürich sind durchaus positiv. «Zürich empfinde ich als eine sehr kunstaffine Stadt. Als offene Stadt, die auch Interesse an Oper und Theater hat. Es gibt viele Theaterbühnen hier, und zwar in der freien Szene wie auch in den staatlich geförderten Häusern. Ich finde das grossartig. Ich bin auch ein Fan vom Zürcher Publikum. Wenn wir im Foyer sind, führen wir gern Gespräche mit den Zuschauenden … das habe ich in der Vergangenheit sehr selten erlebt, dass jemand aus dem Publikum auf mich zukommt und Feedback gibt. Das ist doch toll! Ich finde solche Reaktionen wichtig, denn das Theater ist ein Forum. Wir sind ein Medium und müssen im Gespräch bleiben.»