Wer schlecht hört, will davon lieber nichts hören. Deshalb verzichten viele auf einen Hörtest. Doch der Hörverlust im Alter kann zu Einsamkeit und Depression führen, allenfalls sogar Demenz begünstigen. Abschreckend sind die hohen Preise für Hörgeräte.
Die Schwerhörigkeit im Alter ist weit verbreitet. Ein Drittel der Personen ab 75 Jahren sind gemäss einem Bericht des Schweizerisches Gesundheitsobservatoriums (Obsan 2022) hörbeeinträchtigt. Bei den über 80-Jährigen sind es vier von fünf Personen, die nicht mehr gut hören. Laut dieser Studie sind in der Schweiz 8,4 Prozent hörbeeinträchtigt: Sie haben Mühe, einem gewöhnlichen Gespräch zu folgen. Nach einer Schätzung von Pro Audito Schweiz, einer Selbsthilfeorganisation mit 3000 Mitgliedern, leiden sogar 1,3 Millionen Menschen unter Schwerhörigkeit. Doch die Hälfte der Betroffenen unternimmt nichts gegen Hörverlust. Oder erst viel zu spät, fünf bis sieben Jahre nach den ersten Symptomen.
Wie ist das mit dem Hörvermögen bei mir, Jahrgang 1951? Wieso muss ich in der Beiz immer öfter nachfragen? Warum den Fernseher für den Tatort lauter stellen? Mit der Ehefrau ein verbales Missverständnis klären? Sind das akustische Probleme oder doch Anzeichen für einen beginnenden Hörverlust? Ich melde mich bei Audika für einen Online-Hörtest an: Kopfhörer überstülpen, gut zuhören und die Taste drücken, wenn ich Wörter verstehe. Dann das Verdikt: «Sie haben einen leichten bis mittleren Hörverlust, in manchen Situationen kann das Hören und Verstehen für Sie eine Hausforderung sein.» Und nun? «Melden Sie sich jetzt zu einem Hörtest an», lautet die digitale Empfehlung.
Beträchtliche gesamtgesellschaftliche Kosten
Der Hörverlust komme meistens schleichend, sagt Michiel Aaldijk, Geschäftsführer von Pro Audito Luzern. «Wenn ich zum Beispiel immer wieder fragen muss ‘Hä, was hesch du gseit?’ Oder wenn im Konzertsaal die Töne nicht stimmen. Die Partnerin nachfragt, weil sie schon wieder keine richtige Antwort bekommen hat. Oder du im Restaurant nicht merkst, dass dich der Kellner angesprochen hat.» Der zunehmende Hörverlust hat fatale Folgen. Ältere Frauen und Männer hören immer schlechter, gehen weniger unter die Leute, geraten zwangsläufig in eine Abwärtsspirale. Denn das Gehirn empfängt immer weniger akustische Signale und schaltet schliesslich bestimmte Frequenzen ab – ein Teufelskreis.
Hörbeeinträchtigungen hätten «tiefgreifende Folgen auf den Alltag der Betroffenen», heisst es in der Obsan-Studie. Ältere Menschen mit Hörproblemen stürzen häufiger, ziehen sich aus dem sozialen Leben zurück, leiden unter Vereinsamung. Wer schwerhörig ist, wird häufiger krank, leidet öfter unter Gedächtnisstörungen oder Depressionen und lebt mit einem erhöhten Demenzrisiko.
Die gesamtgesellschaftlichen Lasten sind beträchtlich, Obsan schätzt sie für Hörbeeinträchtigungen auf jährlich rund sieben Milliarden Franken. «Die immatriellen und indirekten Kosten in Form von wirtschaftlichen Produktionsverlusten, unbezahlter Sorgearbeit von Angehörigen sowie verringerter Lebensqualität übersteigen dabei die direkten medizinischen Kosten um ein Vielfaches.» Dabei spielen sozioökonomische Faktoren wie Ausbildung, Einkommen und Beruf eine wichtige Rolle. «Die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person ohne nachobligatorische Ausbildung hörbeeinträchtigt ist, ist rund doppelt so hoch wie bei einer Person mit einem Abschluss auf Tertiärstufe.»
