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Irankrieg

Der Golf verliert

13. April 2026
Daniel Woker
Hormuz
Blockierte Cargo-Schiffe in der Strasse von Hormuz (Keystone/AP/Altaf Qadri)

Ohne Rohstoffe aus Saudi-Arabien und den Emiraten am Golf kommt vieles zum Stillstand, nicht nur in der Strasse von Hormuz. Dass die Zukunft dieser Länder durch den Irankrieg in Frage gestellt wird, ist von grosser Bedeutung, auch ausserhalb des Mittleren Ostens.

Prognosen sind immer schwierig, aber im Irankrieg sind sie es besonders. Und doch können bereits heute erste Schlüsse gezogen werden, wie sich die geopolitische Lage am Golf nach Kriegsende präsentieren wird. Unbesehen davon, wann, wie und ob überhaupt von einem Kriegsende gesprochen werden kann. Die im Moment geltende Waffenruhe ändert daran nichts.

Der Aufstieg der Ölstaaten

Die arabische Halbinsel mit ihren einzigartigen Vorkommen von Öl und Gas ist seit den 1960er-Jahren von einem wenig bedeutenden Anhängsel der arabischen Welt zu einem geopolitischen Machtfaktor mit globaler Bedeutung geworden. Zunächst durch Energielieferungen in die gesamte Welt und primär nach Asien. Der daraus resultierende Reichtum führte als Nächstes zu gewaltigen Kapitalbewegungen, sowohl aus den Golfmonarchien in die Weltwirtschaft hinein als auch umgekehrt in diese Länder. 

Auf Geld folgen Menschen, so etwa katarische Präsidenten der grössten Fussballclubs in Europa und umgekehrt unzählige Touristen aus aller Welt in Dubai sowie Hunderttausende billiger Arbeitskräfte, insbesondere aus Südasien, an den Golf, ohne die dort nichts funktionieren würde. Angesichts der Fata Morgana von Wolkenkratzern in der katarischen Hauptstadt Doha, in der Grossmetropole Dubai/Abu Dhabi und nun auch in Riad geht leicht vergessen, dass solche Traumgebilde ebenso schnell verschwinden können, wie sie entstanden sind.

Der Fall Kuwait

Das Beispiel in der Region bildet Kuwait, das erste der Öl-Eldorados der Halbinsel in den 60er- und 70er-Jahren. Das Land hat sich vom irakischen Saubannerzug von 1990/91 unter Saddam Hussein, der nicht nur massiven Schaden, sondern auch unendliches Leid anrichtete, bis heute nicht wirklich erholt. Die materiellen Schäden mögen behoben sein, das psychologische Trauma ist geblieben. Der Schreibende hat das vor Ort miterlebt. Und vor allem: Die Perzeption von Sicherheit, garantiert durch den amerikanischen Schutzschild, besteht sowohl im Innern wie gegen aussen, beim internationalen Anlagekapital, nicht mehr.

Dasselbe könnte sich nun im weitaus grösseren Massstab wiederholen. Vergleichsweise wenige iranische Raketen und Drohnen auf strategische Ziele in Katar, den VAE (Vereinigte Arabische Emirate) und auch Saudi-Arabien haben gezeigt, dass die Sicherheit dieser Staaten trotz grossem Aufwand mit eigenen Waffen und massivem Einsatz modernster US-Kriegstechnik relativ ist. Damit ist die Perzeption des Golfs als friedliche Insel im notorisch unruhigen nahöstlichen Umfeld dahin.

