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Im Wald von Tamangur

Jeder Winter macht dem Frühling Platz

12. April 2026
Carl Bossard
Arven Tamangur
Abgestorbene Arven im Val S-charl, im «God da Tamangur» (Foto: Markus Bolliger)

Hoch über dem Unterengadin steht ein Wald, der Geschichten erzählt. Dieser höchstgelegene Arvenwald Europas ist ein Ort der widerständigen Naturkraft, der Erinnerung und der unaufhaltsamen Verwandlung. Wer ihn betritt, verlässt die gewöhnliche Zeit.

Das Unterengadiner Val S-charl, eine der südöstlichsten Ecken unseres Landes, birgt etwas Geheimnisvolles. Der einsame Landstrich liegt am Weg von Scuol über Lü ins Münstertal, ins Val Müstair. Diesen Weg bin ich wenn immer möglich bei meinen Aufenthalten im Bündnerland gegangen. Hier beginnt eine andere Welt: Tamangur.

Ein verborgenes Erbe

Der höchstgelegene zusammenhängende Arvenwald Europas liegt verborgen in diesem Seitental. (1) Die Geschichte der Gegend erzählt von Abgeschiedenheit und Härte. Hier wurde seit dem Mittelalter nach Silber und Blei gegraben. Wälder wurden geschlagen, Landschaften gewandelt. Und doch hat sich hier etwas gehalten, das älter ist als jede Nutzung: ein Rest, ein Widerstand, ein Gedächtnis.

«Ganz hinten im Val S-charl, wo alle andern Wälder aufhören», heisst es im Gedicht des rätoromanischen Poeten Peider Lansel (1863–1943), «stehen viele uralte Arven, von der Zeit und von den Stürmen zerfetzt.» Ein letzter Rest, «wie man ihn nirgends trifft» – Tamangur. (2)

Val S-charl
Kartenausschnitt Val S-charl (Landestopographie)

Die Gestalt des Widerstands

Und tatsächlich wirkt dieser Wald wie aus der Zeit gefallen. Kein geordneter Forst, keine geraden Linien. Die Arven stehen schief, geduckt, gezeichnet. Wind, Schnee und Blitz haben sie zerzaust. Äste wurden abgeschlagen, Stämme sind gekrümmt – und doch wächst alles weiter. Überleben heisst Verwandlung.

Arve
Arve im God da Tamangur (Foto: Susan Lock, Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL)

Der Weg dorthin nach dem Weiler S-charl beginnt unspektakulär. Föhren, Tannen und Arven teilen sich den Raum des Hangs. Noch scheint alles vertraut. Doch je höher man steigt, desto deutlicher wird: Die Arve übernimmt. Und mit ihr eine andere Ordnung. Abseits der Wege, im steilen Gelände, bleiben sie unter sich. Eigenwillige Gestalten, eine Gesellschaft von Individualisten, und doch bilden sie so etwas wie eine Gemeinschaft.

Manche dieser Bäume sind mehrere Jahrhunderte alt. Zweihundert Jahre gelten hier noch als jung. Einige standen schon, bevor Graubünden 1803 als eigenständiger Kanton zur Eidgenossenschaft kam. Ihre Rinde trägt Narben, ihre Formen erzählen von Stürmen, Lawinen, langen Wintern. Und selbst im Tod bleiben sie Teil des Lebens: als Schutz, als Nahrung, als Anfang von Neuem.

Die Stimme des Waldes
Wer sich an einen dieser Stämme lehnt, spürt mehr als nur Holz. Da ist Harz, schwer und würzig. Eine Ruhe, die nicht stillsteht, sondern trägt. Die Zeit verliert ihre Eile. Vielleicht ist es das, was Tamangur zu einem besonderen Ort macht: die stille Botschaft ohne Pathos, ohne grosse Geste, ein leiser Trotz.

Der Bündner Dichterin Madleina Stuppan (1930–2025) gab diesem Wald eine Stimme. Der Liedermacher Linard Bardill hat daraus eine Liebeserklärung an den Arvenwald von Tamangur geschaffen. In seinem Lied «Il bös-ch rumantsch – der romanische Baum» – fragt er:

«Sag, bist du noch da,
du Baum von Tamangur?
Der Sturm hat dich zerzaust,
und Halt findest du nirgends.»

Die Antwort:

«Ich bin und bleibe und weiche nicht,
ich gebe nicht nach, du wirst sehen,
ich weiss, dass jeder Winter
dem Frühling Platz macht.» (3)

So wird Tamangur zum Symbol: für eine Sprache, die unter Druck steht, für eine Kultur, die sich behaupten muss. Wie die Arven selbst: nicht unverwundbar, aber unbeirrbar. Vielleicht liegt das Geheimnis dieses Waldes darin, dass er sich nicht behauptet durch Stärke, sondern durch Wandel. Und dass er gerade darin Bestand hat.

Vergangenheit, Gegenwart und Kommendes lagern sich übereinander wie Jahresringe. Was war, wirkt fort; was kommt, ist schon angelegt. Jeder Schritt durch diesen Wald ist ein Schritt durch die Zeit. In Tamangur begreift der Mensch sich nicht mehr als Mass aller Dinge, sondern als Teil eines grösseren Werdens. Die Arven lehren Geduld. Und das Vertrauen, dass Winter kommen werden, immer wieder, und dass dennoch etwas weiterwächst. Wer Tamangur betritt, durchquert nicht einfach einen Wald. Er tritt in eine andere Zeitrechnung ein. Eine, in der Geduld mehr zählt als Geschwindigkeit und in der das Bleiben eine Form von Bewegung ist.

(1) Matthias Bürgi, Susan Lock (Hrsg.) (2025), God da Tamangur – ein Wald und seine Geschichte(n). Birmensdorf: Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL, S. 3
(2) Das Gedicht aus dem Unterengadiner Vallader ins Deutsch übersetzt hat Andri Peer (1921–1985), in: Stefanie Kusmann (2025), God da Tamangur: Die Geschichte eines symbolträchtigen Waldes, in: https://www.wsl.ch/de/news/god-da-tamangur-die-geschichte-eines-symboltraechtigen-waldes/ [abgerufen: 11.04.2026]. Aus dieser wissenschaftlichen Publikation stammen auch die Bilder.
(3) Übersetzt aus dem Vallader durch Conradin Mohr (2021)

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