Hohe Hürden für den Entscheid für das Hörgerät
Oder anders gesagt: Die Wahrscheinlichkeit einer Hörbeeinträchtigung ist bei einem Hilfsarbeiter dreimal höher als bei einer Akademikerin. Die Verbreitung von Hörgeräten hat sich zwar unter Rentnerinnen und Rentnern innert 25 Jahren beinahe verdoppelt, von 7,1 auf 13.8 Prozent. Aber nur die Hälfte der Hörbeeinträchtigten entscheidet sich, ein Hörgerät zu tragen. Auch bei der Versorgung mit Hörgeräten spielen sozioökonomische Merkmale eine zentrale Rolle. Sowohl beim Ausbildungsniveau wie beim Haushaltseinkommen unterscheidet sich die sogenannte Hörgeräte-Adaptionsrate jeweils um 20 Prozent. Das heisst, sozial schlechter gestellte Personen tragen seltener ein Hörgerät und sind somit zusätzlich benachteiligt.
Laut Pro Audito Schweiz verzichten jährlich etwa 10‘000 Personen auf ein Hörgerät, weil sie es sich nicht leisten können. Das sei höchst problematisch, sagt Co-Geschäftsleiterin Heike Zimmermann. «Dabei weiss man aus medizinischer Sicht, dass eine frühe Versorgung sinnvoll wäre und weniger Kosten aufgrund von Folgeerkrankungen verursachen würde.»
Seit Jahren geben die teilweise übersetzten Preise für Hörgeräte zu reden, auch im Parlament. Mit der Einführung von Pauschalbeträgen, die für mehr Wettbewerb unter den Anbietern hätten sorgen sollen, wurden zwar die Ausgaben für AHV und IV reduziert – allerdings auf Kosten der Betroffenen. So müssen Menschen mit Schwerhörigkeit durchschnittlich 3‘700 Franken dazuzahlen. Seit der Reform, so brachte es Pro Audito Schweiz aufgrund einer eigenen Studie auf den Punkt, «muss man noch schlechter hören, um eine finanzielle Beteiligung von AHV und IV zu beziehen». So verzichtet ein Teil der einkommensschwachen Personen auf das Hörgerät – und setzt damit die eigene Gesundheit aufs Spiel.
Preise bis zu 7000 Franken
Auch Preisüberwacher Stefan Meierhans kritisierte letztes Jahr im «Kasssensturz» die hohen Preise für Hörgeräte. Sie seien in der Schweiz bis zu dreimal teurer als im Ausland. Laut einem Inserat von Amplifon, einem der grösseren Anbieter in der Schweiz, variieren die Preise zwischen 300 Franken (einfaches Basis-Hörgerät) und 3’320 Franken (Exzellenz) pro Ohr. Wenn ich mich im Bekanntenkreis umhöre, ist oft mit Kosten von über 4’000 Franken zu rechnen. Zum Teil belaufen sie sich mit den Anpassungen auf bis zu 7’000 Franken. Heute zahlt die AHV bei einem Gesamthörverlust von 35 Prozent alle fünf Jahre 630 Franken (Gerät und Anpassung für ein Ohr) beziehungsweise 1’238 Franken (für beide Ohren).
Ich melde mich, wie nach dem Online-Test empfohlen, bei Audika in Luzern zum Hörtest an. Wieder unentgeltlich und ohne jede Verpflichtung. Die Hörsystemakustikerin informiert über das Vorgehen, wirft einen Kontrollblick Blick ins Ohr («kein Ohrenschmalz») und bittet mich dann, den Kopfhörer aufzusetzen. Es folgen via Computer Tests mit Tönen und Worten, jeweils am rechten und am linken Ohr. Es tut nicht weh und dauert etwa dreissig Minuten.
Das Sprachaudiogramm ist für mich halbwegs erfreulich: Hörverlust links 13 Prozent, rechts 10 Prozent. Das bedeutet, dass ich im Alltag den Gesprächen gut folgen kann. Bei den hohen Tönen hingegen, dem Alter geschuldet, gibt es deutliche Einschränkungen. Das weiss ich bereits von ornithologischen Streifzügen. Jedenfalls haben sich das Sommer- und das Wintergoldhähnchen mit ihren hohen Stimmen schon länger von mir verabschiedet. Ein Hörgerät, so bilanziert die Akustikerin, bringe da keine Verbesserung und sei vorderhand nicht nötig. Sie empfiehlt jedoch eine jährliche Kontrolle. In einem Jahr werde ich zu einem nächsten Hörtest aufgeboten.