Nicht nur Touristen

Was in westlicher Aufregung über gestrandete Touristen und Umsteigepassagiere am internationalen Luftdrehkreuz unten am Golf oft vergessen ging, ist die ungleich höhere Anzahl von Gastarbeitern – wie spätestens seit der Fussball-WM in Katar bekannt ist, eher Arbeitssklaven – aus Indien, Pakistan und Nepal, welche die Ölstaaten überhaupt erst zum Funktionieren bringen. Mit Ausnahme von Oman sind die Einheimischen in den arabischen Golfstaaten primär mit der Verwaltung ihrer Vermögen beschäftigt; jedenfalls leisten diese Gastarbeiter praktisch die gesamte physische Arbeit. Ihr rechtlicher Schutz ist prekär, sie sind an ihre Arbeitgeber gebunden, welche oft ihre Pässe einziehen, und der Weg zur Staatsbürgerschaft ist ihnen verwehrt, auch bei langem Aufenthalt, selbst bei Geburt dort. Nur die Kinder männlicher Golfbürger werden automatisch Staatsbürger, die allein staatliche Sozialunterstützung erhalten. Die Unmöglichkeit, vollberechtigter Bürger zu werden, gilt generell auch für Fachkräfte etwa aus Ägypten und dem Libanon sowie für westliche Expats.

Angesichts ausbleibender Touristen, verwaister Baustellen und des Stillstands in den Bereichen Grossanlässe und Kultur haben viele von ihnen nichts zu tun und werden, wenn überhaupt, nur begrenzt entlöhnt. Dies hat sowohl Auswirkungen auf die lokale Wirtschaft als auch – und in viel höherem Ausmass – auf die Wirtschaft der Entsendeländer, welche auf diese Remissen dringend angewiesen sind. Genaue Statistiken fehlen, aber Schätzungen gehen von hohen Milliardenbeträgen aus. Nepal allein „verdient“ fast die Hälfte seines BIP im Golf.

Wie schnell und in welchem Ausmass auch bei einer relativen Beruhigung der Lage die Touristen zurückkommen werden, ist offen. Jedenfalls wird das viel länger dauern als eine reguläre Wiederaufnahme der Transporte durch die Strasse von Hormuz.

Rückzug

In den Medien tauchen erste Berichte auf, dass ausländisches Privatkapital aus dem Golf in andere einschlägige Häfen transferiert werde, so etwa nach Hongkong, Singapur und in die Schweiz. Anderes Kapital, auch jenes von Einheimischen, dürfte noch abwarten, aber auch da ist eine Absetzbewegung voraussehbar. Phantasieprojekte, wie sie aus Saudi-Arabien bekannt sind und die bereits vor Kriegsausbruch zurückgefahren wurden, dürften fallengelassen werden, weil gerade Riad seine letztlich doch begrenzten Mittel in verstärkte Aufrüstung stecken wird, bis hin zur atomaren Aufrüstung – etwa mit Hilfe von Pakistan –, nachdem dieser Krieg gezeigt hat, dass auch amerikanische Rückversicherung nicht absolut gilt. Wie um das noch zu unterstreichen, hat die Trump-Regierung bislang keinen neuen Botschafter nach Riad entsandt. Ebenso nicht nach Doha und Kuwait-City.

Auch der Iran seinerseits dürfte sein Nuklearpotenzial nun wohl im Schnellzugstempo ausbauen. Aus einer anderen Weltgegend lässt der Nordkoreaner Kim grüssen, den Trump bekanntlich nicht wie Maduro oder Khamenei „entfernt“, sondern als Kumpel begrüsst hatte.

Dubai mag eine gewisse Bedeutung behalten, da nicht zuletzt Iran viele seiner illegalen Geschäfte dort abwickelt. Mit dem Rückzug von „ehrlichem“ Kapital wegen zu grosser geopolitischer Risiken dürfte es aber noch vermehrt zum Wilden (Finanz-)Westen werden, where anything goes.

Auf Sand gebaut

Mit dem Irankrieg ist eine bisherige Annahme der Märkte gestorben. Jene, dass der Golf immer weiter wachsen wird und seine Sicherheit durch verschiedene Interessen garantiert werde. Diese Perzeption hat sich ins Gegenteil verkehrt und orientiert sich an der geopolitischen Realität. Diese besagt, dass die Grossregion inhärent instabil ist, wie ein Blick zurück – Irak, Syrien – beweist. Auch bei einer im Moment überhaupt nicht absehbaren Änderung im Iran wird dies auch in Zukunft so bleiben. Nicht zuletzt auch, wenn Israel weiterhin auf „forever war“ als beste eigene Sicherheitspolitik setzt. Wie der Irankrieg zeigt, wurde die Fata Morgana am Golf auf Sand gebaut.

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